08.02.13

"Krekeler killt"

Murks den Sheriff, murks ihn, murks ihn ab

Der Amerikaner Pete Dexter ist ein Großmeister des Noir. Sein Krimi "Paperboy" spielt in den Sümpfen von Florida und ist ein blutiger Nachruf auf den Journalismus. Geht nicht gut aus, für keinen.

Von Elmar Krekeler
Foto: Getty Images/Vetta
Backyard Sedan
Backyard Sedan

Eine Geschichte, eigentlich auch diese, sollte sein wie Muhammad Ali. Sie sollte schweben wie ein Schmetterling und stechen wie eine Biene. Zumindest das Schweben könnte einer Geschichte allerdings ziemlich schwer fallen, wenn an ihr aller Modder der Sümpfe Floridas an den Flügeln hängt und sie losgeht mit einem ziemlich bestialischen Mord an einem ziemlich bestialischen Sherriff.

"Paperboy", der Roman des Journalisten und Noir-Gottes Pete Dexter, hat denkbar schlechte Voraussetzungen zum Schweben. Das Beißen fällt ihm nicht so schwer.

Der Sheriff heißt Thurmond Call. Und man muss ihn sich als literarisches Fleisch gewordenes Sammelbecken aller Südstaaten-Sheriffs vorstellen. Wir schreiben das Jahr 1965. Sheriff Call ist im liberaler werdenden Amerika der sich auflösenden Rassenschranken ein bisschen durcheinander geraten.

Ein Sheriff wird ausgeweidet

Er hat eine selbst für die Verhältnisse von Moat County, schreibt Dexter, unangemessene Zahl von Schwarzen umgebracht. Als er letztens außerdem noch mehr oder weniger grundlos einen Weißen, Angehöriger des Van-Wetter-Clans, einer mehr oder weniger vertierten Familie von Sumpfbewohnern, zu Tode trampelt, verwirkt er sein Leben.

Nicht lange später liegt er ein bisschen abseits seines Autos und seines Tabakspucketopfes auf der Straße. Man hat ihn ausgeweidet. Wie einen Alligator.

Das Unglaubliche geschieht. Und das ist nicht, dass die guten Bürger von Moat County ihrem Sheriff tatsächlich ein Denkmal setzen.

Sondern dass Pete Dexter eine wahre Geschichte hinbekommt, die schwebt und sticht, schillert und glüht, kalt ist und gnadenlos genau in die Seelen seiner Helden schaut. Eine Geschichte mit ganz hoher Luft- und Hormonfeuchtigkeit aus den Abgründen der Sümpfe, der Gesellschaft und der Pubertät.

Es war einmal in der guten Zeit der Zeitung

Vor allem aber ein Nachruf auf den Journalismus, wie er mal war, als es noch in jedem versprengten County-Kaff Postillen gab die Moat County Tribune hießen oder Sun-Sentinel oder Sacramento Bee oder Seattle Post-Intelligence.

Bei den letzten drei hat Dexter selbst gearbeitet, bis er lernen musste, dass investigativer Journalismus vielleicht doch ein bisschen ungesund ist. Eine Gruppe von Drogenhändlern hatte ihn überfallen nach einer schwebenden, stechenden Drogenreportage. Knochenbrüche, Wirbelsäulenschaden, Kopfverletzungen – Dexter hatte genug von der Zeitung.

Er zog vom amerikanischen Süden auf eine Insel vor Seattle am ganz andere Ende des Kontinents, hoch in den Norden. Und schrieb Romane. Krimis, Western. Als Chronist des amerikanischen Alltags wurde er gefeiert, als Faulkner unserer Tage.

National Book Award für einen Krimi

Für den Rassistenkrimi "Paris Trout" bekam er in den Achtzigern den National Book Award (Amerika, du hast es besser: stell sich einer vor, Wolf Haas bekäme für einen neuen Brenner-Krimi den Deutschen Buchpreis!). "Paperboy" erschien 1995. Bei Liebeskind platzt seine schicke Neuausgabe pünktlich zu Lee Daniels' in Cannes ziemlich gescheiterter Verfilmung mit Matthew McConnaughey und Nicole Kidman jetzt mitten ins Zeitungsterben.

Erzählt wird die labyrinthische, sumpfige Geschichte von Jack, dem siebzehnjährigen Sohn des Moat-County-Murdoch und Moat County Tribune-Verlegers William Ward (genannt World War) James. Der ist liberal, den Moat-Menschen also verdächtig und glaubt noch ernsthaft, dass eine Story "eine Wohltat für die Leidenden und ein Leid für die Wohlhabenden" sein sollte. Und schweben und beißen sollte sie natürlich auch.

Jacks Geschichte beginnt damit, dass eines Tages, Jack fährt Zeitungen aus und Hillary Van Wetter, der vermeintliche Aufschneider des Sheriffs sitzt seit vier Jahren in der Death Row vom Old Sparky, dem Staatsgefängnis von Florida, dass also eines Tages eine nicht mehr junge, ziemlich attraktive und ziemlich verrückte Blondine samt zweier Journalisten in Thorn /Moat County einreitet.

Ein Groupie für die Mörder

Charlotte Bless ist die Blondine, die Reporter aus Miami heißen Yardley Acheman und Ward James. Der ist Jacks älterer Bruder, der Held seines Vaters.

Charlotte ist so eine Art Groupie von Todeskandidaten. Mit Hillary hat sie sich sogar postalisch verlobt, sie will ihn retten, weil der ein "integrer Mann" ist. Yardley, der smarte Truman Capote des Duos, und Ward, sein beinharter Rechercheur, wittern einen Justizskandal und den Pulitzer-Preis, den sie am Ende tatsächlich gewinnen.

Jedenfalls fast. Denn eigentlich gibt es keine Gewinner in dieser todelegischen Geschichte, außer dem Sumpf vielleicht. Es ist eine dunkle Welt, in der Ward James, Pete Dexters aufrechter, waghalsiger Held, der die Welt solange herausfordert, bis sie ihre Wahrheit in ihn hineinprügelt, dunkel aufleuchtet. Die Gesellschaft ist korrupt, die Frauen verrückt, fett oder berechnend, die Zeitungen morib und auf dem Weg in den schieren Sensationsjournalismus. Alles läuft aus dem Ruder. Alles nur Trug und Lug und Fiebertraum. Und am Ende kommt ein Sturm und wirbelt alles weg.

Wie man aus dem Buch einen schlechten Film machen konnte, ist ein ewiges Rätsel. Andererseits konnte er nur schlechter werden als dieser von finsteren Momentaufnahmen aus den menschlichen Untergründen des amerikanischen Hinterwaldes volle Roman. Ist ja auch vielleicht mal ganz gut zu Berlinale Zeiten – "Paperboy" ist wie Alis Rumble in the Jungle gegen George Foreman, ein K.o.-Sieg der Literatur über das Kino.

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