29.01.13

Investmentbanken

Top-Talente machen einen Bogen um die Wall Street

Absolventen der Elite-Universitäten lassen Investmentbanken bei der Job-Suche links liegen. Das Silicon Valley und die Sonne Kaliforniens locken. Bald kann niemand mehr die Finanz-Bestie bändigen.

Foto: picture alliance / landov

Die Wall Street ist längst nicht mehr die erste Adresse für Eliten. Die Finanzkrise hat das Image ramponiert
Die Wall Street ist längst nicht mehr die erste Adresse für Eliten. Die Finanzkrise hat das Image ramponiert

Während der goldenen Zeiten in der Finanzindustrie mussten Top-Talente nicht lange nachdenken. An der Wall Street konnte man rasch Karriere machen und das große Geld verdienen. Doch das ist vorbei – und so orientieren sich auch Studenten der Elite-Universitäten um. Um Banken wird mittlerweile oft ein Bogen gemacht, die Industrie hingegen ist überraschenderweise wieder ein attraktiver Arbeitgeber.

In den Vereinigten Staaten steht die Technologiebranche im Silicon Valley vielfach ganz oben auf der Wunschliste. Die Banken bekommen deshalb über kurz oder lang ein schwerwiegendes Problem – und müssen sich auch deswegen schnell wandeln.

Bei den Bankchefs tauchte bei diesem Problemfeld eine Frage immer wieder auf und sorgt rund um den Globus für Sorgenfalten: Wer übernimmt das Ruder, wenn wir abtreten? Nach den zahlreichen Skandalen, hohen Verlusten und damit verbunden stark rückläufigen Bonus-Zahlungen sowie einem dramatisch verschlechterten Image verlassen immer mehr gute Leute die Branche, zumal die Perspektiven wegen der immer schärferen Regulierung wenig rosig sind.

Ernste Probleme spätestens in zehn bis 15 Jahren

Das Problem ist dabei noch nicht einmal das Geld. "Die Leute sagen: Ich bin gelangweilt und muss etwas dagegen tun – das ist keine Herausforderung mehr", erklärt der auf die Finanzbranche spezialisierte David Boehmer von der Personalberatung Heidrick & Struggles. Einer der Wall-Street-Banker pflichtet der Erkenntnis bei: "Der Abgang von Talenten in unserer Branche ist äußerst massiv." Größen wie Goldman Sachs oder JPMorgan Chase seien akut betroffen.

In zehn bis 15 Jahren könnten Banken bei der Suche nach geeigneten Managern an der Spitze ernste Probleme bekommen, sagt Personalberater Boehmer: "Die Banken bekommen nicht mehr die Top-Talente von den Universitäten." Ein Beispiel: Für eine Technologie-Position bei einer namhaften Investmentbank habe er Kandidaten aus dem Silicon Valley gesucht, wo Firmen wie Apple, Google und Facebook angesiedelt sind.

Doch ein Wechsel in die Finanz-Metropole New York sei trotz eines dicken Schecks für keinen der Kandidaten infrage gekommen. Parallel habe er für eine Firma von der Westküste, die auf Zahlungen mit mobilen Geräten spezialisiert ist, einen Finanz-Fachmann gesucht, zu einem nicht sehr attraktiven Gehalt. "Wir hatten unzählige Bewerbungen."

Es fehlen Manager, die die Finanzprodukte verstehen

Banken hätten es auch zunehmend schwer, Kreative und Querdenker anzulocken. Diese würden die lockere Atmosphäre im Sonnenstaat Kalifornien schätzen, könnten dort viel mehr bewegen und neue Produkte entwickeln, so Boehmer. Zudem sei die Bezahlung bei Google & Co. sehr ordentlich. Ohne Kreative und Querdenker sei es für die Finanzbranche aber noch schwieriger, sich selbst neu zu erfinden.

Viele Geldhäuser seien trotz Finanzkrise noch weiter gewachsen , heißt es in der Geldbranche. Deswegen seien Spitzenmanager gefragt, die die komplexen Finanzprodukte auch wirklich durchschauten und Risiken effektiv minimieren könnten. "Irgendjemand muss die Bestie ja zähmen", betont der Wall-Street-Banker.

Vorläufig ist der Exodus nicht aufzuhalten. Beispiele gibt es genug: Jacques-Philippe Piverger hat den New Yorker Finanzdistrikt – nach 15 Jahren in der Branche und Stationen bei AIG und Barclays – im Jahr 2011 verlassen. Er gründete die Firma Micro Power Design, die solarbetriebene Lampen herstellt. Sein Ziel ist es, dass arme Menschen ohne richtigen Stromzugang diese bekämen. "Ist das nicht cool?", fragt er. Er habe in der Finanzbranche zwar viel verdient, sei aber nicht erfüllt gewesen. Sein kleines Unternehmen gebe ihm dagegen die Chance, gesellschaftliche und umwelttechnische Fragen zu einem Geschäft zu vereinen.

Quelle: Reuters/ww
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