01.02.13

Maybrit Illner

Sexismus-Debatte mit dem Knie von Sophia Thomalla

Die Debatte über Sexismus ist keine parteipolitische, wie ein Gast Maybrit Illners sagte. Sie ist auch keine juristische, wie es ein anderer gern gesehen hätte. Nein, sie ist gesellschaftlich.

Von Tim Slagman
Foto: DWO

Wieviel nacktes Knie passt über die Tischkante bei Illner? Während des Sexismus-Talks fixiert Sophia Thomalla (2.v.r.) die Studiokameras.

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"Weg von den Einzelfällen, weg von den Extremfällen", wollte Christina Frank. Danke. Endlich. Denn was die Ver.di-Frau bei Maybrit Illner forderte, sollte längst eine Selbstverständlichkeit in der Debatte über Sexismus sein. Und doch kam auch dieser Abend nicht aus ohne Verweis auf die weinseligen Annäherungsversuche von Rainer Brüderle an die "Stern"-Journalistin Laura Himmelreich.

Ein Einzelfall, sicher, ein Extremfall wohl kaum – die meisten Diskutanten waren gar bereit, den Vorfall als "Petitesse" abzutun. Bei dem Talkshow-Dauergast Wolfgang Kubicki, Brüderles Parteifreund in der FDP und dort Fraktionsvorsitzender in Schleswig-Holstein, wundert das wenig. Auch von Anwalt Ralf Höcker, der unter anderen Jörg Kachelmann vertrat, war kaum zu erwarten, dass er einen Prominenten den Medien zum Fraß vorwerfen würde.

Claudia Roth saß mit am Tisch, die ja gerne als ökofeministische Heulsuse mit eher geringem Spaßfaktor verschrien ist. Der Gewerkschafterin Christina Frank fielen die blonden Strähnen über der Brille auf die Stirn, der vordere Teil einer heute nicht mehr allzu weitverbreiteten Vokuhila-Frisur. Und dann war da noch die Schauspielerin Sophia Thomalla, jung, schlank, die so aufreizend lässig auf ihrem Stuhl hin und her schaukelte, dass ab und an ein nacktes Knie an der Tischkante vorbeistreifte.

Bei Film und Fernsehen nennt man so etwas "Type-Casting" – wirf einen Blick auf den Gast, und schon weißt du sicher, welche Position er in der Diskussion vertreten wird. Hochinteressant, ja geradezu subversiv wäre es gewesen, hätte Maybrit Illner versucht, diese Klischees bewusst zu unterlaufen und Sophia Thomalla sich plötzlich als Hardcore-Feministin geoutet.

Doch so sollte es nicht sein. Thomalla war wohl nicht nur deshalb geladen, weil ihre Mutter lange mit dem ehemaligen Vorzeige-Chauvi Rudi Assauer liiert war, auch nicht deshalb, weil die Allmacht der Produzenten in ihrem Beruf sicherlich mancher Belästigung Vorschub gibt.

Eher sollte sie als Beleg herhalten dafür, dass die Debatte über Sexismus keine parteipolitische sei, keine über Rainer Brüderle und, wenn auch Ralf Höcker dies gerne anders gehört hätte, nicht unbedingt eine juristische – sondern eine gesellschaftliche.

Also weg von den Einzelfällen, schön. Und rein mit der Diskussion in die so oft verschwurbelt beschworene Mitte der Gesellschaft. Einige dort denken – das jedenfalls ist zu vermuten – tatsächlich so wie Sophia Thomalla, deren Argumentationsattrappe sich im Wesentlichen auf vier Wörter reduzieren ließ: Alles nicht so schlimm.

Ralf Höcker entwarf gar ein fünfstufiges Modell zur Kategorisierung unerwünschten Sexualverhaltens, das von Vergewaltigung bis zur misslungenen Anmache reichte. Sein Tenor: Was nicht justiziabel sei, das müsse man aushalten. "Hier soll ein Sozialverhalten abgestellt werden, aber wir müssen miteinander umgehen lernen." Leider könne man nicht alle Männer ändern, Frauen müssten sich unangenehmen Situationen eben entziehen.

"Sie machen aus Opfern Täter!"

Mag sein – aber bedeutet das nicht, dass arglose Frauen dann zu lernen hätten, mit übergriffigen Männern umzugehen? Und um diese Denkfigur noch ein wenig zuzuspitzen: Sollte ein dunkelhäutiger Mitbürger, der rassistisch beleidigt wird, dann auch lernen, sich einer solchen Situation geschickt zu entziehen. Denn, leider, alle Rassisten wird man wohl nicht ändern können?

Höckers argumentativer Trick bestand darin, dem Sexismus die Anerkennung als gesellschaftliches Problem zu verweigern, ohne dass er dies explizit hätte sagen müssen. Ist halt was Persönliches, Sozialverhalten eben, kein Regelungsbedarf.

Claudia Roth, deren Empörungspotenzial bekannt ist, reagierte darauf entsprechend scharf: "Platzverweise für Frauen" wolle Höcker wohl verteilen. "Sie machen aus Opfern Täter", hatte sie zuvor schon Kubicki vorgeworfen, der angekündigt hatte, als Lehre aus dem Himmelreich-Brüderle-Skandälchen die Kontakte zu weiblichen Journalisten deutlich zu reglementieren. Roth blieb abstrakt: "Es geht um den alltäglichen Sexismus hier im Land."

Der Missbrauch der Macht

Die stärksten und konkretesten, wenn auch nicht unbedingt neuen Argumente gegen die Vertreter des Laisser-faire führte schließlich Christina Frank ins Feld. Sich einer Situation zu entziehen, in der die Belästigung vom eigenen Chef ausgeht, ist unmöglich, beharrte die Gewerkschafterin. Wo Hierarchien bestehen und Machtpositionen ausgenutzt werden, kann es keine Gegenwehr geben.

Das ist wahr – und genau an diesem Punkt sollten auch zukünftige Diskussionen ansetzen. Wenn schon so ziemlich jeder der öffentlich-rechtlichen Talkmaster sich dieses Themas annimmt wie zuvor schon Günther Jauch und Anne Will, so muss mit den Gästen nun wirklich nicht erst noch einmal über Brüderle über die Tanzkarte gesprochen werden. Dann bleibt mehr Zeit für das Wesentliche.

Das sagten Maybrit Illners Gäste

Wolfgang Kubicki,

Fraktionschef der FDP in Schleswig-Holstein:

 

Männer, die Frauen belästigen,

haben ein Persönlichkeitsdefizit.

 

Claudia Roth,

Grünen-Parteichefin:

 

Viele Frauen haben Angst, und sie trauen sich nicht,

diese Angst auszudrücken.

 

Sophia Thomalla,

Schauspielerin:

 

Mein Manager ist ein Macho,

mein Mann ist ein Macho – und ich liebe ihn!


Ralf Höcker,

Medienanwalt:

 

Man erhöht den Druck auf Männer

immer mehr.

Christina Frank,

Gewerkschafterin:

 

Respektlosigkeiten sind keine Petitessen.

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