11.02.13

Tierwelt

Wie der Klimawandel einheimischen Arten zusetzt

In Deutschland kämpfen Arten ums Überleben: Alpenstrandläufer kommen mit extremem Wetter schlecht zurecht. Zugvögel hungern, weil Insekten ihre Lebensrhythmen verändern. Auch Pflanzen haben es schwer.

Von Angelika Hillmer
Foto: picture alliance / WILDLIFE

Vom Klimawandel bedroht: Alpenstrandläufer brauchen kleine Mulden am Strand, um ihre Eier hineinzulegen. Bei Hochwasser werden diese Nester überschwemmt
Vom Klimawandel bedroht: Alpenstrandläufer brauchen kleine Mulden am Strand, um ihre Eier hineinzulegen. Bei Hochwasser werden diese Nester überschwemmt

Die Flussperlmuschel könnte zur den Verlierern des Klimawandels zählen – und das Gleiche gilt für Weißtanne und Alpenstrandläufer. Während die heute schon stark bedrohte Muschel klare Bäche braucht, bei wärmerem Wasser aber tendenziell eher im Trüben fischen wird, leidet die Weißtanne ganz direkt unter den steigenden Temperaturen.

Der Alpenstrandläufer hingegen kommt mit dem Meeresspiegelanstieg im Watt nicht gut zurecht. Diese drei Arten sind Vertreter von komplexen Ökosystemen. Wie sehr die biologische Vielfalt (Biodiversität) sich durch die Erderwärmung verändern wird, ist bislang nur ansatzweise absehbar.

Mehr als 100 Experten haben den aktuellen Wissensstand nun in dem Buch "Klimawandel und Biodiversität: Folgen für Deutschland" zusammengefasst. Es zeigt, dass der Wandel eine Natur betrifft, die ohnehin unter Stress steht.

Trübes Wasser in Flüssen und Seen

Beispiel Flussperlmuschel: Die Jahrzehnte andauernde Gewässerverschmutzung hat die vom Aussterben bedrohte Art in Refugien zurückgedrängt, in denen noch sauberes Wasser fließt. Die vereinzelten, relativ kleinen Muschelgesellschaften sind dadurch genetisch verarmt. Das macht sie besonders empfindlich, denn sie können sich schlechter an eine sich ändernde Umwelt anpassen. Das gilt auch für den Klimawandel.

Flussperlmuscheln leben in Flüssen und Bächen. Steigende Temperaturen erhöhen die Gefahr, dass diese (und auch Seen) bei zu großem Nährstoffgehalt eutrophieren: Ihr Zustand wechselt von einem klaren Gewässer mit einer Vielfalt an Wasserpflanzen in eine trübe, relativ artenarme "Brühe", in der Algen dominieren. Auch könnte die Klimaerwärmung "Restaurierungsbemühungen, flache Seen wieder in einen klaren Zustand mit hoher Biodiversität zurückzuversetzen", erschweren, schreiben die Autoren.

Als "besorgniserregend" bezeichnen sie die wahrscheinliche Zunahme einzelner unerwünschter Arten in deutschen Seen, etwa aus der Gruppe der oft giftigen Cyanobakterien (fälschlicherweise Blaualgen genannt). Diese Mikroorganismen vereiteln jeden Badespaß.

Eingeschleppte Arten fühlen sich wohl

Was der heimischen Flussperlmuschel arg zusetzt, kommt der Asiatischen Körbchenmuschel gerade recht. Die eingeschleppte Art kann Verschmutzungen vertragen und profitiert nun davon, dass die Wassertemperaturen in vielen Gewässern nicht mehr unter zwei Grad sinken. Sie hat sich inzwischen in weiten Teilen Deutschlands breitgemacht.

Eine noch eindrucksvollere Karriere machte die ebenfalls eingeschleppte Pazifische Auster in der Nordsee: Anfang der 1960er-Jahre entwichen Larven aus niederländischen Aquakulturen.

Rund 20 Jahre später siedelte die Art im westfriesischen Wattenmeer und verbreitete sich dann, unterstützt von höheren Wassertemperaturen, entlang des gesamten Wattenmeeres bis zum dänischen Esbjerg. Wo früher bei Ebbe ausgedehnte Miesmuschelbänke auftauchten, breiten sich heute Austernbänke aus.

Eiderenten brauchen Miesmuscheln

Die Miesmuschel zog den Kürzeren. Sie lebt zwar noch im Wattenmeer, kommt aber mit milderem Winterwetter eher schlecht zurecht. Bei höheren Wassertemperaturen benötigt sie einen größeren Teil ihres Weichkörpers für den Stoffwechsel. Das beeinträchtigt wiederum die Eiderenten, die sich vorwiegend von den Miesmuscheln ernähren – die Muscheln enthalten bei gleicher Schalengröße weniger Fleisch.

Den Vögeln des Wattenmeers könnte jedoch vor allem der Anstieg des Meeresspiegels zu schaffen machen. Forscher erwarten, dass bei Niedrigwasser die frei liegenden Schlickwattflächen abnehmen.

Sie sind das kalte Büfett der natürlichen Rastanlage, an der im Frühjahr und Herbst zehn bis zwölf Millionen Zugvögel Energie für ihre restlichen Wegstrecken tanken. Zudem rauben die häufiger werdenden extremen Hochwasser den Bodenbrütern ihren Nachwuchs.

Noch steigt die Artenvielfalt

Generell wird die Vogelwelt bislang aber eher artenreicher, denn Vertreter aus südlicheren Gefilden wie der farbenprächtige Bienenfresser oder die Zwergohreule siedelten sich in Deutschland an und verbreiten sich nordwärts.

Dagegen ergeben Modellrechnungen überwiegend negative Trends. So könnten sich die Verbreitungsgebiete der europäischen Vögel bis zum Jahr 2100 im Durchschnitt um 550 Kilometer nach Nordosten verschieben und sich mit den heutigen Vorkommen nur noch zu 40 Prozent überschneiden. Nach verschiedenen Berechnungen wird sich die Artenvielfalt in Deutschland verringern.

Verschobene Zugzeiten

Ein Grund sind die Verschiebungen bei den Zugzeiten. Studien zu Trauerschnäppern zeigten: Zwar kommen die Vögel inzwischen ein paar Tage früher aus ihren Überwinterungsgebieten zurück, die Brut beginnt dennoch zu spät.

Sie war Jahrhunderte so ausgelegt, dass das Füttern des Nachwuchses genau in die Zeit mit dem größten Insektenvorkommen fällt. Heute haben die Insekten trotz des vorgezogenen Bruttermins ihren Zenit bereits überschritten, wenn die hungrigen Schnäpper nach Futter betteln. Die Vogelart ist auf dem Rückzug.

Hoch hinaus, so weit es geht

Was die Weißtanne betrifft, bleibt ihr künftig nur der Weg nach oben. Sie kommt vor allem im Gebirge vor und wird durch steigende Jahresmitteltemperaturen in höhere, kühlere Regionen getrieben. Unter den vier wichtigsten Baumarten hat die weitverbreitete Fichte die schlechtesten Klimaperspektiven; sie kann weder mit steigenden Temperaturen noch mit vermehrter sommerlicher Trockenheit gut umgehen. Hier ist die Waldkiefer im Vorteil.

Das hohe Anpassungsvermögen der Buche spreche dafür, "dass sie in weiten Gebieten auch künftig eine wichtige Haupt- und Mischbaumart bleiben wird", schreiben die Autoren. Eichen könnten zu den Gewinnern des Wandels zählen, aber nur dann, wenn die wahrscheinliche Zunahme von Wärme liebenden Schädlingen unter Kontrolle gehalten wird. Förster setzen verstärkt auf die Douglasie, die aus dem westlichen Nordamerika stammt.

Diese schnellwüchsigen Nadelbäume liefern eine hohe Holzqualität und waren unter Forstwirten immer schon beliebt, wurden aber als nicht heimische Art von Ökologen oft kritisch gesehen. Der Klimawandel liefert nun ein neues Argument für die Douglasie: Sie kommt mit Sommertrockenheit relativ gut zurecht.

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