28.01.13

Erika Steinbach

"Mein Mann wurde von 70-jähriger Jungfrau belästigt"

Vertriebenenchefin Erika Steinbach hält die Sexismusdebatte für übertrieben. Im Interview nimmt sie Brüderle in Schutz, spricht über ihre Lust am Flirt und erzählt, wie ihr Mann belästigt wurde.

Von Miriam Hollstein
Foto: twitter.com/SteinbachErika
Erika Steinbach auf Twitter
Erika Steinbach auf Twitter

Die Welt: Frau Steinbach, Sie nennen die aktuelle Debatte über Sexismus "feministische Heulerei". Warum?

Erika Steinbach: Weil diese Debatte völlig überzogen ist. Sie steht in keinem Verhältnis zum Anlass. Vor allem muss man trennen: Dort, wo Abhängigkeiten bestehen, ist eine Sensibilisierung für das Thema wichtig. Wenn eine Auszubildende von ihrem Lehrherrn unter Druck gesetzt wird, dann ist das strafbar. Da muss man Mut machen, dass das angezeigt wird. Im gesellschaftlichen Bereich aber vertut man sich, wenn man alles nur noch auf sterile Konversation trimmen will. Es liegt an einem selber, wie weit der andere gehen kann. Als Frau habe ich jederzeit die Möglichkeit, ein Stoppschild zu setzen.

Die Welt: Ist es nicht eine klare Grenzüberschreitung, wenn die Oberweite kommentiert wird?

Steinbach: Wenn das der Journalistin nach einem Jahr einfällt, dann sitzt sie aber auf ihrer Leitung. Warum hat sie nichts früher gesagt? Außerdem kann sich die Frau sicherlich selbst behaupten. Nach einem Jahr, zu genau diesem Zeitpunkt, damit an die Öffentlichkeit zu gehen, ist pures politisches Kalkül. Damit soll jemand stigmatisiert werden. Ich komme gut mit Herrn Brüderle aus. Er macht gern Komplimente, manchmal vielleicht auch welche, die nicht jede Frau mag. Er ist eben ein Mann mit Eigenheiten.

Die Welt: Sie fänden es also nicht schlimm, wenn jemand Bemerkungen über Ihre Oberweite machen würde?

Steinbach: Ich würde das humorvoll nehmen. Wie oft bekommt man als Frau Komplimente! Ich habe schon unzählige bekommen und würde da nicht immer gleich Sexismus unterstellen.

Die Welt: Die Diskussion um Rainer Brüderle und den "Stern"-Artikel ist das eine, die Twitter-Aktion Aufschrei das andere. Dort schildern Frauen ihre Erfahrungen mit Alltagssexismus.

Steinbach: Lassen Sie doch die Männer einmal ihre Erlebnisse schildern...

Die Welt: ...was ja einige dort tun...

Steinbach: Mein Mann war Dirigent. Was der von Frauen belästigt wurde, das können Sie sich gar nicht vorstellen. Es gab Frauen, die haben jeden zweiten Tag sechs Seiten lange Briefe geschrieben. Eine 70-Jährige schrieb, sie sei wieder Jungfrau, weil sie seit Ewigkeiten keinen Verkehr mehr gehabt habe. Sie können sich gar nicht ausmalen, wozu auch Frauen in der Lage sind.

Die Welt: Das eine macht das andere ja nicht besser.

Steinbach: Wir sind doch keine Neutra, sondern allesamt sexuelle Wesen. Ich meine, wir haben das ordentlich kanalisiert. Es gehört dazu, dass man miteinander respektvoll umgeht. Aber noch einmal: In unserer Gesellschaft hat jede Frau die Möglichkeit, sich zu wehren. Dort, wo es schwierig ist, zieht das Strafgesetzbuch.

Die Welt: Aber die Debatte zeigt doch, dass wie virulent das Thema für viele ist.

Steinbach: Es ist gar nicht virulent.

Die Welt: Bei Twitter gab es bis zum Wochenende über 60.000 Tweets zum Thema.

Steinbach: Wir haben in Deutschland 40 Millionen weibliche Wesen. Das ist ein geringer Promillesatz, der sich da äußert.

Die Welt: Haben Sie sexuelle Belästigung erlebt?

Steinbach: Ich habe mit Sicherheit Komplimente erlebt, die die "Stern"-Redakteurin bereits als Belästigung werten würde.

Die Welt: Ich spreche nicht von Komplimenten, sondern von sexueller Belästigung.

Steinbach: Ich versuche erst einmal, meinem Gegenüber nichts Böses zu unterstellen, und kann auf eine geeignete Art und Weise damit umgehen. Und es hält mich trotzdem jeder für eine Dame.

Die Welt: Was haben Sie in solchen Situationen gemacht?

Steinbach: Ich habe mir immer die passende Methode ausgesucht. Ein freundliches Wort oder auch mal Wegdrehen und den Gesprächspartner wechseln. Es gibt viele Varianten. Aber ich bin auch eine emanzipierte Frau, die Freude daran hat, mit Männern zu flirten.

Quelle: Reuters
28.01.13 1:55 min.
Der Druck wächst, doch Rainer Brüderle schweigt weiter zu den Sexismus-Vorwürfen gegen ihn. Auch künftig will sich der Spitzenkandidat der Liberalen nicht zum "Stern"-Artikel äußern.
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