18.02.13

Bildungsdebatte

Warum das Sitzenbleiben in der Schule human ist

Josef Kraus, der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, warnt vor dem Abschaffen des Sitzenbleibens. In der Gesellschaft gebe es den Trend, den Kindern zu vieles abnehmen zu wollen.

Foto: dpa

Als Schüler eine Fünf in Mathe – später Finanzminister: Der heutige SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück brauchte für die 8. bis 10. Klasse fünf Jahre. Trotz schlechter Noten in Latein, Griechisch und eben Mathematik brachte er es später zum Bundesfinanzminister in der großen Koalition 2005 bis 2009. Davor war er Ministerpräsident, jetzt könnte er sogar Kanzler werden.

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Er selbst ist nie sitzen geblieben. Aber als Schuldirektor und langjähriger Schulpsychologe hat Josef Kraus viele Schüler begleitet, die Ehrenrunden drehen mussten. Im Interview warnt der Präsident des Deutschen Lehrerverbands vor einer Abschaffung des Sitzenbleibens.

Berliner Morgenpost: Herr Kraus, die neue niedersächsische Regierung will das Sitzenbleiben abschaffen. In Hamburg ist das schon Praxis. Warum sind Sie gegen die Abschaffung?

Josef Kraus: Da gibt es viele Gründe. Ich halte zunächst einmal gar nichts davon, dass das jetzt so überhitzt diskutiert wird, obwohl nur ein ganz geringer Anteil der Schüler davon betroffen ist. Man muss hier einmal die Realität zurechtrücken. Wir haben hier in Deutschland laut Statistik jedes Jahr 170.000 Sitzenbleiber. Das klingt auf den ersten Blick viel, man muss es aber in Beziehung setzen zu 11,4 Millionen Schülern. Dann haben wir eine Sitzenbleiberquote von 1,5 Prozent. Das ist wahrlich kein Drama. Was ich überhaupt nicht akzeptiere, sind finanzpolitische Überlegungen unter dem Motto: Wenn wir das Sitzenbleiben abschaffen, sparen wir damit Geld. Das Wiederholen einer Jahrgangsstufe ist eine pädagogische Maßnahme. Wenn diese sinnvoll ist, und dafür halte ich sie, dann muss es dem Bildungswesen das auch wert sein, dass ein Schüler diese zusätzliche Runde dreht.

Berliner Morgenpost: Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung kostet Sitzenbleiben den Steuerzahler fast eine Milliarde Euro jährlich, bringt aber nichts.

Kraus: Das ist eine Milchmädchenrechnung aus dem akademischen Elfenbeinturm. Da wird einfach ein bestimmter Pro-Kopf-Betrag angenommen. Viele Schüler, die wiederholen, machen aber nicht zwangsläufig eine Teilung der Klasse notwendig. Sie sind in der nachfolgenden Klasse der 28. oder der 31. Schüler. Deswegen muss nicht mehr Geld für Personal ausgegeben werden. Tatsache ist: Schüler, die immer wieder mit Ach und Krach in die nächst höhere Jahrgangsstufe vorrücken, haben irgendwann so kumulierte Wissenslücken, dass es am Ende gar nicht mehr geht. Das Gros der Sitzenbleiber hat in drei oder vier Fächern eine Fünf. Einen solchen Schüler in die nächst höhere Jahrgangsstufe hineinzuschieben heißt, dass die jungen Leute ihre Defizite nicht ausgleichen können und ständig ihren Frustrationen hinterherlaufen.

Berliner Morgenpost: Was ist langfristig die Konsequenz des Verzichts auf das Sitzenbleiben?

Kraus: Man gaukelt den Kindern ein Leistungsvermögen vor, das sie nicht haben. Man schiebt sie wider besseres Wissen bis zur Abschlussprüfung. Für mich ist es humaner, einem 13-Jährigen zu sagen: Du wiederholst jetzt ein Jahr, weil es für dich eine Chance zu Konsolidierung ist. Das ist besser, als ihn bis zur Prüfung zur hieven und dann zu sagen: April, April, aber du bist einfach nicht leistungsstark genug.

Berliner Morgenpost: Gegner des Sitzenbleibens sagen, die Erfahrung des Sitzenbleibens bedeute eine große Demütigung und oft auch eine soziale Isolation im neuen Klassenverband. Dies könne prägend für den späteren Lebensweg werden.

Kraus: Ach, das ist doch nur Projektion! Die Realität ist eine völlig andere. Die sieht so aus, dass die Wiederholer, weil sie älter und oft auch etwas frecher sind, zu Klassensprechern gewählt werden und die Leitfiguren sind. Diese Kritik kann ich aus über 30 Jahren Erfahrungen in der Schulpraxis nicht bestätigen, weder als Leiter eines Gymnasiums noch als langjähriger Schulpsychologe eines ganzen Bezirks. Sitzenbleiben ist kein Trauma.

Berliner Morgenpost: In Hamburg gilt jetzt das Prinzip: Fördern statt sitzen bleiben lassen. Wer eine Fünf hat, erhält kostenlos Nachhilfe. Klingt einleuchtend.

Kraus: Den Schüler, der mit einer Fünf durchfällt, gibt es nicht. Wir haben in allen Bundesländern mittlerweile liberale Regelungen. Man kann auf Probe vorrücken oder mit mehreren Fünfen im Zeugnis eine Nachprüfung machen. Es bleiben die gravierenden Fälle von Sitzenbleibern, die in vier oder fünf Fächern eine Fünf haben. Was bedeutet es, wenn sie trotzdem weiterkommen? Diese Schüler haben etwa in der Mittelstufe des Gymnasiums schon eine 34-Stunden-Unterrichtswoche. Jetzt sollen sie auch noch in vier, fünf Fächern Förderunterricht nehmen. Die haben dann einen Stundenplan, der manchen Manager in den Burn-out treiben würde. Da ist die Chance, die Leistungen dieser Schüler durch eine Wiederholungsrunde zu konsolidieren und zu stabilisieren, doch viel größer.

Berliner Morgenpost: Kritiker bezweifeln das.

Kraus: Bei denen, die das Sitzenbleiben abschaffen wollen, herrscht ein total idealisiertes Bild von Schülern. Man tut so, als sei immer nur das System schuld, wenn jemand nicht vorankommt. Tatsache ist, dass sich einige Schüler in bestimmten Phasen weniger anstrengen. Davon sind die Jungs stärker betroffen als die Mädchen, deswegen haben wir bei Ersteren ja auch eine doppelte Wiederholerquote. Ich glaube, dass ein beachtlicher Anteil von Schülern das Risiko des Scheiterns braucht, um mehr in Schule zu investieren. Es ist doch kein Zufall, dass die Länder mit den liberalsten Noten und Bedingungen bei den Pisa-Studien am Ende der Skala liegen.

Berliner Morgenpost: Gibt es eine Entwicklung in unserer Gesellschaft, den Kindern alles abzunehmen?

Kraus: Absolut. Ich sehe sowohl im schulischen wie auch im familiären Bereich den Trend, den Kindern alles aus dem Weg zu räumen und sie über noch so kleine Hürden zu heben. Dadurch kann kein Gefühl von Eigenverantwortung entwickelt werden. Da kann auch kein Selbstbewusstsein entstehen, dass man es selbst geschafft hat.

Berliner Morgenpost: Andererseits müssen Elfjährige teilweise schon regelrechte Assessmentcenter durchlaufen, um auf weiterführenden Schulen angenommen zu werden.

Kraus: Aber das ist doch das Ergebnis! In dem Moment, in dem die Bildungspolitik total egalisiert – durch die Abschaffung von Noten und des Sitzenbleibens zum Beispiel –, fördert sie eine hohe Selektivität. Weil es natürlich Eltern und Anbieter gibt, die einen elitären Anspruch haben und dann auf diese Weise Auslese betreiben. Nehmen Sie die USA: Im öffentlichen Schulwesen haben Sie ein breit gestreutes unteres Mittelmaß. Die Egalisierung auf niedrigem Niveau lässt dann sozial selektive Einrichtungen entstehen, in denen es knallhart zugeht.

Berliner Morgenpost: Was sagt die Debatte über unsere Gesellschaft aus?

Kraus: Erstens: Wir reden einer naiven Erleichterungspädagogik das Wort. Zweitens: Hier wird eine populistische Gefälligkeitspolitik betrieben, die unseren Kindern nicht nützt, sondern schadet.

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