29.01.13

Jugendhilfe

Der Mann, der Heroinsüchtigen das Kind wegnimmt

Täglich kämpfen Deutschlands Jugendämter gegen den Ruf, gefährdete Kinder nicht ausreichend zu schützen. Jens Prillwitz muss mit diesem Misstrauen leben – und fürchtet gleichzeitig eigene Fehler.

Von Freia Peters
Foto: Tobias Gerber

„Keiner macht diesen Beruf wegen des Geldes“, sagt Jens Prillwitz. Er arbeitet im Jugendamt in Leonberg bei Stuttgart
"Keiner macht diesen Beruf wegen des Geldes", sagt Jens Prillwitz. Er arbeitet im Jugendamt in Leonberg bei Stuttgart

Als Jens Prillwitz, ein freundlich aussehender Mann mit kurz geschorenem Haar, an einem südwestlichen Zipfel Deutschlands das Kastengebäude am Rande der Stadt betritt, ist es kurz vor acht am Morgen. In seinem Büro stapeln sich Kuscheltiere in der Spielecke, Prillwitz hat seinen Anorak noch nicht abgelegt, als das Telefon klingelt. Aus der Hörmuschel dringen Satzfetzen.

"Schon wieder?", fragte er und: "Ist sie schon bei der Polizei als vermisst gemeldet?" Prillwitz gibt einem Vater, dessen Tochter weggelaufen ist, erste Tipps und vereinbart für den kommenden Tag einen Termin: "Ich kann sie um 15.45 Uhr dazwischenschieben."

Prillwitz, 33 Jahre, ist Mitarbeiter des Jugendamtes in Leonberg bei Stuttgart. Obwohl Baden-Württemberg nicht gerade zu den prekären Wohngebieten Deutschlands zählt, ist hier die Anzahl der Familien, die schwere Probleme mit ihren Kindern haben, in den letzten sechs Jahren um 40 Prozent gestiegen.

Auch bundesweit sind die staatlichen Ausgaben für Erziehungshilfen und Schutz von Kindern auf ein Rekordhoch gestiegen. Rund 30,5 Milliarden Euro haben Bund, Länder und Gemeinden 2011 für die Kinder- und Jugendhilfe ausgegeben, das waren noch einmal 5,7 Prozent mehr als im Spitzenjahr 2010. Gut ein Viertel floss in die "Hilfen zur Erziehung". Vor allem die Inobhutnahmen bei Gefährdung des Kindeswohls haben deutlich zugelegt – um 8,1 Prozent auf rund 178 Millionen Euro.

In der Freizeit klettert Prillwitz Felsen hinauf

Zusammen mit acht Kollegen betreut Prillwitz ein Einzugsgebiet von 100.000 Einwohnern. Derzeit gibt es hier rund 600 Familien, die "Hilfen zur Erziehung" benötigen, deren Kinder in Heimen oder Pflegefamilien untergebracht werden müssen oder die ein Familienhelfer mindestens einmal die Woche beraten muss.

Prillwitz ist ein Mann, der wirkt, als könne ihn nichts so leicht aus der Ruhe bringen. In seiner Freizeit klettert er Felswände hinauf. In seinem Job versucht er, jedes kleinste Risiko zu vermeiden, sodass er abends gut einschlafen kann. Und doch hat er immer seltener das Gefühl, seine Arbeit unter Kontrolle zu haben.

Seit acht Jahren arbeitet er beim Jugendamt, und wenn man ihn fragt, was sich in dieser Zeit in seinem Job alles verändert hat, sagt er: "Ich muss mich bemühen, ihnen auf diese Frage keinen Roman zu erzählen."

Nicht nur, dass die Zahl der Langzeitarbeitslosen gestiegen und die Zahl der Familien in klassischen Strukturen stark gesunken ist. Dass viele getrennte Eltern an ihren Kindern zerren und es mehr und mehr Familien gibt, die keinerlei Rückhalt haben, keinen Partner, keinen Freund, keinen Verwandten, der sie unterstützt. Auch der Ansatz des Jugendamtes ist ein anderer geworden. "Ambulante" Hilfen sollen, wo immer es möglich ist, "stationären" vorgezogen werden.

Ein Heimplatz kostet 4500 Euro im Monat

Lieber soll also ein Helfer in den Familien zur Seite stehen, als das Kind in eine Pflegefamilie, ein Heim oder eine Wohngruppe zu geben. Wie überall muss auch beim Jugendamt Geld gespart werden, und ein Heimplatz kostet 4500 Euro im Monat.

Sogar vor Gericht müssen die Sozialarbeiter nachweisen, alles getan zu haben, um das Kind bei seinen leiblichen Eltern zu lassen. "Wir unterstützen diesen Ansatz auch inhaltlich", sagt Prillwitz.

"Die Frage, die sich jeder von uns täglich stellt, ist: Wie kann ich eine Trennung vermeiden?" Doch manchmal gibt es keine andere Möglichkeit. Bei Leon* etwa, zwei Jahre. Prillwitz wird heute erneut vor Gericht dafür plädieren, seinen Eltern das Sorgerecht zu entziehen. Seit mehr als einem Jahr dauert die Verhandlung nun schon an, und immer wieder verschiebt das Familiengericht seine Entscheidung in der Sache "Kreisjugendamt gegen Schneider".

Vor zwei Jahren erhielt Prillwitz einen Anruf der Kinderklinik, ein gerade geborener Säugling weise Entzugserscheinungen auf. Zunächst gaben sich die Eltern bei einem unangemeldeten Besuch sehr kooperativ, beteuerten, ihren Drogenkonsum aufgeben zu wollen, und gingen regelmäßig zur Beratungsstelle. Ein Arzt verschrieb den jungen Eltern – noch unter 20 Jahren – Substitutionsmittel.

Die Urinkontrolle wies Heroinkonsum nach

Bei regelmäßigen Besuchen beobachteten Prillwitz sowie eine Familienhelferin einen liebevollen Umgang der Eltern mit ihrem Baby. Doch die Urinkontrolle wies Heroinkonsum nach. Und die Drogenberatungsstelle konstatierte: Wenn sich das Baby verschluckt und die Eltern Heroin gespritzt haben, sind sie nicht in der Lage, ihrem Kind zu helfen.

Zwar gab der Kinderarzt an, Leon entwickle sich gut. Doch Prillwitz und seine Kollegen entschieden, das Risiko nicht tragen zu können, und so hofft er, dass der Richter heute endlich in seinem Sinne entscheidet.

"Der psychische Druck bei Fällen wie diesem ist enorm geworden", sagt Prillwitz. Am Abend zu Hause stellt er sich oft die Frage, ob er an alles gedacht hat, ob er einen "Eingriff" verantworten kann. Ständig begleitet ihn die Angst, einmal einen Fall zu haben wie den des kleinen Kevin in Bremen, den die Polizei in der Kühltruhe fand, oder der verhungerten Lea-Sophie aus Schwerin.

"Jeder Jugendamtsmitarbeiter zuckt zusammen, wenn so ein Fall bekannt wird, und fragt sich: Kann mir so etwas auch passieren?", sagt Prillwitz. Und eigentlich ist völlig klar, wenn in einen seiner Familien ein solches Unglück passierte, könne er nie wieder in seinem Job arbeiten.

"Keiner macht diesen Beruf wegen des Geldes"

Wenn Prillwitz, wie so oft, in der Zeitung liest, dass das "Jugendamt mal wieder wegschaute", dann packt ihn die Wut. "Keiner macht diesen Beruf wegen des Geldes. Natürlich tun wir alles, um die Kinder zu schützen." Prillwitz verdient 2500 Euro brutto. Einen umfassenden Schutz der Kinder wird er nie gewährleisten können, und die Umstände, unter denen er seine Arbeit tut, sind alles andere als optimal.

Prillwitz erfährt meist über Dritte über die Krisen der Familien. Oft melden sich Lehrer, Nachbarn, Verwandte und berichten von Schülern, die Spuren von Misshandlungen haben, schreien, sich prügeln, stehlen oder Ähnliches. "Ich lerne die Familien in absoluten Krisensituation kennen", sagt Prillwitz.

"In zwei Dritteln der Fälle denke ich, wäre ich vor zwei Jahren auf diese Familien gestoßen, hätte ich noch etwas retten können." Doch das Vertrauen der Familien und auch der Kinderärzte, das Jugendamt hinzuzuziehen, fehlt. "Die meisten denken eben immer noch, wir kommen und reißen den Eltern ihre Kinder weg."

So wie bei den Tarnedens, an dessen Wohnzimmertisch Prillwitz am Mittag sitzt. Der 13-jährige Sascha ist seit drei Tagen wieder zu Hause bei seinem Vater, nachdem er zwei Jahre in einer Wohngruppe verbrachte. Die Kissen auf dem Sofa der kleinen Wohnung sind aufgeschüttelt, auf dem Tisch steht eine Dose Pulverkaffee.

Schlägereien, Ladendiebstähle, Alkoholmissbrauch

Nach der Scheidung der Eltern war Sascha zunächst zur Mutter gekommen. Doch sie hatte zu viele Probleme mit sich selbst und kam mit ihrem Sohn nicht zurecht, also zog Sascha zum Vater. Aber auch ihm war der Junge entglitten, vor lauter Arbeit in seiner Kfz-Werkstatt fand er einfach nicht genug Zeit für das Familienleben.

Sascha – eigentlich ein guter Schüler – sackte in seinen Leistungen in den Keller. Es dauerte nicht lange, bis die ersten Nachrichten über Schlägereien in der Schule kamen, Ladendiebstähle, Alkoholmissbrauch. "Ich wusste, was schiefläuft, aber ich wusste nicht, wie ich es ändern sollte", sagt Tarneden.

Während Sascha im Heim war, ging Tarneden in die Kur. Nun weiß er, was er will: weniger arbeiten, strengere Regeln aufstellen und mehr Zeit mit seinem Sohn verbringen.

"Das kriegen wir doch hin", sagt er und streichelt Sascha über den Rücken. Der Junge spielt mit einem großen Brillantenimitat in seinem Ohr. An Saschas Zimmertür hängt ein Bild mit seinem roten Herz: "Schön, dass Du wieder da bist, mein Sohn."

Prillwitz kämpft mit dem schlechten Ruf

Obwohl Sascha sich anfangs weigert, akzeptiert er am Ende des Gesprächs, dass drei Stunden in der Woche ein Familienhelfer zu den Tarnedens kommt, der zur Seite steht, wenn es knirscht – oder wenn Sascha jemanden braucht, um eine Runde Poker zu spielen. Dass ausgerechnet die Hilfe des Jugendamtes dazu führen würde, dass Vater und Sohn am Ende des Tages wieder zusammenleben können, hätte Tarneden niemals gedacht.

"Am Anfang dachte ich, die kommen doch nur, um mir meinen Sohn fortzureißen", sagt er.

Mit dem schlechten Ruf des Jugendamtes hat Prillwitz am meisten zu kämpfen. Das Jugendamt wird als Ordnungsbehörde wahrgenommen und hat jahrlang ausschließlich eins gemacht: Kinder aus ihren Familien genommen.

Seitdem 1990 das neue Kinder- und Jugendhilfegesetz beschlossen wurde, ist das Jugendamt auch eine Dienstleistungsbehörde, die einen Fächer von Hilfsmaßnahmen zur Verfügung hat. "Die Fälle, in denen wir Familien helfen, dringen eben nicht nach außen", sagt Prillwitz.

Jeder betreut rund 50 "schwere Fälle"

Mehr könnte er machen, sagt er, wenn er früher Zugang zu den Familien bekäme, wenn die Kooperation mit den Hebammen, den Kinderärzten verstärkt würde. "Optimal wäre es, jede Familie zu besuchen, in der ein Baby geboren wird", sagt Prillwitz. Eine utopische Vorstellung.

Derzeit hat jeder Sozialarbeiter des Jugendamtes rund 50 Familien zu betreuen, die als "schwere Fälle" gelten. Die Notfälle nehmen zu, das Multiproblemmilieu wächst.

Zusätzlich kommen die alltäglichen Beratungen, die Ratschläge in Trennungs- und Scheidungsfällen. Das Amt benötigte mindestens drei zusätzliche Mitarbeiter, um allen Familien ausreichende Hilfe zu bieten. Der Leiter des Jugendamtes hat nun einen Warnschuss abgegeben und den kreispolitischen Gremien gesagt, dass die Arbeit nicht mehr leistbar geworden sei. Im Frühjahr kommt ein neuer Kollege, der sich nur um die Pflegefamilien kümmern soll.

"Wir rennen dem Geschehen stark hinterher", sagt Prillwitz. "Prävention sieht anders aus." Und oft denkt er, wenn ich mehr Zeit hätte, dann wäre es besser gelaufen.

Drei Inobhutnahmen – an einem Tag

Zurück im Amt angekommen, gibt es zwei neue Notfälle. Eine verzweifelte Mutter hat angerufen, die ihren Sohn am Morgen nicht in die Schule bekommen hat, der Arzt habe nun ADHS diagnostiziert – ein Aufmerksamkeitsdefizit.

Der Sohn, 15 Jahre, droht nun: "Ich bringe mich am besten um, dann habt ihr keinen Ärger mit mir." Eine Fünfjährige hatte am Morgen im Kindergarten unter Tränen gestanden, sie habe Angst, nach Hause zu gehen. An ihrem Körper hatte die Kindergärtnerin blaue Flecken und Hämatome entdeckt.

Prillwitz muss sofort wieder los. Die "normalen" Fälle auf seinem Schreibtisch müssen warten. Am Abend ist die Bilanz im Jugendamt Leonberg: drei Inobhutnahmen von Kindern – an einem Tag.

Im Fall des zweijährigen Leon hat der Richter entschieden, den Eltern eine letzte Frist von drei Wochen zu geben, um eine heroinfreie Urinprobe abzugeben. Passiert das nicht, kommt Leon in eine Pflegefamilie. Heute, sagt Herr Prillwitz, sei ein ruhiger Tag gewesen.

* Die Namen aller Klienten wurden verändert.

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