03.02.13

Frankfurter Allerlei

Wilhelm Genazino macht den Tarzan am Main

Die Stadt der Banken gilt nicht gerade als Hotspot. Aber wenn man wie Wilhelm Genazino lange dort lebt, sieht man in ihr manches, das viel über den Zustand der ganzen deutschen Gesellschaft mitteilt.

Von Tilman Krause
Foto: picture alliance / dpa

Frankfurt am Main gilt als der Inbegriff der seelenlosen deutschen Großstadt. Trotzdem kann man natürlich auch hier das soziologische Sezierbesteck anlegen
Frankfurt am Main gilt als der Inbegriff der seelenlosen deutschen Großstadt. Trotzdem kann man natürlich auch hier das soziologische Sezierbesteck anlegen

Nein, die Frankfurter sind nicht im Straßenrausch. Man kann sie sich allenfalls im Kaufrausch vorstellen. So jedenfalls sieht Wilhelm Genazino die Dinge. Der Büchnerpreisträger des Jahres ist 2004 ist selbst seit gut vierzig Jahren in jener Stadt ansässig, die sich mit Recht für ihre seelenlose Hässlichkeit den Spitznamen "Krankfurt" eingehandelt hat.

Doch auch eine abstoßende urbane Agglomeration kann man natürlich analysieren. Und gerade die Stadt am Main besitzt dafür einen vorzüglichen Patron: Siegfried Kracauer, dem wir neben seinen (anfechtbaren) filmhistorischen Analysen sehr präzise stadtsoziologische Beobachtungen verdanken, die tatsächlich über jeden Zweifel erhaben sind.

Und in ihnen kommt (allerdings natürlich auf Berlin bezogen) der Ausdruck "Straßenrausch" vor, den Genazino dankbar aufnimmt. Er bezeichnet eine gesteigerte Variante jenes ziellosen Schweifens durch den städtischen Raum, das man seit Baudelaire flanieren nennt. Man kann wahrscheinlich vieles in Frankfurt am Main tun, aber flanieren kann man nun wirklich nicht. Dafür eignen sich die Avenuen in ihrer Geschmacklosigkeit genauso wenig wie die kläglichen Gassen der Altstadt, die nur den Pragmatismus der Wiederaufbau-Jahre atmen.

Bedeutungsverlust seit der Wiedervereinigung

Genazino arbeitet sich trotzdem an seiner Stadt ab, die seit der Wende einen erheblichen Bedeutungsverlust zu verkraften hat und insofern geradezu ein gewisses Mitleid verdient. Der Autor hat übrigens allen Grund dazu, der Mainmetropole ein wenig dankbar zu sein, denn sie lieferte ihm schließlich die Kulisse seiner frühen Romane aus der Welt der Angestellten ("Abschaffel"-Trilogie).

Auch in seinen späteren Werken bildet sie die Folie zu Miniaturen unserer Gesellschaft, die Genazino, ganz und gar Zivilisationspessimist, vorwiegend von den Ausgestoßenen (Bettler, Penner, Alkis) verkörpert sieht, die sich in den von ihm mit besonderer Sorgfalt geschilderten Zonen der Warenhäuser und Einkaufspassagen, der Supermärkte und Billigrestaurants tummeln.

Insofern enthält dieses Sammelsurium aus Stadt-Tableaux und Denkbildern viel Bekanntes für denjenigen, der mit Genazinos Romanen vertraut ist. Wirklich neuartig und interessant wird das Buch erst dort, wo der Verfasser ganz unumwunden auf sich selbst zu sprechen kommt: Wie er als Landei Anfang der Siebzigerjahre in diese Großstadt mit ihrer Mischung aus Äppelwoi-Seligkeit und kalter Kapitalismus-Pracht gelangt, deren Spezifik er sich rührenderweise durch die Lektüre von Fitzgerald und Sherwood Anderson zu erschließen sucht.

Damals bei "Pardon"

Besonders gelungen in ihrer schnörkellosen Klarsicht sind sodann die Bestimmungen der inneren Widersprüche, mit denen die Redaktionsmannschaft von "Pardon", zu der er eine Weile gehörte, sich damals ein Selbstbild als Bohème vorgaukelte. Hier spricht Genazino im Rückblick von "Sozialfolklore" und merkt an: "Rings herum tobten nach wie vor die wirklichen Studentenunruhen; da wollten wir als angestellte Sympathisanten nicht nachstehen. Im Grunde erfüllten wir ein vertrautes Rollenklischee: Wir waren Angestellte des ,Systems', wollten aber dennoch teilhaben an dessen kritischer Leugnung."

Dennoch: Dies war wahrscheinlich Genazinos große Zeit, hier bildete sich eine Teilhabe am gesellschaftlichen Ganzen heraus, wie er sie später nie wieder erreicht hat. Und er weiß es, kommt immer wieder auf diese Zeit zurück, gefangen in seiner "linken Geschichte", wie er nun mal ist. Wendet er sich dem Heute zu, wird seine Sprache floskelhaft und blass. Da ist dann vom "Abgleich der Mentalitäten" die Rede, von "werthaltiger Kleidung". Der dpa-Stil dominiert, à la "... teilt das statistische Landesamt Wiesbaden mit". Hier hat wieder mal ein Lektor versagt.

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Vatikan Papst feiert mit 150.000 Gläubigen Ostermesse
Murmansk Himmelskörper verursacht Lichtexplosion
In Feiertagsstimmung Miranda Kerr schmeißt sich ins Osterhäschen-Kostüm
Südkorea Geretteter Schulleiter bringt sich um
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Mount Everest

Tote Sherpas und ehrgeizige Touristen

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote