28.01.13

Filmpremiere

Joschka Fischer spricht im Kino über Bin-Laden-Mord

In Berlin feierte "Zero Dark Thirty" Vorpremiere. Ex-Außenminister Joschka Fischer sprach über den Film und Deutschlands Rolle.

Von Alan Posener
Foto: dapd

Filmszene Der Film „Zero Dark Thirty“ handelt von der Verfolgung Bin Ladens bis hin zu seiner Überwältigung. In den USA ist der Film umstritten
Filmszene Der Film "Zero Dark Thirty" handelt von der Verfolgung Bin Ladens bis hin zu seiner Überwältigung. In den USA ist der Film umstritten

Es gibt viele verstörende Szenen in Kathryn Bigelows Film über die Jagd auf Osama Bin Laden. Doch die verstörendste ist die Nahaufnahme vom Gesicht eines furchtbar gefolterten Terroristen. Als ihm seine CIA-Verhörer Essen und Trinken anbieten, läuft ihm eine Träne übers Gesicht. Er ist gebrochen. Es wird eine Weile dauern, aber er wird erzählen, was er weiß.

In den USA umstritten

"Zero Dark Thirty" läuft diese Woche in Deutschland an. In den USA wird der Film heftig diskutiert. Manche Kritiker werfen ihm vor, ein "Folter-Porno" zu sein, bei dem der Zuschauer bei Popcorn zusehen kann, wie Menschen ihrer Menschenwürde beraubt werden. Der Film legitimiere nachträglich die von US-Präsident Barack Obama unterbundene Praxis, an offiziell nicht existenten "schwarzen Orten" – etwa in Polen – mit Prügel, Waterboarding, Schlafentzug und sexueller Erniedrigung Informationen über das Al-Qaida-Netzwerk zu entlocken.

Andere wiederum meinen, die Regisseurin verweile zu lange bei den Brutalitäten der Verhöre, während das Leid der Terroropfer kaum ins Bild rücke – buchstäblich nicht ins Bild: Die Angriffe des 11.September 2001 werden nicht gezeigt. Man hört nur das Gewirr von Stimmen. Abschiede auf Anrufbeantwortern. Verzweifelte Anrufe bei der Notrufzentrale. Und dann das plötzliche Schweigen.

Entscheidende Fragen blieben ungestellt

Zur Vorpremiere hatte die American Academy in Berlin am Sonntagmorgen ins Kino Cinestar am Potsdamer Platz geladen. Anschließend nahmen Joschka Fischer und Ernst Uhrlau zum Film Stellung. Fischer war ja Außenminister der Regierung Gerhard Schröder, die nach "9/11" den USA "bedingungslose Solidarität" zusicherte und dem Verbündeten nach Afghanistan folgte. Uhrlau leitete den Bundesnachrichtendienst (BND), der eng mit der CIA zusammenarbeitete und dessen Agent "Curveball" entscheidend dazu beitrug, im Vorfeld der Invasion des Irak die befreundeten Dienste von der Existenz irakischer Massenvernichtungswaffen zu überzeugen.

Leider wurden Fischer und Uhrlau von dem moderierenden Korrespondenten der "New York Times" Fragen zu diesem Themenkomplex erspart. Und so konnten sie den Film kommentieren, als ginge er sie nicht wirklich an. Er sei vor zehn Tagen in Washington gewesen, so Fischer, der inzwischen eine "Consulting-Firma" betreibt, das heißt: seine politischen Kontakte geschäftlich nutzbar macht. Im "Beltway" – also in Washingtoner Insider-Kreisen – sei man sich einig, dass die Folter "kein entscheidender Faktor" beim Aufspüren Bin Ladens gewesen sei.

Die Amerikaner hätten, so Uhrlau, "nicht Informationen gesammelt, um künftige Anschläge zu verhindern", was man ja auch an den erfolgreichen Terrorangriffen auf London und Madrid, Bali und Islamabad gesehen habe. Bis heute habe man – siehe Mali und Algerien – al-Qaida nicht im Griff, was die deutschen Dienste "nicht überrasche". Wichtig sei eine Konzentration auf traditionelle Formen nachrichtendienstlicher Arbeit und die Ausnutzung der technologischen Überlegenheit des Westens, besonders der "mächtigen NSA", der amerikanischen Sicherheitsbehörde.

Mitverantwortung abgewiesen

Deutschland jedenfalls, so beide Herren, sei "nicht Teil des Programms" der CIA zur Zerschlagung al-Qaidas und zum Aufspüren Bin Ladens gewesen. Es wäre "unmöglich" gewesen, Deutschland zu beteiligen, so Uhrlau. Aber der Film deute ja an, wer den USA aktiv bei Verhören geholfen habe: Israel nämlich. Es habe in Deutschland keine "schwarzen Orte" zum Foltern von Terrorverdächtigen gegeben. Er habe sich gewundert, dass Polen mitgemacht habe: "Ich jedenfalls wurde nicht darum gebeten."

Schon möglich. Dass die CIA Flüge mit Verhörkandidaten – sogenannte renditions – über den Stützpunkt Rammstein abwickelte, war jedoch kein Geheimnis. Ebenso wenig, dass BND-Leute mit Gefolterten – etwa in libanesischen Gefängnissen, aber auch in Guantánamo – sprachen und der US-Luftwaffe bei der Vorbereitung der ersten Raketenangriffe auf Bagdad halfen.

Deutsche Beteiligung ungeklärt

Ob, wie manche Verhörte behaupten, Deutsche auch bei Folterungen in Afghanistan zugegen waren, wird sich vielleicht nicht klären lassen; dass aber der BND gern auf die Erkenntnisse befreundeter Dienste – darunter die CIA und der israelische Mossad, aber auch weniger skrupulöse Leute aus Saudi-Arabien, Syrien, Libyen und anderswo – zurückgriff, weiß man. Man liebt die Sünder nicht, die Sünde schon. Man macht sich ungern die Finger schmutzig, ist aber ganz froh, dass irgendjemand dazu bereit ist.

Wenn die sanfte Befragung der beiden Nichtwisser auch im Hinblick auf die deutsche Mitverantwortung am Folterprogramm nichts gebracht hat, so war sie nicht völlig umsonst. Er habe sich gewundert, sagte Fischer, dass es so lange gedauert hat, bis die USA Osama Bin Laden gefunden hatten. Das sei eben nicht nur eine Frage der guten oder schlechten nachrichtendienstlichen Arbeit gewesen, von der "Zero Dark Thirty" erzählt.

Hier gebe es eine "noch nicht erzählte diplomatische Geschichte" – die Geschichte der Beziehungen zwischen den USA und ihren wichtigsten Verbündeten in der Region, Pakistan und Saudi-Arabien: Beide hätten auch "ihre eigenen Ziele" verfolgt. Man müsse sich fragen, "ob das Aufspüren Bin Ladens wirklich die oberste Priorität der Bush-Regierung nach Abschluss der Eroberung Afghanistans war". Fischer weiß vermutlich die Antworten. In seinen Memoiren sind sie nicht zu finden. Schade.

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