06.02.13

Altbundespräsident

"Der böse Wulff?" - "Die Medien verloren jedes Maß"

Ein Jahr nach dem Rücktritt Christian Wulffs gibt es auch das Buch dazu. Autor Götschenberg macht aus seiner Sympathie für Wulff keinen Hehl und schreibt von Zügen "einer öffentlichen Hinrichtung".

Foto: dpa

Radio-Journalist Michael Götschenberg präsentiert sein Buch „Der böse Wulff?“
Radio-Journalist Michael Götschenberg präsentiert sein Buch "Der böse Wulff?"

Am Sonntag kommender Woche liegt der Rücktritt Christian Wulffs als Bundespräsident ein Jahr zurück. Immer wieder wurde über Wulff seither berichtet: Neue Patzer während seiner Präsidentschaft kamen ans Licht, die juristischen Auseinandersetzungen mit seinem vormaligen Sprecher Olaf Glaeseker wurden publik, zuletzt machte die Trennung des Ehepaars Wulff die Runde.

Die – immerhin – eineinhalbjährige Amtszeit Wulffs als Staatsoberhaupt indes verblasst. Zu Unrecht, meint der Journalist Michael Götschenberg. Der Leiter des Hauptstadtstudios von vier öffentlich-rechtlichen Sendern, unter anderem des Mitteldeutschen Rundfunks, widmet sich in seinem neuen Buch "Der böse Wulff?" dem Wirken des Politikers von seiner Wahl durch die Bundesversammlung am 30.Juni 2010 bis zu seinem Rücktritt am 17.Februar 2012.

Dieses Konzept hat Götschenberg bewusst gewählt; er verweist auf die gelungenen Teile von Wulffs Präsidentschaft.

Das Buch will einen Kontrapunkt setzen

Das am Mittwoch vorgestellte Buch soll, so der Anspruch, einen Kontrapunkt setzen, einen "Perspektivwechsel" ermöglichen. Die These des kundigen Autors, der den Bundespräsidenten mehrfach interviewt und immer wieder begleitet hatte: So gravierend Wulffs Fehler am Ende – vor allem in der Kommunikation – gewesen seien, so positiv sei Wulffs Amtsführung gewesen.

Wulff sei ein "sehr erfolgreicher Start" gelungen, rasch habe er das Volk für sich eingenommen, analysiert Götschenberg: "Eben noch war er Ministerpräsident, kurz darauf war er Bundespräsident, glaubwürdig über den Parteien stehend."

Götschenberg macht aus seiner Sympathie für den Bundespräsidenten mit der kürzesten aller Amtszeiten keinen Hehl. Auch wenn er darauf verweist, dass viele Medien nach dem Rücktritt Horst Köhlers – ja, auch er hatte das Schloss Bellevue frühzeitig verlassen – ihre Sympathie für den rot-grünen Präsidentschaftskandidaten Joachim Gauck gezeigt hätten.

Kritik am Krisenmanagement von Wulff

Einen "relativ einmaligen Vorgang" nennt Götschenberg diese öffentlich bekundete Präferenz. Der Autor teilt die allgemein verbreitete Kritik am Krisenmanagement Wulffs und des Bundespräsidialamts während der Krise zwischen Dezember 2011 und Februar 2012. Er aber wirft, wider den Mainstream, den Medien vor, ihre eigene Rolle überdehnt zu haben. "Das nahm Züge einer öffentlichen Hinrichtung an", ist er überzeugt.

Letztlich habe sich die Krise erwiesen als "ein Machtkampf zwischen Präsident und Medien". Die Medien hätten bei der Skandalisierung Wulffs "jedes Maß verloren", sagte Götschenberg bei der Präsentation seines Buchs in Berlin.

"Wie ein Schuljunge" sei Wulff etwa während seiner letzten Auslandsreise nach Italien vor knapp einem Jahr von Journalisten behandelt worden. Götschenberg, der Wulff während dieses Staatsbesuchs begleitet hatte, berichtet von Politikern aus der Opposition im Bundestag, die den Umgang mit Wulff damals "unerträglich" genannt hätten.

"Wulffs Medienstrategie war keine Strategie"

Während jenes Flugs nach Italien habe der Pilot etwa die "Regieanweisung" erhalten, den Beginn des Landeanflugs über Lautsprecher anzukündigen – damit Wulff das Hintergrundgespräch mit den mitreisenden Journalisten rasch habe beenden können. "Wulffs Medienstrategie war keine Strategie", lautet Götschenbergs nüchternes Fazit.

Von "heftigen Auseinandersetzungen" zwischen dem Bundespräsidenten und Glaeseker – schon vor der Krise – berichtet er. Während Wulff sich im ersten halben Jahr im Amt geradezu versteckt habe, hätte Glaeseker intern dafür geworben, "aus der Deckung zu kommen".

Dabei habe Bundespräsident Wulff inhaltlich gute Arbeit geleistet, ist Götschenberg überzeugt. Mit dem Satz "Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland", gesprochen am 3.Oktober 2010, habe Wulff sich bei den Migranten gewissermaßen ein Denkmal gesetzt. Kenan Kolat, Vorsitzender der Türkischen Gemeinden, äußerte daraufhin das Gefühl: "Er ist auch unser Bundespräsident."

Motivator und nicht nur Mahner sei Wulff für die Menschen mit ausländischen Wurzeln in Deutschland gewesen. Mit dem türkischen Staatspräsidenten Abdullah Gül habe Wulff eine echte Freundschaft entwickelt, und die beiden Männer, weiß Götschenberg zu berichten, telefonierten bis heute miteinander.

Da half auch kein Anwalt mehr

Diese positiven Aspekte, ja solche Erfolge aber verhinderten die Krise Wulffs nicht. "Plan- und kopflos" seien Wulff und Glaeseker der Affäre gegenübergetreten, die mit der Berichterstattung über eine ungeklärte Finanzierung des Privathauses zu Großburgwedel ihren Anfang nahm. Auch der privat eingeschaltete – und bezahlte – Anwalt Gernot Lehr samt dessen "Fußballmannschaft" an Mitarbeitern (Götschenberg) habe den Präsidenten nicht durch die Krise steuern können.

Wie so oft im politischen Geschäft stolperte auch Wulff primär über gravierende Kommunikationsfehler. Götschenberg nennt hier das Versäumnis, die bedeutende Rolle seines alten Freundes Egon Geerkens bei der Vermittlung des Hauskredits korrekt darzustellen und den Urlaub mit dem Unternehmerkumpel David Groenewold frühzeitig offenzulegen.

In dieser Phase sei es innerhalb des Bundespräsidialamts zu "regelrechten Absetzbewegungen von Wulff" gekommen. Ganze Referate hätten ihre Arbeit eingestellt, berichtet Götschenberg. Wulff habe seinen Apparat verloren, sich Verschwörungstheorien hingegeben und "Angriffsflächen ohne Ende" geboten.

Die Medien wiederum hätten sich als "moralisches Standgericht" betätigt, zugleich als Ankläger und Richter, wobei "das Urteil sehr schnell gefällt war".

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