18.02.13

Bildung

Glaubenskrieg ums Sitzenbleiben an deutschen Schulen

Die Debatte über die Abschaffung des Sitzenbleibens entwickelt sich zu einem heftigen Schlagabtausch: Deutsche Lehrer warnen vor scheiternden Schülern und Gefahren für den internationalen Wettbewerb.

Foto: dpa

Als Schüler eine Fünf in Mathe – später Finanzminister: Der heutige SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück brauchte für die 8. bis 10. Klasse fünf Jahre. Trotz schlechter Noten in Latein, Griechisch und eben Mathematik brachte er es später zum Bundesfinanzminister in der großen Koalition 2005 bis 2009. Davor war er Ministerpräsident, jetzt könnte er sogar Kanzler werden.

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Die Absicht mehrerer Bundesländer, das Sitzenbleiben in den Schulen mittelfristig abzuschaffen, stößt bei Lehrern auf deutliche Ablehnung. Josef Kraus, seit 1987 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL), kritisierte gegenüber der "Welt": "Bei denen, die das Sitzenbleiben abschaffen wollen, ist ein total idealisiertes Bild von Schülern vorhanden. Man tut so, als sei immer nur das System schuld, wenn jemand nicht vorankommt."

Ein beachtlicher Anteil von Schülern brauche das Risiko des Scheiterns, "um mehr in Schule zu investieren". "Es ist doch kein Zufall, dass die Länder mit den liberalsten Noten und Bedingungen bei den Pisa-Studien am Ende der Skala liegen", betonte Kraus.

Für ihn sei es humaner, einem 13- oder einem 15-jährigen zu sagen: "Du wiederholst jetzt ein Jahr, weil es für dich eine Chance zu Konsolidierung ist."

Ähnlich äußerte sich der Vorsitzende des Verbandes Deutscher Realschullehrer (VDR), Jürgen Böhm. "Mit dieser leistungsfeindlichen Einstellung kann man im internationalen Wettbewerb um die besten Köpfe nicht bestehen und wird langfristig im Mittelmaß enden", kritisierte er.

"Schule muss sich nach den Kindern richten"

"Wenn die wenigen Kinder oder Jugendlichen die in einem gewissen Zeitraum gestellten Standards trotz aller angebotenen Fördermaßnahmen nicht erfüllt haben, dann müssen diese die Möglichkeit der Wiederholung wahrnehmen können", betonte Böhm. Der VDR vertritt nach eigenen Angaben etwa 20.000 Lehrer an Schulen im Sekundarbereich.

Der Plan von Rot-Grün in Niedersachsen, mittelfristig das Sitzenbleiben abzuschaffen, hatte die Debatte über den Umgang mit leistungsschwachen Schülern neu angefacht. Der Präsident der Kultusministerkonferenz, Stephan Dorgerloh (SPD), begrüßte das Konzept und verlangte mehr individuelle Förderung für Schulkinder.

Der Landesvorsitzende der SPD in Schleswig-Holstein, Ralf Stegner, sagte gegenüber der "Welt": "Die Schule muss sich nach den Kindern richten, nicht die Kinder nach der Schule." Die Wiederholung einer Klasse solle in Zukunft nur noch möglich sein, wenn Eltern und Lehrer in Einzelfällen zustimmten.

Löhrmann – "Verschwendung der Lebenszeit"

Auch NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) bezeichnete die Wiederholung von Schuljahren als eine "Verschwendung der Lebenszeit". "Meistens haben die Schüler Schwächen in einzelnen Fächern und nicht generell", erklärte die Grünen-Politikerin am Sonntag in Düsseldorf. Es gehe darum, in diesen Fächern möglichst früh einzugreifen und individuell zu fördern.

"Wir in NRW wählen einen sanften, gleichwohl zielorientierten Weg: Wir schaffen das Sitzenbleiben nicht rigoros ab, sondern wollen es durch individuelle Förderung möglichst überflüssig machen." Die Schulen seien gefordert, Verantwortung für die Schüler zu übernehmen.

Nach ihren Angaben sind die Sitzenbleiberquoten in Nordrhein-Westfalen in den letzten Jahren spürbar gesunken. "Der Auftrag 'Fördern statt Wiederholen' ist angekommen. In den Gesamtschulen gibt es in der Regel kein Sitzenbleiben – und die Erfahrungen sind insgesamt positiv."

Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) bezeichnete die Abschaffung des Sitzenbleibens dagegen als Unsinn. "Man entkleidet sich ohne Not eines pädagogischen Instruments, das den Schülern die Möglichkeit bietet, Versäumtes nachzuarbeiten", sagte er der "Süddeutschen Zeitung".

"Wir haben die niedrigste Schulabbrecher-Quote"

SPD und Grüne haben in Niedersachsen in ihrem Koalitionsvertrag als Ziel festgeschrieben, "Sitzenbleiben und Abschulung durch individuelle Förderung überflüssig (zu) machen". Die designierte niedersächsische Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) verwies auf die guten Erfahrungen, die man mit dem Verzicht aufs Durchfallen an integrierten Gesamtschulen gemacht habe: "Wir haben an den Schulen die niedrigste Schulabbrecher-Quote überhaupt", sagte sie. "Aber natürlich müssen die Schulen auch in die Lage versetzt werden, so arbeiten zu können."

Bundesweit wiederholen pro Jahr etwa zwei Prozent aller Schüler eine Klasse. In den vergangenen Jahren haben eine ganze Reihe von Ländern entschieden, das Durchfallen ganz oder zumindest teilweise für bestimmte Jahrgangsstufen oder Schulformen zu streichen.

In Hamburg zum Beispiel ist Sitzenbleiben zurzeit in den Klassen 1 bis 9 abgeschafft, bis 2017 soll das für alle Klassen gelten. Schulsenator Ties Rabe (SPD) sagte: "Wir haben eine Ersatzregelung eingeführt, die lautet: Wer in einem Kernfach eine 5 in einem Zeugnis hat, muss in eine kostenlose schulische Nachhilfemaßnahme."

Rheinland-Pfalz will Verzicht aufs Sitzenbleiben testen

Das rot-grün regierte Rheinland-Pfalz will in einem Modellversuch den Verzicht aufs Sitzenbleiben testen. "Das ist im Koalitionsvertrag festgeschrieben", sagte der Sprecher des Bildungsministeriums, Wolf-Jürgen Karle. In Berlin müssen nur Gymnasiasten und – im Ausnahmefall – Grundschüler befürchten, eine Klasse wiederholen zu müssen.

In der kürzlich von Grün-Rot in Baden-Württemberg eingeführten Gemeinschaftsschule können die Kinder schon heute nicht mehr durchfallen. Das wolle er Schritt für Schritt auch an den anderen Schulen durchsetzen, sagte der Stuttgarter Kultusminister Andreas Stoch (SPD). "Die Angst vor dem Sitzenbleiben ist keine sinnvolle Lernmotivation für die Schülerinnen und Schüler."

In Bayern drehten im vergangenen Schuljahr 2,3 Prozent der Gymnasiasten, 2,6 Prozent der Realschüler und 1,1 Prozent der Mittelschüler eine "Ehrenrunde".

Quelle: mir/dpa/DW/mcz
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