13.02.13

Pferdefleisch-Affäre

EU-Kommissar will Fleisch besser kennzeichnen

Der Pferdefleisch-Skandal hat nun auch Deutschland erreicht. Jetzt sollen Verbraucher besser geschützt werden. Brüssel erwägt schärfere Gesetze.

Foto: AP

Arbeiter bei Doly-Com: Eine der beiden Fleischfabriken in Rumänien, die in den Skandal um Pferdefleisch verwickelt sein sollen
Arbeiter bei Doly-Com: Eine der beiden Fleischfabriken in Rumänien, die in den Skandal um Pferdefleisch verwickelt sein sollen

Nachdem der Pferdefleischskandal immer weitere Kreise zieht, denkt man in Brüssel über strengere Regeln für die Kennzeichnung nach. Der EU-Kommissar für Gesundheit und Verbraucherschutz, Tonio Borg, und die zuständigen Minister berieten am späten Mittwochabend auf einer Sondersitzung über die Affären. Borg will dem ständigen Ausschuss der Kommission, der am Freitag tagen wird, nun vorschlagen, eine zentrale Stelle auf EU-Ebene einzurichten, die die auf nationaler Ebene gewonnenen Ermittlungsergebnisse zusammenführt.

In allen EU-Ländern sollten Testreihen auf DNA in Fleisch und Tests auf Phenylbutazon, das Pferden als verabreicht wird, durchgeführt werden, sagte Borg. Die Ergebnisse sollten am 15. April vorgestellt werden. Die EU-Kommission will sich zur Hälfte an den Kosten beteiligen. Der ständige Ausschuss muss diesem Vorgehen zuvor zustimmen.

Borg sagte, es sei außerdem denkbar, dass der Herkunftsnachweis auf weiterverarbeitete Fleischprodukte ausgeweitet werde. Es sei offensichtlich, dass irgendwo in der Produktionskette jemand in betrügerischer oder nachlässiger Weise Produkte falsch deklariert habe, sagte Borg. Alle Zwischenhändler, die die Pferdefleisch-Produkte vertrieben hätten, seien, seien verdächtig.

Verdächtige Produkte auch in Deutschland

Über das europäische Schnellwarnsystem seien die deutschen Behörden über den Verdacht informiert worden, dass falsch deklarierte Lebensmittel nach Deutschland gelangt seien, sagte eine Sprecherin des Bundesverbraucherschutzministeriums. Demnach handelt es sich um verarbeitete Lasagne, die an einen Händler in Nordrhein-Westfalen geliefert wurde. Das nordrhein-westfälische Verbraucherschutzministerium erklärte, dass zwischen November 2012 und Januar 2013 über einen Zwischenhändler in Luxemburg Produkte "in größerem Umfang" nach Deutschland und nach Nordrhein-Westfalen geliefert worden seien, "die im Verdacht des Kennzeichnungsverstoßes mit Pferdefleisch stehen".

Deutsche Unternehmen haben derweil Tiefkühl-Lasagne aus dem Verkauf genommen. Kaiser's-Tengelmann etwa teilte mit, dass das Unternehmen bereits am vergangenen Mittwoch entsprechende Produkte aus den Regalen geräumt habe. Am Abend bestätigte ein Sprecher der Handelskette Tengelmann der Berliner Morgenpost, dass die Lasagne ihrer Handelsmarke A&P von dem Hersteller Comigel stamme. Dieser Hersteller hatte auch die Pferdefleisch-Lasagne produziert, die in Großbritannien verkauft wurde. In Deutschland laufen die umfangreichen Labor-Untersuchungen aber noch. Insgesamt stehen sechs Unternehmen mit meist bundesweitem Filialnetz auf der Prüfliste der Lebensmittelbehörden.

Lasagne und Cheeseburger im Visier

Auch ein Sprecher des Tiefkühldienst-Unternehmens Eismann in Mettmann bestätigte derweil dem WDR, dass Lebensmittelkontrolleure im Haus gewesen seien, um Proben zu nehmen. Die Firma habe bereits in der vergangenen Woche zwei ihrer Lasagne-Produkte aus dem Sortiment genommen.

Auch mehrere Supermarktketten prüfen derzeit, ob Tiefkühlprodukte aus ihrem Sortiment anders als auf der Verpackung angegeben Pferdefleisch enthalten. Real nahm nach eigenen Angaben vorsorglich Mini-Cheeseburger des Lieferanten Agro on und eine Lasagne der Marke "TiP" aus dem Verkauf. Edeka testet einem Sprecher zufolge derzeit "alle relevanten Eigenmarkenprodukte". Allerdings lagen dem Unternehmen wie auch Kaiser's Tengelmann noch keine Ergebnisse vor.

"Kennzeichnung muss besser werden"

Die bestehenden EU-Regeln sehen vor, dass bei frischem Rindfleisch das Herkunftsland angegeben werden muss. Auf Fertigprodukten reicht hingegen die Angabe aus, welche Art von Fleisch in dem Produkt verarbeitet worden ist. "Die Kennzeichnung der Produkte muss besser werden", fordert auch NRW-Verbraucherschutz-Minister Johannes Remmel von den Grünen im Gespräch mit der Berliner Morgenpost. Es müsse ganz einfach nachvollziehbar sein, woher ein Produkt kommt.

Über die Kennzeichnung von Lebensmitteln wird grundsätzlich in Brüssel entschieden. "Das ist europäisches Recht, das von den einzelnen Mitgliedsstaaten umgesetzt wird", sagt Marcus Girnau, der stellvertretende Hauptgeschäftsführer vom Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL). Wegen der zahlreichen Zwischenhändler in diesem Fall sei es sehr aufwendig, den Bruch in der Kette zu finden.

Während für die Kennzeichnungsregeln die EU zuständig ist, werden die Kontrollen von den jeweiligen Mitgliedsstaaten selbst durchgeführt. In Deutschland ist das beispielsweise Ländersache. "Wir brauchen eine bundesweite Regelung", fordert nun NRW-Verbraucherschutzminister Remmel. "Die Nahrungsmittelindustrie ist eine international vernetzte Branche."

Beim jetzigen Stand der Ermittlungen sei aber nicht von Gesundheitsrisiken für jene Verbraucher auszugehen, die Pferdefleisch konsumiert hätten, sagte der EU-Verbraucherschutzkommissar Tonio Borg. Allerdings ist noch immer nicht klar, woher genau das Pferdefleisch in den falsch deklarierten Fertigprodukten stammt.

Unklar, woher das Pferdefleisch stammt

Nachdem erste Fälle in Großbritannien bekannt geworden waren, hatte sich die Affäre am 8. Februar nach Frankreich ausgeweitet. Der Tiefkühlkosthersteller Findus gab den Rückruf von drei seiner Hackfleisch-Gerichten (Lasagne, Moussaka, Hachis Parmentier) bekannt, weil alle drei Pferdefleisch enthielten. Diese Gerichte waren in der Luxemburger Firma Tavola, einer Filiale des in Metz ansässigen Tiefkühlkostproduzenten Comigel, hergestellt worden.

Comigel gehört der britischen Holding Céréa Capital und lässt seinen Tochterfirma Tavola jährlich rund 17.000 Tonnen Hackfleisch zu Fertiggerichten verarbeiten, die in insgesamt 16 Ländern vertrieben werden.

Tavola beliefert zahlreiche Lebensmittelketten mit Produkten, die diese dann zumeist unter Eigenmarken vertreiben. Auch die französischen Supermarktketten Auchan, Casino, Carrefour, Cora, Monoprix und die Tiefkühlkostkette Picard beziehen Produkte von Tavola – und begannen am Wochenende damit, diese aus den Märkten zunehmen.

Verworrene Lieferwege

Tavola wiederum bezog seine Fleischlieferungen von der am Rande der Pyrenäen ansässigen Firma "La Maison Spanghero", die wiederum zu der baskischen Kooperative Lur Berri gehört. Spätestens hier beginnt die Affäre ebenso unappetitlich wie unübersichtlich zu werden, denn nach den ersten Ergebnissen der Nachforschungen der französischen Verbraucherschutzbehörde soll "La Maison Spanghero" das Tiefkühlfleisch über einen zypriotischen Händler bezogen haben, der seinerseits wiederum mit einem holländischen Unterhändler zusammen arbeitete.

Dieser soll das Fleisch dann in rumänischen Schlachthäusern zu "ausgesprochen wettbewerbsfähigen Preisen" (Le Monde) bezogen haben. In Rumänien ist die Verarbeitung von Pferdefleisch angeblich sprunghaft angestiegen, seit die Benutzung von Pferdekutschen auf Hauptstraßen gesetzlich unterbunden wurde.

Hollande sieht "schwerwiegende Affäre"

Wer in dieser obskuren Kette jedoch begonnen hat, dem nächsten Abnehmer Pferdefleisch vorsätzlich als Rindfleisch zu verkaufen, ist bislang offen. An diesem Donnerstagmorgen will der französische Landwirtschaftsminister Stéphane Le Foll einen Untersuchungsbericht vorstellen, der zeigen soll, wie die Pferde-Lasgane in französischen Supermärkten landen konnte. Unterdessen hat der französische Präsident François Hollande den Handel von als Rindfleisch gekennzeichnetem Pferdefleisch als "schwerwiegende Affäre" bezeichnet.

Der Konsum von Pferdefleisch gilt in Großbritannien und Irland als Tabu, während er in anderen europäischen Ländern zumindest vereinzelt praktiziert wird. Da Pferdefleisch viel billiger ist als Rindfleisch, können Großhändler mit der falschen Deklarierung viel Geld verdienen.

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Pferdefleisch-Skandal
  • 15. Januar 2013:

    Die Lebensmittelaufsicht in Irland teilt mit, Spuren von Pferdefleisch in einigen Rindfleisch-Hamburgern entdeckt zu haben. Sie wurden in britischen Supermärkten wie Tesco angeboten. Die irischen Inspekteure lokalisieren die Quelle in zwei Verarbeitungsanlagen in Irland und in einer Fleischfabrik in England. In einigen Hamburgern wurden zudem DNS-Spuren vom Schwein entdeckt.

  • 16. Januar:

    Die britische Behörde für Lebensmittelsicherheit ordnet Untersuchungen an, wie Spuren von Pferdefleisch und Schweine-DNS in eine Reihe von Rindfleischprodukten gelangen konnten, die in Großbritannien und Irland verkauft werden.

  • 31. Januar:

    Die Fast-Food-Kette Burger King Worldwide berichtet, bei einem Hamburger-Lieferanten Spuren von Pferdefleisch entdeckt zu haben, der Schnellrestaurants der Kette in Großbritannien, Irland und Dänemark bediente. Die kontaminierten Produkte seien zwar in keinem der Burger-King-Restaurants verkauft worden, dennoch habe man den Anbieter gewechselt.

  • 6. Februar:

    Der Tiefkühlkosthersteller Findus meldet den britischen Lebensmittelbehörden, dass in einigen seiner Rindfleisch-Lasagne-Gerichte Pferdefleisch enthalten war. Die Firma hatte die Artikel zurückgezogen, nachdem ihr französischer Zulieferer Comigel wegen des Fleisches in Verdacht geraten war. In den Fertigmenüs waren bis zu 100 Prozent Pferdefleisch enthalten, berichten die Lebensmittelkontrolleure.

  • 7. Februar:

    Die Supermarktkette Aldi berichtet, aus ihren Märkten in Großbritannien zwei Angebote aus dem Verkehr gezogen zu haben. Es handele sich um eine Rindfleisch-Lasagne sowie ein Spaghetti-Bolognese-Gericht. Beide stammten ebenfalls vom französischen Lieferanten Comigel.

  • 9. Februar:

    Die französische Regierung teilt mit, anfängliche Ermittlungen bei Comigel deuteten auf eine komplexe Lieferkette für das betreffende Fleisch hin. Sie führe von der Luxemburger Verarbeitungsanlage der Firma, in der Tiefkühlkost hergestellt werde, zu rumänischen Schlachthöfen. Dazwischengeschaltet seien niederländische und zyprische Nahrungsmittelhändler und ein weiterer französischer Anbieter.

  • 10. Februar:

    Sieben Einzelhandelsunternehmen, darunter Ketten wie Carrefour, Groupe Casino und Auchan Groupe, rufen einige Tiefkühlfertiggerichte zurück, die von Findus und Comigel stammen. Es handelt sich um Lasagne, Spaghetti Bolognaise und Moussaka.

  • 11. Februar:

    Die britische Regierung erklärt, es scheine sich um „kriminelle Machenschaften“ zu handeln. Offensichtlich werde „versucht, die Verbraucher zu betrügen“. Der rumänische Ministerpräsident reagiert verärgert auf Andeutungen, die Schuldigen seien in seinem Land zu suchen. In Rumänien sei es zu keinen Betrugsfällen mit falsch deklariertem Fleisch gekommen.

  • 13. Februar:

    Dem nordrhein-westfälischen Verbraucherschutzministerium liegt eine Liste vor, wonach die falsch gekennzeichnete Lasagne auch nach Deutschland geliefert worden sein soll.

  • 14. Februar:

    In Großbritannien werden drei Verdächtige in zwei verschiedenen Fleischbetrieben festgenommen. Zuvor hatte es dort Razzien gegeben.

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