08.02.13

Leipziger Buchpreis

Nach Tellkamp und Ruge ein neuer großer DDR-Roman

Birk Meinhardt ist für den Leipziger Buchpreis nominiert. Sein Roman "Brüder und Schwestern" ist eine umfangreiche Familiensaga über das Ende der DDR. Wieder geht es um die Suche nach den Nischen.

Von Claus-Ulrich Bielefeld
Foto: picture alliance / dpa

Der Trabi, eines der letzten Relikte und Symbole der untergegangenen DDR, verschwindet allmählich unter dem Efeu der Geschichte
Der Trabi, eines der letzten Relikte und Symbole der untergegangenen DDR, verschwindet allmählich unter dem Efeu der Geschichte

Man kann es heute kaum noch nachvollziehen, mit welch unglaublicher Rasanz die DDR sich auflöste. Das Land, das sich mit deutscher Gründlichkeit einbetoniert hatte, zerbröselte einfach innerhalb weniger Monate. Am 7. Oktober 1989 waren anlässlich der Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag des Landes noch Hunderttausende an der Tribüne vorbeigezogen, auf der Honecker und Mielke standen und huldvoll winkten. Und am 18. März 1990 fand die erste freie und geheime Wahl zur Volkskammer statt.

Die extreme Beschleunigung des Geschichtsverlaufs hatte aber einen langen Vorlauf. Und der zeichnete sich aus durch das Stillstellen aller vitalen gesellschaftlichen Impulse, durch atemraubende Enge. Uwe Tellkamp hat diese Situation in seinem epochalen Roman "Der Turm" anschaulich beschrieben, in dem es am Anfang heißt: "Sandmann streute Schlaf" und der am 9. November 1989 endet mit den Worten: "aber dann auf einmal schlugen die Uhren."

Das Dornröschen-Syndrom

Aber bis es soweit war, dauerte e sehr lange. Dieses, nennen wir es: Dornröschen-Syndrom, wird auch in Ingo Schulzes Roman "Neue Leben" und in Eugen Ruges "In Zeiten des abnehmenden Lichts" beschrieben. Und Birk Meinhardt schreibt in seinem 700 Seiten starken Roman "Brüder und Schwestern" diese spezielle DDR-Geschichte weiter und gibt ihr neue Aspekte.

Meinhardt, 1959 in Ost-Berlin geboren und nach einem Studium der Journalistik am "Roten Kloster" in Leipzig als Journalist bei den DDR-Zeitungen "Wochenpost" und "Junge Welt" tätig und dann als Sportreporter bei der "Süddeutschen Zeitung", hat bisher zwei Romane veröffentlicht, zuletzt "Im Schatten der Diva – Roman über Marlene Dietrich". Mit seinem neuen Roman "Brüder und Schwestern" geht er aufs Ganze. Ein groß angelegtes Geschichtspanorama strebt er an, in dem die Vielfalt und Widersprüchlichkeit und letztlich die Wahrheit eines geschichtlichen Moments aufscheinen soll.

Meinhardt spart nicht an Personen und nicht an Situationen und Konstellationen, in die seine Figuren verwickelt werden. Das Zentrum des Geschehens ist die (fiktive) thüringische Kleinstadt Gerberstedt, irgendwo in der Nähe von Jena. Zu Beginn nehmen wir an einer Beerdigung teil: Der alte Rudolf Werchow wird zu Grabe getragen.

Einst gehörte er der SPD an und versteckte im Krieg einen Kommunisten vor den Nazis. Nach dem Krieg hat er aktiv an der Vereinigung seiner SPD mit der KPD zur SED mitgewirkt – und wurde bald an den Rand gedrängt. Meinhardt gelingt es, mit der Begräbnis- und der anschließenden Leichenschmaus-Szene die tragenden Personen seines Romans zu platzieren, aber auch das Grundthema des Buchs anzuschlagen: dass die Verhältnisse, so harmlos, bieder und provinziell sie vordergründig erscheinen mögen, doch imprägniert sind von altem Unrecht und alltäglicher, mehr oder weniger subtiler Unterdrückung.

Redlicher Mann in der Mangelwirtschaft

Diese Erkenntnis entfaltet Meinhardt in vielerlei Varationen: Da gibt es den Sohn des alten Werchow, Willy Werchow, der Produktionsdirektor im Druckbetrieb "Aufbruch" ist. Ein redlicher Mann, der unter den Bedingungen der Mangelwirtschaft sein Bestes gibt, was aber nie gut genug ist. Immer fehlt Papier, stimmt die Qualität nicht, muss er sich mit den Vorgesetzten arrangieren und mit den Verhältnissen jonglieren.

Sein Jugendfreund und Antipode ist Achim Felgentreu, dessen Gerberei, die seit 200 Jahren im Familienbesitz war, enteignet worden ist. Ist Werchow der Mann des guten Willens und der Anpasser, so ist Felgentreu der Verweigerer und Aussteiger. Er verbringt seine Zeit als Schrankenwärter in einem Häuschen an der Bahnstrecke. Er ist raus aus der Bedrängnis, alle anderen stecken drin, auch sein Sohn Jonas Felgentreu.

Der trägt eines Tages während des Schulunterrichts ein "Fleischerhemd". Wir befinden uns im Jahr 1976, hier setzt der Roman zeitlich ein, und ein blau-weiß gestreiftes Hemd ist in den Novembertagen jenes Jahres eine ungeheure Provokation. Denn just solch ein Hemd trug der ausgebürgerte Wolf Biermann bei seinem ersten Konzert im Westen.

Jonas Felgentreu wird prompt relegiert. Und an seinem Fall wird die Infamie und Kleinkariertheit des Systems besonders deutlich: Die Klassenlehrerin nötigt die Schüler für den Ausschluss ihres Klassenkameraden zu stimmen. Was mit überwältigender Mehrheit geschieht.

Es herrscht die blanke Depression

Man lebt in einer geschlossenen Welt der ständigen Disziplinierungen, der verordneten Lügen und Solidaritätsadressen, des halbherzigen Durchwurstelns. Was aber das Schlimmste ist: Meinhardts Protagonisten ist der Blick auf die Zukunft versperrt, Hoffnung auf Änderung gibt es nicht, keiner von ihnen glaubt, dass in der revolutionären Asche noch Feuer glimmt, keiner vermag sich in eine bildungsbürgerliche (Schein-)Existenz zu flüchten, hier herrscht die blanke Depression.

Die Alten ziehen sich ins Bahnwärterhäuschen zurück wie Achim Felgentreu oder treffen sich wie Willy Werchow jede zweite Woche nach einem dienstlichen Geschäft in der Hauptstadt zu einem Liebesgeschäft mit einer Frau.

Und doch: In all dieser Tristesse begehren die Jungen auf, begeben sich auf kleine, aber entschiedene Fluchten innerhalb des eingemauerten Landes. Britta Werchow, Willys Tochter, die ein Biermann-Gedicht an die Wandzeitung geheftet hat und ebenfalls von der Schule verwiesen worden ist, geht zum Zirkus. Ihr Bruder Matti wird Binnenschiffer und schippert als Schiffsführer über Flüsse und Kanäle. Bruder Erik hingegen studiert Außenhandel, damit er legal ins westliche Ausland gelangen kann.

Innere Emigration allenthalben

Von 1976 bis 1989 folgt Meinhardt seinen Figuren und zeigt am Beispiel von Britta und Matti, dass man im reglementierten System der DDR, wenn man widerspenstig und mutig war, als Außenseiter am Rande leben und sich Drangsalierungen weitgehend entziehen konnte. Dieses Vagabundentum, eine Art innere Emigration, hatte sicher seine charmanten und romantischen Seiten, manch einer, der's erlebt hat, mag heute nostalgisch daran zurückdenken.

Doch wirklich schön findet Matti die Situation zu keinem Zeitpunkt. Seine Sehnsucht nach einem freien Leben formuliert er verschlüsselt in seiner Geschichte "Das verschlossene Kind", einer Allegorie auf die verschlossene DDR, die er heimlich in seiner Freizeit schreibt.

Politisch-ökonomische Wirklichkeit

Meinhardt verknüpft die Schicksale der Werchows, der Felgentreus und vieler anderer geschickt. Da gibt es keine losen Enden, da werden unzählige Geschichten geschickt miteinander verbunden und episch ausgefaltet. Wie keinem anderen Autor bisher geht es Meinhardt dezidiert um die Darstellung der politischen und ökonomischen Wirklichkeit der DDR in ihrem Endstadium. Wir erfahren, wie Willy Werchow seine Druckerei dank seines Improvisationsgeschicks am Laufen hält. Wie er zwischen die Interessen seiner Vorgesetzten und seiner Arbeiter gerät. Wie er sich gegen die Stasi wehrt und an ihr zugrunde geht. Und wie er zur lächerlichen Figur wird, als er einem westlichen Kooperationspartner "holzfreies Papier mit 8 % Holzanteil" anbieten muss. Ein wahrer und trauriger Held der Arbeit.

Meinhardt erzählt die Geschichte eines Landes, in dem nur noch geflickt wird und das seinem Untergang entgegenwankt. Der Schiffer Matti sieht's aus nächster Nähe, wenn er in letzter Minute mit seinem Kahn Kohle in den Kraftwerken abliefert, die kurz vor dem Abschalten stehen.

Meinhardts Roman, der offensichtlich auf einer großen Recherchearbeit gründet, greift weit aus und liefert in der Tat ein großes Geschichtspanorama. Die Erhitzung seines Stoffs, die große expressive Geste, die Lust an der Groteske sind seine Sache nicht. Aber der radikale Ernst, mit dem er sich dem Grau des untergegangenen Landes ausgesetzt hat, bringt ein düsteres Leuchten hervor. Und noch ist der Autor mit seiner Geschichte nicht am Ende: "- wird fortgesetzt - " steht unter der letzten Zeile des Romans.

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Vatikan Papst feiert mit 150.000 Gläubigen Ostermesse
Murmansk Himmelskörper verursacht Lichtexplosion
In Feiertagsstimmung Miranda Kerr schmeißt sich ins Häschen-Kostüm
Südkorea Geretteter Schulleiter bringt sich um
Die Welt - Aktuelle News
  1. 1. DeutschlandGeheimdiensteRussen spionieren Deutsche bei Eisernen Treffs aus
  2. 2. DeutschlandPkw-MautstreitAlbig fordert Gebühr für alle Autofahrer
  3. 3. DeutschlandKriminalitätDatenspeicherung bleibt für Schwarz-Rot ein Muss
  4. 4. WeltgeschehenGesunkene FähreSüdkoreas Präsidentin wirft "Sewol"-Crew Mord vor
  5. 5. WirtschaftKrim-KriseRusslands Tycoons sind plötzlich ganz kleinlaut
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Mount Everest

Tote Sherpas und ehrgeizige Touristen

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote