21.02.13

Twitter

Teju Cole schickt Franz Kafka in den Drohnenkrieg

"Jemand musste Josef K. verleumdet haben," beginnt Kafkas "Prozess". Der New Yorker Autor Teju Cole schickt gleich darauf die Twitter-Drohne. Eine fürchterlich lustige Reimagination der Weltliteratur.

Von Jan Küveler
Foto: Teju Cole

Sieht sich gern als deutscher Schriftsteller, der amerikanisch schreibt: Teju Cole
Sieht sich gern als deutscher Schriftsteller, der amerikanisch schreibt: Teju Cole

Träumen Androiden von elektrischen Schafen?, fragte Philip K. Dick. Wenig später hieß Ridley Scott Harrison Ford über Hausdächer hechten, flüchtige Menschen im Visier, deren Herzen und Hirne im Labor gezüchtet worden waren. "Blade Runner" ist ein Meisterwerk der Science Fiction, was ja weniger ein Genre ist als der Ort, an dem Literatur und Philosophie zusammenstoßen.

In diesem Sinne ist Teju Coles New-York-Roman "Open City" Science Fiction. So kann man sich den Autor vorstellen: Bewaffnet mit W. G. Sebalds "Ringe des Saturn" – auch so ein Science-Fiction-Titel, hinter dem sich die Notizen eines einsam Wandernden verbergen –, spaziert er durch Manhattan, auf der Suche nach auratischen Augenblicken. Walter Benjamin – ein weiterer Gewährsmann Coles, der sich gern mal einen deutschen Autor nennt, der amerikanisch schreibt – hat diese Aura so auf den Begriff gebracht: "die einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag". Dieser Satz steht in Benjamins Aufsatz über "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit". Er meint den Schock des Unerwarteten im vermeintlich Bekannten, die Überraschung, wie erlebte Gegenwart plötzlich zwischen Nostalgie und Utopie zu schillern beginnt.

So lassen sich Benjamin und "Blade Runner" kurzschließen: In der gleichzeitigen Feier und Furcht vor der Reproduzierbarkeit des Menschen und seiner Kunst. In Form einer melancholischen Utopie formulieren sie eine Kritik, die das Ende von etwas beschreiben kann oder auch einen neuen Anfang.

"Blut auf den Wänden. Feuer vom Himmel"

Das alles steckt auch in sieben Tweets, die Teju Cole jetzt ins Internet posaunte, wo sie eifrig vervielfältigt werden. Cole hetzte sieben berühmten ersten Sätzen der Weltliteratur gewissermaßen den Blade Runner auf den Hals, in Form von sogenannten Killer-Drohnen, wie sie die amerikanische Regierung zumal zur Terroristenbekämpfung einsetzt.

"Jemand musste Josef K. verleumdet haben", paraphrasiert Cole Kafka, "denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens von einer Killer-Drohne getötet." Oder Joyce' "Ulysses": "Stattlich und feist erschien Buck Mulligan am Treppenaustritt, ein Seifenbecken in Händen. Eine Rakete pfiff herein. Blut auf den Wänden. Feuer vom Himmel." Wie Benjamin und der Blade Runner weiß Cole nicht recht, ob er sich vor der Welt, deren Zerrbild er liefert, mehr fürchten oder seine literarisch-auratische Neuerfindung mehr bewundern soll: "Mrs. Dalloway sagte, sie würde die Blumen selber kaufen. Zu dumm. Ein Überraschungsangriff machte den Floristen dem Erdboden gleich."

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