18.02.13

Berlin

Wo Schüler aus 28 Nationen unterrichtet werden

An der Herman-Nohl-Schule werden Kinder und Jugendliche aus den verschiedensten Nationen unterrichtet. Sie liegt im Berliner Problembezirk Neukölln und ist für den Deutschen Schulpreis nominiert.

Foto: picture alliance / dpa

Schüler der 5. Klasse der Hermann-Nohl-Schule beschäftigen sich mit ihren "Smartboards"
Schüler der 5. Klasse der Herman-Nohl-Schule beschäftigen sich mit ihren "Smartboards"

Schulleiterin Ilona Bernsdorf hat einen Traum. "Alle Förderschwerpunkte werden abgeschafft und durch den Förderschwerpunkt Liebe ersetzt", sagt sie der "Berliner Morgenpost". Jedes einzelne Kind bekäme dann die Aufmerksamkeit, die es brauche. An ihrer Schule ist dieser Traum fast schon Wirklichkeit. Bernsdorf leitet seit sieben Jahren die Herman-Nohl-Schule in Neukölln. Grundschule, Förderschule und Staatliche Europaschule befinden sich dort unter einem Dach.

Die Schüler kommen aus 28 Nationen, sie sind zwischen fünfeinhalb und 18 Jahre alt, einige sind hochbegabt, andere förderbedürftig. Die meisten sprechen mindestens zwei Sprachen.

Für Schulleiterin Bernsdorf und ihr Kollegium ist diese Vielfalt ein Gewinn. Mit unterschiedlichen Projekten versuchen sie, die verschiedenen Schüler zusammenzuführen. Jeder kann so von den Stärken des anderen profitieren. Ein Beispiel ist das Projekt mit dem Zirkus Mondeo, an dem sich seit vier Jahren alle Schüler der Herman-Nohl-Schule beteiligen. 20 Vorstellungen haben die Kinder schon bestritten.

Wichtig ist auch, dass die dort angebotenen Schulsparten nicht räumlich voneinander getrennt sind. Die Klassenzimmer der Kinder mit dem Förderschwerpunkt Lernen befinden sich hier neben denen der Schüler der Deutsch-Italienischen Europaschule oder denen der Regel-Grundschule. Kurze Wege ermöglichen gemeinsame Aktivitäten. Nicht zuletzt wegen dieses Konzepts gehört die Herman-Nohl-Schule zu den 20 Schulen, die in diesem Jahr für den Deutschen Schulpreis nominiert sind.

Im selben Bezirk wie die Rütli-Schule

Der von Robert-Bosch-Stiftung, ZDF und "Stern" initiierte Wettbewerb ist der größte und höchstdotierte deutsche Schulwettbewerb. Seit 2006 werden jährlich die besten deutschen Schulen gesucht. Prämiert werden letztlich fünf Schulen, die pädagogisch Herausragendes leisten und Vorbilder für die Schulentwicklung in Deutschland sein können. Der Hauptpreis ist mit 100.000 Euro dotiert.

Die Jury wird sich Ende Februar ein Bild vom Alltag an der Herman-Nohl-Schule machen, die im selben Bezirk liegt wie die Rütli-Schule, die vor Jahren wegen verheerender Zustände negative Schlagzeilen erzeugte. Schulleiterin Bernsdorf ist stolz auf die Nominierung. "Wir sind eine Schule in Nord-Neukölln. Viele denken deshalb, dass wir vor allem Probleme haben", sagt sie. Stattdessen seien sie preisverdächtig. "Selbst wenn wir nicht gewinnen, dass wir zu den besten 20 gehören, ist eine Bestätigung für unsere Arbeit."

Die Schüler der Klasse 5c haben an diesem Donnerstagvormittag Besuch von Kindern aus der 3a. Gemeinsam wollen sie ein ökologisches Frühstück vorbereiten. Auf dem Whiteboard hinter dem Lehrertisch ist bereits eine Einkaufsliste zu sehen. Lebensmittel wie Schinken, Gouda, Ziegenkäse, Birnen, Weintrauben, weiße Brötchen sind dort aufgeführt.

Die Schüler sitzen in Gruppen an mehreren Laptops und vervollständigen diese Liste. Anna Maria aus der 5c erklärt Kirthigan aus der dritten Klasse, dass sie beim Einkauf im Supermarkt darauf achten werden, dass möglichst alle Produkte aus der Region stammen und biologisch angebaut worden sind.

"Viele haben es zu Hause nicht leicht"

Zwei Etagen tiefer, im Mehrzweckraum der Schule, sitzen Erst- und Zweitklässler vor ihren Trommeln. Konzentriert folgen sie den Anweisungen ihres Percussion-Lehrers Patrick. Der schwarze Musiker ruft mit lauter Stimme eine Zahl in den Raum. Sagt er fünf, schlagen die Kinder fünfmal hintereinander mit ihren hölzernen Trommelstöcken auf die Instrumente. Patrick gibt den Rhythmus vor – alle machen es ihm nach. Der Raum scheint zu bersten vor Kraft und Lebensfreude.

Auch Schulleiterin Ilona Bernsdorf ist begeistert. "Die Kinder haben Spaß, gleichzeitig lernen sie, sich zu konzentrieren, ihre Bewegungen zu koordinieren", sagt sie. Patrick komme seit zwei Jahren in die Schule, um mit Schülern aller Altersgruppen zu trommeln. "Es ist wichtig, dass solche Angebote regelmäßig und kontinuierlich stattfinden."

Verlässlichkeit spiele für die Entwicklung der Kinder eine große Rolle. "Viele haben es zu Hause nicht leicht. Es ist Aufgabe der Schule, ihnen Halt zu bieten, Vertrauen herzustellen", sagt Bernsdorf.

Ilona Bernsdorf hat die Schule an der Neuköllner Hannemannstraße vor sieben Jahren übernommen. Damals hatte sie drei große Ziele. "Ich wollte einen Entspannungsraum für die Kinder, ein Pädagogenteam, das nach den Methoden von Maria Montessori unterrichten kann und einen Schulgarten", sagt sie. Diese Vorhaben wurden umgesetzt.

In jeder Klasse hängt ein "Whiteboard"

Darüber hinaus gehört die Herman-Nohl-Schule mittlerweile zu den IT-Schwerpunktschulen der Hauptstadt. Kreidetafeln gibt es hier nicht mehr. In jeder Klasse hängt dafür ein interaktives "Whiteboard". Außerdem sind mehr als 200 Computer und Laptops im Einsatz. Alle Schüler werden im Umgang mit dem Internet geschult. Wer an einem dieser Kurse erfolgreich teilgenommen hat, bekommt das Internet-Seepferdchen.

Die Schulleiterin ist kaum zu bremsen, wenn sie von ihren Schülern, den Projekten, Unterrichtsmethoden und Angeboten ihrer Schule erzählt. "So etwas erwarten die wenigsten in Nord-Neukölln", sagt sie. Der Stolz über das Erreichte ist nicht zu überhören.

Auch nach außen hat sich die Neuköllner Schule geöffnet. Ein Beispiel dafür ist das Zirkusprojekt. Regelmäßig nehmen daran auch Kinder der jüdischen Heinz-Galinski-Schule aus Charlottenburg-Wilmersdorf sowie der Marzahner Förderschule Geistige Entwicklung teil.

Schulleiterin Bernsdorf und ihre Kollegen sorgen sich jedoch, wie es mit der Förderschule weitergehen wird. In Berlin soll das gemeinsame Lernen behinderter und nicht behinderter Kinder zum Regelfall werden. Fachleute sprechen von Inklusion. Die Bildungsverwaltung arbeitet bereits seit Längerem an einem entsprechenden Konzept. Die meisten Förderschulen sollen bald aufgelöst werden.

Zahl der Kinder deutlich zurückgegangen

"Auch unserer Förderschule droht das Aus", sagt Bernsdorf. Die Zahl der Kinder dort sei bereits deutlich zurückgegangen. Bernsdorf befürchtet nun, dass mit dem Auslaufen der Schule die Sonderpädagogen abgezogen werden.

Beim Rundgang durch die Schule treffen wir auch Sonja und Elisa. Die beiden Mädchen besuchen die zweite Klasse der Europaschule. Sie haben sich an diesem Vormittag in eine ruhige Ecke am Ende des Ganges zurückgezogen. Sonja übt für einen Vorlesewettbewerb. Sie liest aus einem italienischen Kinderbuch. Elisa soll zuhören und bewerten.

Es geht um ein Monster mit sehr vielen Haaren. Sonja liest mit verstellter Stimme wie eine Schauspielerin. Das Italienische geht ihr so fließend von den Lippen, als wäre es ihre Muttersprache.

Als wir uns vom Team der Herman-Nohl-Schule verabschieden, treffen wir auch Schulhündin Lilly. Dass es sie gibt, ist ein Zeichen für den unkonventionellen Stil von Ilona Bernsdorf. Sie nennt die Golden-Retriever-Dame, die zum Therapiehund ausgebildet wurde, die "heimliche Schulleiterin". Jeder, der Kummer an der Schule hat, werde von ihr getröstet.

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