10.02.13

Kino

Ohne Galopp – In "Gold" wird nur Schritt geritten

Thomas Arslans "Gold" ist der erste deutsche Goldrauschwestern seit Luis Trenker vor 75 Jahren. Trotz Nina Hoss in der Hauptrolle hält sich die Begeisterung bei der Berlinale in engen Grenzen.

Foto: Patrick Orth/Schramm/Berlinale 2013

Planwagenwestern mit hoffnungsfrohen Taugenichtsen: Nina Hoss und Marko Mandic auf dem Weg zu „Gold“
Planwagenwestern mit hoffnungsfrohen Taugenichtsen: Nina Hoss und Marko Mandic auf dem Weg zu "Gold"

Die Zahl der Ähnlichkeiten zwischen Thomas Arslan, dem Sohn eines türkischen Vaters und einer deutschen Mutter, der die Grundschule in Ankara besuchte und in Berlin studierte, und Luis Trenker, der in einem Knabenseminar in Südtirol zur Schule ging und als Bergführer mit dem Film in Kontakt kam, dürften begrenzt sein. Auf jeden Fall aber hat Arslan mit "Gold" den ersten deutschen Goldgräberwestern seit Trenkers "Der Kaiser von Kalifornien" vor 75 Jahren gedreht.

Trenker gewann den Preis für den besten ausländischen Film beim Festival in Venedig, Arslans Film ist der einzige deutsche Wettbewerbsbeitrag bei der diesjährigen Berlinale. Beider Helden sind ausgewanderte Deutsche, bei Trenker ein von seinen Schuldnern Gejagter, der in Kalifornien ein Farmimperium aufbaut, bei Arslan ein paar Emigranten, die in Amerikas Städten so arm blieben wie sie es in Deutschland waren und nun beim Goldrausch im Norden Kanadas reich werden wollen.

Das Interessante ist, dass beide Goldgräberfilme nicht wirklich mit dem Schürfen zu tun haben. Johann Sutter, der "Kaiser", hatte das Pech, dass auf seinem Land Gold entdeckt und er im folgenden Goldrausch enteignet wurde. Emily Meyer, Arslans von Nina Hoss gespieltes Zimmermädchen aus Chicago, schließt sich einer Gruppe deutscher Einwanderer an, die sich mit Proviantwagen und Packpferden auf den Weg in den hohen Norden machen – aber dort nie ankommen werden.

Diese Goldsucher werden nie ankommen

"Gold" gehört also eher zu der Gattung der Planwagenwestern, in denen hoffnungsfrohe Habenichtse sich auf den Weg in ein besseres Leben machen. Wir kennen die Gattung. Die Gruppe wird meistens von Indianern angegriffen und muss sich aus ihrer Wagenburg heraus verteidigen. Oder sie wird von Naturgewalten gebeutelt, oder die Karawane wird in steilen Bergpässen dezimiert, oder Durst und Hunger fordern ihren Tribut, oder zwei Alpha-Männer streiten um die Anführerschaft und stürzen alle ins Unglück.

All diese Genrebausteine ignoriert Arslan. Die wenigen Indianer, die bei ihm auftauchen, verlangen ein paar Dollar und zeigen den verirrten Deutschen den Weg (es ist sogar der richtige). Naturgewalten greifen nicht ein, es herrscht immer das gleiche, fahl-sonnige Herbstwetter. Tödliche Bergpässe kommen nicht vor, nur ein Pferd macht beim Anstieg schlapp und erhält den Gnadenschuss. Durst und Hunger erheben nicht ihr hässliches Haupt, es gibt nur Klagen über pulverisierte Kartoffeln. Ja, bei den drei Hauptmännern – Uwe Bohm als erlebnishungriger Journalist, Peter Kurth als überforderter Expeditionsleiter, Marko Mandic als Viehhirt – schwelt eine gewisse Rivalität im Untergrund, doch sie zerstört die Gruppe nicht.

Man kann noch mehr Konflikte durchdeklinieren, die in "Gold" nicht ausgetragen werden. Die Nationalitätenkarte zum Beispiel. Trenkers "Kaiser von Kalifornien" zum Beispiel war, obwohl ein Abenteuerfilm reinsten Wassers, auch als deutsche Parabel lesbar: Du brauchst nicht in die Fremde zu gehen, sie wird dir kein Glück bringen. Die Personen in "Gold" weisen keine spezifisch deutschen Eigenschaften auf, sie sind weder hart wie Kruppstahl, noch besonders gut organisiert, noch übermäßig autoritätsgläubig. Sie haben, im Gegenteil, schon amerikanische Eigenschaften angenommen, hocken nicht auf der Scholle, gehen ein Risiko ein, folgen ihrem Traum.

Arslan ignoriert alle Bausteine des Western

Wir haben nun ausführlich analysiert, was "Gold" nicht sein möchte. Was es sein will, ist viel schwerer zu fassen. Hier hilft nochmals ein Vergleich mit "normalen" Western: Wenn ein Cowboy dort von A nach B zu reiten hat, zeigen ihn diese Filme beim Aufsitzen und Wegreiten. Dann ein Schnitt – und wir sehen ihn, wenn er ankommt und vom Pferd steigt. "Gold" nun tut genau das Gegenteil: Es zeigt den Weg zwischendurch.

Wer Thomas Arslans bisherige Filme kennt, dem kommt das vertraut vor. Diesem Regisseur ist die Bewegung immer wichtiger als ihr Resultat. Sprache dient ihm nie zur Vermittlung von Emotionen, sondern begründet nur Handlungen und Positionsveränderungen im Raum. Den kennt Arslan genau, und wer sich an seinen fabelhaften letzten Film "Im Schatten" erinnert, wird sich vor allem an seine präzise Benutzung des Schauplatzes Berlin erinnern: reiche Der Gangster residiert an der Friedrichstraße, der korrupte Polizist dealt am Kottbusser Tor, der Autokomplize hat seine Werkstatt im trostlosen Industrie-Schöneberg.

Es gibt also funktionale Szenen bei ihm (wenn Menschen interagieren) und rein ästhetische (wenn sie sich in der Landschaft bewegen), und aus dem Kontrast wächst in Arslans besten Filmen eine enorme Spannung. Doch die kanadische Wildnis mit ihren Wäldern und Bergen, Schneetupfern auf Geröllhalden und auf Karten nicht eingezeichneten Flüssen, sie ist eben nicht Berlin.

Hier wird nur Schritt geritten, nie Galopp

Es herrscht ein ziemliches Missverhältnis zwischen den wenigen Aktionshöhepunkten und den langen Passagen des Reitens dazwischen (nur Schritt, nie Galopp). Es gibt eigentlich nur drei Höhepunkte: eine versuchte Lynchjustiz per Hängen, einen mit der Laubsäge amputierten Unterschenkel und den Showdown. Das System Arslan, das in deutschen Städten hervorragend funktioniert, es scheitert in den unendlichen Weiten Kanadas; es bleibt ein interessanter, aber kein faszinierender Film.

"Der Kaiser von Kalifornien" ist im Lauf der Zeit zu einem Klassiker des deutschen Kinos geworden. Mit "Gold" wird das – trotz des wunderbaren Vorspanns, wo die Namen der Beteiligten auf die Oberfläche eines Nuggets geritzt werden – nicht geschehen.

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