05.02.13

Psychologie

Armut führt zu Risikobereitschaft in Notzeiten

Wer seine Kindheit in wirtschaftlicher Unsicherheit verbracht hat, richtet sein Verhalten später unbewusst auf schnelle, kurzfristige Erfolge aus – besonders wenn die Ressourcen wieder knapp werden.

Von Fanny Jimenez
Foto: picture alliance / JOKER

Wer als Kind in schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen lebt, verändert dauerhaft seinen Fokus
Wer als Kind in schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen lebt, verändert dauerhaft seinen Fokus

"Genieße, was du hast, als ob du heute noch sterben solltest, aber spar es auch, als ob du ewig lebtest", schrieb Lukian von Samosata, ein syrischer Satiriker der Antike, in seinem Werk "Die Genügsamkeit". Nur der sei weise, der beides könne: im Sparen genießen und im Genuss sparen.

Dass Sparen eine ziemlich kluge Sache ist, ahnten die Menschen also damals schon, ebenso wie wir das heute wissen. Aber wer macht es tatsächlich?

US-Forscher um Vladas Griskevicius von der Carlson School of Management an der University of Minnesota haben nun mit einer Serie von drei Experimenten herausgefunden, wann Menschen eher zum Sparen neigen und wann eher zum Genuss – also zum Geld ausgeben.

Sie simulierten für ihre 334 Probanden Situationen, in denen Ressourcen knapp waren oder zumindest zu sein schienen. Das erstaunliche Ergebnis berichten die Forscher nun im Fachjournal "Psychological Science".

Bei wirtschaftlich unsicherer Lage tendierten jene zu impulsiverem Verhalten, die Notzeiten aus ihrer Zeit als Kind gut kannten, weil sie aus eher ärmlichen Verhältnissen kamen.

Kindheit in Armut zählte – aktueller Zustand war egal

Probanden aus wohlsituierten Familien dagegen waren weitaus weniger risikobereit. Interessant ist, dass für diese Tendenzen im Verhalten die aktuelle wirtschaftliche Situation der Versuchsteilnehmer keine Rolle spielte – Wohlstand im Jetzt führte also trotzdem zu starker Impulsivität, wenn die eigene Kindheit von Entbehrung geprägt war.

Die Wissenschaftler betonen, dass diese deutlichen Unterschiede aber nur bei Ressourcenknappheit auftraten. Kontrollgruppen, die die gleichen Aufgaben ohne ökonomische Unsicherheit durchführten, unterschieden sich dagegen nicht bedeutsam.

Die Forscher führen die sogenannte Theorie der Lebensgeschichte aus der Biologie als Erklärung für die zwei grundlegend unterschiedlichen Verhaltensstrategien an. Sparen in unsicheren Zeiten, so schreiben sie, sei zwar aus ökonomischer Sicht durchaus sinnvoll, aus biologischer Sicht aber sei eine andere Taktik klüger.

So zeigen etliche Studien an Tieren und auch an Menschen, dass Verhaltensstrategien sich sehr früh abhängig von den Umweltbedingungen entwickeln: Sind diese unvorhersehbar, gefährlich oder knapp an Ressourcen, werden "schnelle" Strategien angenommen.

Schnelle Entwicklung und Reproduktion wichtig

Das bedeutet, dass sich ein Organismus auf eine möglichst rasche Entwicklung und auf frühe Nachkommenschaft konzentriert, da die eigenen Überlebenschancen eher unsicher sind.

So zeigen Studien unter anderem, dass unter solchen Umständen auch bei Menschen die Geschlechtsreife früher eintritt und eigene Kinder früher und zahlreicher in die Welt gesetzt werden.

Der Fokus liegt dabei also auf Strategien, die auf möglichst kurzfristige oder schnell zu erreichende Erfolge zielen – und das in jeder Hinsicht. In der Studie testeten die Forscher ihre Vermutung der "schnellen" Strategien bei Probanden aus ärmeren Familien in drei Experimenten.

Als Erstes erfassten sie die Bereitschaft ihrer Versuchsteilnehmer, auf attraktive Belohnungen zu warten. Sie gaben ihnen die Wahl, einen bestimmten Geldbetrag sofort mit nach Hause zu nehmen, oder einen Monat zu warten und dann einen höheren Betrag zu bekommen.

Danach stellten sie ihnen erneut einen Geldbetrag in Aussicht, mit der Option, mit einer Gewinnchance von 54 Prozent in einem zweiten Durchlauf mehr Geld zu bekommen. Verloren sie diesen zweiten Durchgang aber, gingen die Teilnehmer komplett leer aus.

Armut macht impulsiver und risikobereiter

Probanden aus ehemals ärmlichen Verhältnissen konnten bei diesen Aufgaben seltener auf verzögerte Belohnungen warten und zeigten mehr Risikobereitschaft bei der Option auf den höheren Gewinn.

In einem zweiten Experiment untersuchten die Forscher, wie schnell die Probanden unbewusst auf Bilder reagierten, die Luxusgüter darstellten, etwa eine Rolex-Uhr oder einen Porsche.

Zuvor hatten sie ihnen einen gefälschten Zeitungsartikel zu lesen gegeben, der eine drohende wirtschaftliche Rezession beschrieb. Auch hier waren es die Probanden aus weniger betuchten Verhältnissen, die intuitiv schneller reagierten.

Im dritten Experiment schließlich sollten die Probanden auf einem Bildschirm einen virtuellen Luftballon aufblasen. Für jeden Luftstoß mit einer Pumpe gab es Geld. Je mehr Luft sie also pumpten, desto mehr Geld erhielten sie. Pumpten sie den Ballon aber so sehr auf, dass er platzte, war das Geld weg.

Anschließend untersuchten die Forscher mithilfe von Urinproben das Ausmaß des chronischen oxidativen Stresses bei den Teilnehmern. Es reflektiert, wie viel kaputtes Zellgewebe im Körper ist.

Chronischer Stress und Impulsivität bei den Probanden

Frühere Studien hatten bereits Zusammenhänge des oxidativen Stresses mit chronischem Stress durch Umweltbedingungen gezeigt.

Die Wissenschaftler konnten dies nun bestätigen: Wieder waren jene aus ärmeren Familien risikofreudiger, und gleichzeitig war bei ihnen der gemessene oxidative Stress größer.

"Zusammengefasst kann man sagen", so die Forscher, "dass Umweltbedingungen in der frühen Kindheit Menschen dafür sensibilisieren, verschiedene Strategien anzunehmen, die sich bei Ressourcenknappheit bemerkbar machen."

Womöglich sei diese Strategie bei Menschen, die in völliger Armut aufwachsen, noch einmal ausgeprägter. Es sei vorstellbar, dass sich unter solchen Umständen die "schnelle" Strategie selbst dann durchsetzt, wenn es keine wirtschaftliche Unsicherheit gebe.

Das jedoch müssten weitere Studien erst zeigen. Sicher sei aber: "Die Ergebnisse unterstreichen, dass ökonomisch irrationales Verhalten evolutionär gesehen durchaus sehr sinnvoll sein kann."

Relative Kinderarmut in 35 Industrieländern

In Island ist die relative Kinderarmut besonders gering. Nur 4,7 Prozent (siehe Angaben in Klammern) der Kinder im Alter von 0 bis 17 Jahren leben hier in Haushalten mit einem Einkommen unterhalb der Hälfte des Medianeinkommens des Landes. Von insgesamt 35 Industrieländern liegt Deutschland mit 8,5 Prozent auf Platz 13.

 

1. Island (4.7)

2. Finnland (5.3)

3. Zypern (6.1)

4. Niederlande (6.1)

5. Norwegen (6.1)

6. Slowenien (6.3)

7. Dänemark (6.5)

8. Schweden (7.3)

9. Österreich (7.3)

10. Tschechien (7.4)

11. Schweiz (8.1)

12. Irland (8.4)

13. Deutschland (8.5)

14. Frankreich (8.8)

15. Malta (8.9)

16. Belgien (10.2)

17. Ungarn (10.3)

18. Australien (10.9)

19. Slowakei (11.2)

20. Neuseeland (11,7)

21. Estland (11.9)

22. Großbritannien (12.1)

23. Luxemburg (12.3)

24. Kanada (13.3)

25. Polen (14.5)

26. Portugal (14.7)

27. Japan (14.9)

28. Litauen (15.4)

29. Italien  (15.9)

30. Griechenland (16.0)

31. Spanien (17.1)

32. Bulgarien (17.8)

33. Lettland (18.8)

34. USA (23.1)

35. Rumänien (25.5)

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