05.02.13

Peer Steinbrück

In freier Rede übt der Kandidat den Außenpolitiker

Peer Steinbrück gibt ein launiges Debüt als SPD-Kanzlerkandidat in Großbritannien. Sein Humor, so kokettiert der Sozialdemokrat in London, mag für viele Zuhörer nicht leicht "zu decodieren" sein.

Von Tina Kaiser und Thomas Kielinger
Foto: dpa

SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück (l.) trifft Ed Miliband, den Vorsitzenden der britischen Labour Party in London
SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück (l.) trifft Ed Miliband, den Vorsitzenden der britischen Labour Party in London

Er hat etwas von Helmut Schmidt an sich, seinem Hamburger Landsmann – kühl, überlegen, schlagfertig und weltökonomisch im Sattel. Man ist nicht umsonst Finanzminister der großen Koalition gewesen. Kompetenz quillt aus allen Falten, auch sein Lächeln ähnelt dem des Altkanzlers, es jongliert zwischen Wohlwollen, Leutseligkeit, Understatement und Sarkasmus.

Sein Humor, so erklärt er, mag für viele nicht leicht zu decodieren sein. Das Hamburger Element eben, nicht weit vom Britischen entfernt, wie der Redner sich beeilt zu erläutern: In Hamburg halten sich die Menschen doch für britischer als die Briten selber.

Wir erinnern uns: So lästerte schon Jenny Treibel, in Theodor Fontanes gleichnamigem Roman: "Das ist so hamburgisch, die kennen alle Engländer, und wenn sie sie nicht kennen, so tun sie wenigstens so."

Genug der Einleitung. Die Rede ist von Peer Steinbrück, dem Kanzlerkandidaten der SPD. Er eilt durch Europa, am Sonntag in Dublin, Montag und Dienstag in London, dann Athen und Den Haag. Der Politiker will im Ausland für seine Ziele werben und sein internationales Profil schärfen.

Sollte er im Frühherbst zum Kanzler gewählt werden, kann das sicherlich nicht schaden. Seine Auftritte machen ihm offensichtlich Spaß, jenseits der deutschen Grenzen muss er nicht davon ausgehen, dass eine heimische Medienmeute auf der Lauer liegt, ihn kritisch zu rezensieren.

Auftritt vor 500 Studenten

Zwei Nummern gab er in London – am Dienstag in der Residenz des deutschen Botschafters Boomgaarden, wo die Friedrich-Ebert-Stiftung als Co-Sponsor fungierte und Steinbrück das professionelle London antraf aus Bankern, Wissenschaftlern, Journalisten und Thinktank-Magiern. Am Abend zuvor stand er einem gefüllten Saal von 500 Studenten der London School of Economics Rede und Antwort; die sehr rührige German Society hatte eingeladen.

Da produzierte sich Steinbrück auf der Bühne wie ein Schauspieler, der auf und ab stapfte und seine Rede freihändig und notizenfrei vortrug, was die akademische Jugend schwer beeindruckte.

In der deutschen Botschaft dann die Rückkehr zur stehenden Position am Pult, aber auch hier ohne Redemanuskript: Er bleibt im Vortrag bei Deutsch, "weil die Klarheit der Aussage bei Benutzung der Fremdsprache leiden könnte", steigt dann aber in dem Frage-und-Antwort-Teil in terminologisch flüssiges Englisch ein.

Er hat Handfestes vorzutragen, gerade für britische Ohren. "Keine Spezialdeals für Großbritannien", konstatiert er klipp und klar auf die Frage, wie er, sollte er an der Regierung sein, mit dem britischen Referendum zu Europa umgehen würde. Um schnell die Zuhörer halb zu versöhnen: "Die europäischen Institutionen müssen aber dringend reformiert werden."

Kosten-Klarheit bei EU-Austritt

Dann geht der Ball wieder ins britische Feld zurück: "Ich erwarte ein klares Signal von Ihrer Wirtschaft, was für soziale und ökonomische Kosten auf Ihr Land zukämen, wenn es die EU verließe." Dass auch ein Steinbrück dies nicht wünscht, ist inzwischen zum Mantra aller europäischen Politiker geworden.

Einer wie er nimmt kein Blatt vor den Mund – das macht seine Sprache erfrischend ehrlich, Risiken eingeschlossen. "Wie können wir die Kohäsion Europas im 21.Jahrhundert sichern?", fragte Steinbrück, und: "Spielen wir demnächst noch in der Champions League?"

Rhetorische Fragen, denen die Peitschenhiebe konkreter Vorwürfe auf dem Fuß folgen: "Europa hat keine kohärente Außen- und Sicherheitspolitik, ich erinnere nur an die Stimmenthaltung Deutschlands im Uno-Sicherheitsrat bei der Interventionsfrage in Libyen, keine kohärente Politik gegenüber der Erweiterung der EU. Bis wohin soll sie gehen? Jedes Land mit seinem eigenen EU-Kommissar, mit immer neuen Kompetenzen, dank derer man sich gegenüber den anderen Mitgliedern auszeichnet?"

Frustration in der Stimme

Da ist Frustration in seiner Stimme, aber er ist mit Europa noch lange nicht fertig, geißelt die vielsagende, aber folgenlose Lissaboner Strategie des Jahres 2000, "aber was bewirkte sie, bei Forschung und Entwicklung, Bildung, Infrastruktur, dem Problem der Jugendarbeitslosigkeit? Nichts."

Ähnliche Vorwürfe an die deutsche Bundesregierung – er sorgt sich um den Zusammenhalt der Gesellschaft bei immer ungleicher werdenden ökonomischen Bedingungen. "Auf dem Ratsgipfel in diesem Monat werden wir einen EU-Haushalt absegnen, bei dem ein Drittel in den Agrarmarkt und den ländlichen Raum fließt, obwohl dieser Bereich nur fünf bis sechs Prozent des gesamten EU-Bruttoinlandsprodukts ausmacht."

Wer seine Botschaft noch immer nicht verstanden hat, bekommt einen zitierfähigen Satz hinterhergeliefert: "Die knappen Ressourcen werden falsch ausgegeben." Das zumindest hört man in David Camerons London nur allzu gerne.

Den Briten, die vielleicht auf einen Kollaps der Euro-Zone gesetzt haben mochten, schreibt er ins Stammbuch: "Die Währungsunion bleibt, mit Griechenland dabei. Warum? Weil ein Austritt Athens die Ansteckungsgefahr für andere Länder – Spanien, Italien – sofort erhöhen würde: Allein die Zinsspreads für Staatsanleihen würden unerschwinglich."

Es komme aber darauf an, die mediterranen Länder weiter zu stabilisieren, denn "Deutschland geht's nur so gut, wie es seinen Nachbarn gut geht". Sein Lieblingsthema: "Wir müssen die Dosis der Auflagen, die wir anderen zur Konsolidierung machen, lockern." Was verlange man denn von Griechenland oder Portugal? Dass sie pro Jahr fünf Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts einsparen sollen? "Das würde auf deutschen Straßen zu Dauerprotestmärschen führen."

"Konsolidierung, Konsolidierung, Konsolidierung"

Das hatte ihn schon am Abend vor dem Studentenpublikum echauffiert. "Was unterscheidet Ihre Politik eigentlich von der der Regierung Angela Merkels?", lautete eine Frage. Steinbrück zögert nicht lange: "Der Regierung geht es nur um Konsolidierung, Konsolidierung, Konsolidierung.

Ein zu starker Fokus auf den Schuldenabbau aber kann Europa in eine Depression führen." Gerade die Deutschen wüssten aus ihrer Geschichte nur zu gut, wie gefährlich hohe Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit sein könnten. "Eine solche Austerity schürt Extremismus auf links und rechts."

Als Steinbrück zu sehr das Lied von der Zukunft Europas anstimmt – da beginnen einige der Zuhörer abzuschalten, denen das britische Hemd näher ist als der europäische Rock. Doch hat Peer Steinbrück erkennbare Fußspuren hinterlassen. Das Wort freilich wird der Wähler haben.

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