18.02.13

Tote Babys

Umgebracht oder zum Sterben ausgesetzt

2012 wurden in Deutschland 27 Leichen von Babys gefunden, die nach der Geburt getötet oder unversorgt versteckt wurden. Das wirft Fragen nach dem Sinn von Babyklappen auf.

Von Matthias Kamann
Foto: dpa

In diesem Haus im niedersächsischen Ostertimke wurden im Juli 2012 die Leichen zweier Kinder entdeckt
In diesem Haus im niedersächsischen Ostertimke wurden im Juli 2012 die Leichen zweier Kinder entdeckt

Im vergangenen Jahr sind in Deutschland deutlich mehr Neugeborene tot aufgefunden worden als im Jahr zuvor. Insgesamt 27 Babys waren entweder kurz nach der Geburt getötet oder aber unversorgt an versteckten Orten ausgesetzt worden, wo sie dann rasch starben. 2011 wurden nur 16 solcher Babyleichen gefunden.

Dies ist das Ergebnis einer Erhebung des Kinderhilfswerks Terre des hommes, das alljährlich alle deutschen Medienberichte über aufgefundene Neugeborene auswertet. Weil als Quellen somit nur öffentlich zugängliche Berichte genutzt werden konnten, ist nicht auszuschließen, dass die tatsächliche Zahl der Kindstötungen und -aussetzungen in Deutschland noch höher liegt.

Zahl möglicherweise noch höher

Denn terre des hommes hält es für möglich, dass es weitere Fälle gab, die zwar der Polizei bekannt sind, nicht aber in den Medien dargestellt wurden. Eine offizielle Statistik über Neugeborenen-Tötungen in Deutschland gibt es nicht. Daher sind die Daten von Terre des hommes die einzigen verfügbaren.

Zu dem starken Anstieg der Zahlen von getöteten Kindern hat allerdings beigetragen, dass 2012 insgesamt zwölf tote Kinder gefunden wurden, die bereits in früheren Jahren umgebracht worden waren.

So entdeckte man im April 2012 im hessischen Langgöns gleich drei Babyleichen – keine Drillinge –, die eine Mutter schon vor Jahren in eine Camping-Kühlbox gesteckt hatte. Ebenfalls drei ältere Leichen von Neugeborenen fand man im September 2012 im Keller eines Wohnhauses in Husum.

Zudem wurden im niedersächsischen Ostertimke im Juli die Leichen von zwei Babys entdeckt, die zwischen 1996 und 2001 geboren und von der Mutter unversorgt auf dem Dachboden ihres damaligen Hauses versteckt worden waren. Hinzu kommen vier einzelne "Alt-Fälle".

Zieht man diese insgesamt zwölf jahrelang zurückliegenden Tötungen ab, ergibt sich für 2012 eine Zahl von 15 Kindern, die kurz nach der Geburt umgebracht wurden. Diese Zahl liegt auf dem Niveau des Vorjahres, in dem allerdings ebenfalls "Alt-Fälle" entdeckt wurden.

Kein Rückgang trotz Babyklappen

Damit zeigt sich in der Zusammenschau mehrerer Jahre, dass die Zahl der pro Jahr verübten und dann nach wenigen Tagen entdeckten Neugeborenen-Tötungen Deutschland recht konstant zwischen zehn und 20 liegt, dass sich aber alljährlich zudem weitere Fälle ereignen – offenbar bis zu zehn –, die erst in den Folgejahren ans Licht kommen.

Da somit die Zahlen seit Jahren konstant sind, fragt sich wieder, welchen Nutzen die rund 80 deutschen Babyklappen sowie die schätzungsweise gut 250 Angebote für anonyme Geburten haben, bei denen eine Hochschwangere im Krankenhaus ohne Angabe ihres Namens entbindet und das Kind in der Klinik zurücklässt.

Gedacht sind diese Angebote zur "anonymen Kindesabgabe", die es in Deutschland seit etwa 1999 gibt, vor allem für Frauen, die aus irgendwelchen Gründen Schwangerschaft und Geburt verheimlichen wollen oder müssen. Hier können sie ihre Kind wohlbehalten abgeben – anstatt es umzubringen oder unversorgt irgendwo abzulegen.

Mütter nahmen Tod des Kindes in Kauf

Doch wenn sich zeigt, dass trotzdem weiterhin ein konstant bleibende Zahl von Neugeborenen getötet wird, ist sehr zweifelhaft, ob Babyklappen tatsächlich eine lebensrettende Funktion haben. Dies gilt umso mehr, als Neugeborenen-Tötungen sich nach wie vor auch an solchen Orten ereignen, an denen es anonyme Angebote gibt. Im bayerischen Landkreis Altötting ist das der Fall - trotzdem versteckte dort im Februar 2012 eine minderjährige Mutter den Leichnam ihres neugeborenen Kindes.

Auch in Berlin, wo es zahlreiche Klappen und Möglichkeiten für anonyme Geburten gibt, entdeckte man tote Babys. Eines im April im Stadtteil Reinickendorf, eines im Dezember in Karow, wo eine 23-Jährige in der Wohnung ihrer Eltern ein Kind geboren und anschließend getötet hatte.

Durchweg sieht es so aus, als hätten die in Panik handelnden Frauen mit offenbar schweren psychischen Störungen so gehandelt, dass das Kind sterben musste. Entweder brachten sie die Neugeborenen selbst um, indem sie die Babys in Plastiktüten erstickten. Oder sie legten die noch lebenden Kinder an Orten ab, an denen eine Auffindung extrem unwahrscheinlich war, sodass die Kinder fast zwangsläufig sterben mussten.

Im schleswig-holsteinischen Seestermühe etwa wurde ein totes Baby in einem Stall entdeckt. Im saarländischen Merzig fand man die Leiche eines Säuglings in einem ausrangierten Kinderwagen, der so versteckt stand, dass die Leiche dort monatelang unentdeckt blieb.

Baby im Straßengraben

Allerdings gibt es einen Fall, wo ein solcherart verstecktes Kind durch Zufall noch lebend entdeckt wurde. Bei Mechernich in Nordrhein-Westfalen lag ein lebender Jungen zwei Tage nach seiner Geburt im Graben eines Feldwegs, wurde durch Zufall gefunden und konnte gerettet werden. Analytisch müsste man dieses Kind jenen zurechnen, bei denen die Mutter den Tod des Babys in Kauf nahm; bei terre des hommes verzeichnet man es aber natürlich auf der Liste ausgesetzer Neugeborener, die rechtzeitig gefunden und gerettet werden konnten.

Insgesamt zehn solcher Fällte wurden 2012 registriert, und hier ist fast durchweg zu erkennen, dass die Mutter den Tod des Kindes nicht wollte. Denn abgelegt wurden diese Kinder an viel frequentierten Orten: In Angermünde (Brandenburg) war es die Laderampe eines Supermarktes, in Schöningen (Niedersachsen) der Eingang einer Polizeiwache, an mehreren anderen Orten Kliniken oder Krankenhäuser. Hier hätten die Mütter auch anonyme Angebote nutzen können, taten dies aber nicht – und stellten trotzdem sicher, dass das Kind überlebt.

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