14.02.13

Papstrücktritt

Ein letztes Halleluja in bayerischem Italienisch

Benedikt XVI. empfängt beim ersten großen Auftritt seit seiner Rücktrittserklärung Zehntausende zu einer Generalaudienz.

Von Paul Badde
Foto: REUTERS

Papst Benedikt XVI. grüßt die Anwesenden
Papst Benedikt XVI. grüßt die Anwesenden

Vor der Engelsburg haben Sender aus aller Welt ihre Übertragungswagen aufgebaut. In Roms Herbergen stehen die Telefone kaum still. Aus allen Kontinenten strömen Pilger in die winterhelle Stadt, wo sie den Papst aus Deutschland noch einmal persönlich erleben wollen – und sei es auch nur aus der Ferne. Bei seiner vorletzten Generalaudienz platzt die moderne Nervi-Halle neben dem deutschen Campo Santo schon Stunden vorher aus allen Nähten. Über Nacht hat plötzlich jedes seiner letzten Worte Vermächtnischarakter angenommen.

Doch der Papst betritt den Saal, als wäre nichts geschehen. Er kommt von links auf die Bühne, wie immer in Weiß und nicht mit der roten Samt-Mozzetta und der päpstlichen Stola, mit der er den Kardinälen am Montag seinen Rücktritt verkündet hat. Ein vorletztes Mal tritt er noch einmal als Lehrer vor die Welt, mit kurzen, tastenden Schritten und gefalteten Händen. Dann allerdings ist nichts mehr wie sonst.

"Viva il Papa!"

Tosender Applaus empfängt Benedikt XVI., ein Applaus, der gar nicht mehr zur Ruhe kommen will, als sich der Papst auf seinem Lehnstuhl niederlässt. Auf einem Banner steht "Danke, Eure Heiligkeit" zu lesen. Er schaut scheu lächelnd in die Menge zurück – als könnte er immer noch nicht fassen, dass die "signori cardinali" ihn vor bald acht Jahren zum Nachfolger Petri gewählt haben. Hier sprach er damals vor Gästen aus Deutschland auch von der "Guillotine", die er mit der Wahl auf sich zurasen sah. Jetzt steht ihm hier eine leise Erleichterung ins Gesicht geschrieben – auch vor der Freude der Pilger, dass der Kopf des Papstes immer noch auf seinem Hals ruht. "Liebe Brüder und Schwestern!", spricht er sie an. In dem Applaus muss er mehrmals ansetzen.

BenediktXVI. lässt das Manuskript sinken, hebt und dreht seine rechte offene Hand zur Höhe, wie er es schon als Professor vor seinen Studenten gemacht hat, und wendet sich persönlich an die Menge: "Danke, danke für eure Zuneigung in diesen für mich nicht einfachen Tagen! Und Dank für eure Gebete zu meiner Unterstützung, die ich in diesen Tagen fast körperlich wahrgenommen habe."

Dann nimmt er den Text auf und liest in seinem bayrischen Italienisch, das viele Römer schon jetzt zu vermissen beginnen: "Wie ihr wisst, habe ich mich dazu entschlossen, auf das Amt, das mir der Herr am 19. April 2005 anvertraut hat, zu verzichten. Ich habe dies in voller Freiheit zum Wohl der Kirche getan, nachdem ich lange gebetet und vor Gott mein Gewissen geprüft habe."

Er sei sich des Ernstes dieses Aktes sehr bewusst – aber auch, dass er nicht mehr in der Lage sei, das Petrusamt mit der dafür erforderlichen Kraft auszuüben. "Ich danke euch allen für die Liebe und für das Gebet, mit dem ihr mich begleitet habt. Danke!", sagt Bendikt. "Betet weiter für mich, für die Kirche und für den kommenden Papst. Der Herr wird uns leiten." Applaus und Rufe unterbrechen ihn wieder: "Viva il Papa! Benedetto, Benedetto!"

Benedikt wirkte gelöst

Dann beginnt Benedikt mit der 347. Katechese seines Pontifikats, und es wird still in der riesigen Halle. Natürlich redet er – wie an jedem Aschermittwoch – über die Fastenzeit und erinnert dabei an das 40-tägige Fasten Jesu in der Wüste, das aber nicht von einem befreienden Osterfest gekrönt wurde, sondern von einer Begegnung mit dem Satan, der dem ausgehungerten Heiland am Ende von dessen Exerzitien als Versucher gegenübertritt.

Benedikt wirkte bei der Audienz gelöst, aber auch gebrechlich und müde. Immer wieder aber lächelt er, so auch in den Applaus, der ihn am Schluss wieder wärmer umfängt. Er bedankt sich bei Kindern, die ihm ein "Te Deum" gesungen haben, dieses für ihn "so besonders liebe Lied".

Eine Stunde nach der Audienz hat der Papst übrigens wieder einen Tweet abgesetzt, natürlich auf Latein: "Quadragesimae hoc quod iam inimus tempore nostrum conversionis officium redintegramus studiumque plus nempe Deo spatii tribuendo – In der Fastenzeit, die wir nun beginnen, erneuern wir unseren Vorsatz zur Umkehr und wollen Gott Raum geben."

Die letzte Generalaudienz von Benedikt XVI. ist für den 27. Februar, den Tag vor seinem Rücktritt, auf dem Petersplatz geplant. Auch seine übrigen Termine will der Papst einhalten. Zusätzlich lud er Italiens Staatschef Giorgio Napolitano und Regierungschef Mario Monti zu einer Audienz ein, um sich von ihnen zu verabschieden, wie Vatikansprecher Federico Lombardi bei einer Pressekonferenz mitteilte.

Pontifikat wird mit einem Abendessen ausklingen

Das Pontifikat wird dann am 28. Februar in Castel Gandolfo mit einem Abendessen ausklingen, also ohne einen offiziellen Schlussstrich. Benedikt werde um 17 Uhr per Helikopter in die päpstliche Residenz südlich von Rom fliegen, so Lombardi. Nach dem Abendessen werde er wohl in der Kapelle beten und die Anwesenden begrüßen, "alles mit großer Normalität". Um 20 Uhr endet das Pontifikat, wobei weiterhin niemand weiß, wie Benedikt dann heißen wird: Emeritierter Bischof von Rom, früherer Papst, Kardinal Ratzinger? Darüber, so Lombardi, werde im Vatikan noch nachgedacht.

Unterdessen wies der Berliner Erzbischof Rainer Maria Woelki darauf hin, dass er den Schritt des Papstes bewundere. Seine Äußerung, Benedikt XVI. habe das Papstamt dadurch auf gute Weise "entzaubert", sei nicht als Kritik zu verstehen.

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