10.02.13

Roland Jahn

"Unterlagen sind im Fall Gysi reichlich vorhanden"

Der Chef der Stasi-Unterlagen-Behörde, Roland Jahn, hatte sich als Journalist schon vor Jahren mit den Kontakten zwischen Gregor Gysi und Stasi beschäftigt. Ein Gespräch zu den neuen Vorwürfen.

Foto: dpa

Der Chef der Stasi-Unterlagen-Behörde, Roland Jahn: „Die Stasi hat die Akten ja nicht in dem Wissen angelegt, dass wir heute in diese Unterlagen schauen.“ Hier ist der frühere Dissident bei einem Besuch in der Gedenkstätte für Opfer von DDR-Unrecht in Bautzen (Sachsen) im Juli 2012 zu sehen
Der Chef der Stasi-Unterlagen-Behörde, Roland Jahn: "Die Stasi hat die Akten ja nicht in dem Wissen angelegt, dass wir heute in diese Unterlagen schauen." Hier ist der frühere Dissident bei einem Besuch in der Gedenkstätte für Opfer von DDR-Unrecht in Bautzen (Sachsen) im Juli 2012 zu sehen

Mehr als 120 laufende Regalkilometer Akten verwahrt die Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasiunterlagen (BStU) in Berlin und den zwölf Außenstellen. Auch der dreiseitige Vermerk, der jetzt das Ermittlungsverfahren gegen Gregor Gysi wegen einer möglicherweise falschen Versicherung an Eides statt ausgelöst hat, stammt aus dieser gewaltigen Hinterlassenschaft des SED-Geheimdienstes. Seit Anfang 2011 ist Roland Jahn der vom Bundestag gewählte Bundesbeauftragte für diese Unterlagen. Der frühere DDR-Dissident und langjährige ARD-Journalist gehört zu den hartnäckigsten Aufklärern der DDR- und Stasi-Vergangenheit.

Berliner Morgenpost: Gregor Gysi wehrt sich gegen den Vorwurf, eine falsche eidesstattliche Versicherung abgegeben zu haben. Wundert Sie das?

Roland Jahn: Jedem steht es frei, die Mittel des Rechtsstaates zu nutzen. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Hamburg wegen des Verdachts der Abgabe einer falschen eidesstattlichen Versicherung können helfen, die unterschiedlichen Sichtweisen auf mögliche Kontakte von Gregor Gysi mit dem Ministerium für Staatssicherheit der DDR zu klären.

Berliner Morgenpost: Schon bevor Sie Chef der Stasiunterlagen-Behörde geworden sind, haben Sie sich als ARD-Journalist mit dem Fall Gregor Gysi befasst. Sagt er die Wahrheit über seine Kontakte zu SED-Geheimpolizei?

Jahn: Das ist richtig, ich habe mich in meiner langjährigen Tätigkeit als Journalist auch mit möglichen Verstrickungen von Gregor Gysi mit der Staatssicherheit beschäftigt. Keiner hat die Wahrheit gepachtet. Damals ging es mir darum, die Inhalte der Akten und die Zeitzeugen, also Gregor Gysi, die Mandanten, die er vertreten hat, und die Stasi-Offiziere, die in den Akten mit den Fällen betraut waren, in einem umfassenden Bild darzustellen.

Die Stasi-Offiziere verweigerten sich. Die Mandanten haben ihre Erlebnisse in Bezug gesetzt zu der Darstellung in den Akten und das hat auch Gregor Gysi getan. Beide Seiten kamen zu unterschiedlichen Auffassungen. Jeder Betrachter konnte seine eigenen Schlussfolgerungen ziehen.

Berliner Morgenpost: Es gibt etliche Dokumente aus Ihrer Behörde, in denen schwarz auf weiß geschrieben steht, dass Gysi der Staatssicherheit über Personen berichtet hat. Er bestreitet das energisch. Wie glaubwürdig ist das?

Jahn: Die Akten stellen immer die Sichtweise der Staatssicherheit dar. Es sind wichtige Zeugnisse. Die Stasi hat die Akten ja nicht in dem Wissen angelegt, dass wir heute in diese Unterlagen schauen. Sie waren notwendige Arbeitsgrundlage der Geheimpolizei. Natürlich kann man immer eine Restwahrscheinlichkeit betonen, mit der all das Dargestellte in den Akten erfunden oder von einer ganz anderen Quelle irgendwie seinen Weg dorthin gefunden hat. Am wichtigsten ist, dass wir aufzeigen, was in den Unterlagen steht, damit sich jeder ein umfassendes Bild machen kann.

Berliner Morgenpost: Hat die Hamburger Staatsanwaltschaft bereits Kontakt mit Ihnen aufgenommen? Nirgendwo gibt es so viel Expertise über Gysis Verhältnis zur Stasi wie in Ihrer Behörde.

Jahn: Nein.

Berliner Morgenpost: Wie können Sie die Strafverfolger bei Ihrer Aufgabe, die Wahrheit über Gysis mögliche Falschaussage herauszubekommen, unterstützen?

Jahn: Die Behörde wird auch die Arbeit der Staatsanwaltschaft entsprechend des Stasiunterlagen-Gesetzes unterstützen. Unsere Aufgabe ist es aber nicht, Menschen zu bewerten, sondern Unterlagen.

Berliner Morgenpost: Der Fall Gysi hat, wie wir von unseren Recherchen wissen, ganz viele Facetten. Rechnen Sie damit, dass sich das Ermittlungsverfahren lange hinziehen wird? Geht es um Wochen oder Monate?

Jahn: Das ist eine Frage für die Hamburger Staatsanwaltschaft. Es kommt auch darauf an, wie viele der reichlich vorhandenen Unterlagen sie anfordert.

Berliner Morgenpost: Welche Erwartungen haben Sie an das Ermittlungsverfahren? Wird am Ende hinsichtlich der Biografie von Gysi die "Frage aller Fragen" geklärt sei? Nämlich ob er wissentlich und willentlich an die Stasi berichtet hat?

Jahn: Ich begrüße es immer, wenn Aufklärung geschieht und hoffe, dass die Unterlagen, die ja auch dem Immunitätsausschuss des Deutschen Bundestages bei der Klärung dieser Frage eine große Hilfe waren, weiterhin eine Stütze sind. Die Unterlagen sind dazu da, sie immer wieder zu nutzen, um Aufklärung über das Funktionieren der Stasi und der SED-Diktatur zu ermöglichen.

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