26.01.13

Raymond Aron

Deutschland, der Feind, war sein Schicksal

Der Franzose Raymond Aron sah voraus, dass Hitler Deutschland in die Katastrophe führen würde. Trotzdem hielt er bis zu seinem Tod an seiner Vorliebe für deutsche Philosophie fest.

Von Wolf Lepenies
Foto: PA / dpa

Raymond Aron war ein Vordenker des vereinten Europa aus der deutschen Philosophietradition – das Foto zeigt ihn im Jahr 1962
Raymond Aron war ein Vordenker des vereinten Europa aus der deutschen Philosophietradition – das Foto zeigt ihn im Jahr 1962

Kein französischer Intellektueller hat die Politik seines Landes stärker beeinflusst als Raymond Aron (1905–1983). Keiner fühlte sich deutschen Denktraditionen so eng verbunden. "Deutschland war Ihr Schicksal", sagte Ralf Dahrendorf in seiner Laudatio zu Aron, als diesem 1979 der Frankfurter Goethe-Preis verliehen wurde. An Raymond Aron zu erinnern liegt im Jubiläumsjahr des deutsch-französischen Freundschaftsvertrags nahe.

Weder die Provokationen eines Jean-Paul Sartre, noch die moralischen Lektionen eines Albert Camus übten einen so nachhaltigen Einfluss auf die Amtsinhaber im Elysée-Palast und im Hôtel Matignon aus wie die nüchternen Analysen Arons.

Aron war Soziologe und Philosoph – er schrieb Standardwerke über die moderne Industriegesellschaft, Krieg und Frieden, die Rolle der modernen Intellektuellen und das Verhältnis Europas zu den USA. Aron war zugleich Publizist, gründete zusammen mit Sartre die Zeitschrift "Temps Modernes" und nahm als Kolumnist erst im "Combat", wo auch Camus schrieb, dann im "Figaro" und schließlich im "Express" engagiert zu Fragen der Tagespolitik Stellung.

Raymond Aron beendete die Abschlussprüfung an der Ecole Normale Supérieure als bester seines Jahrgangs – mit großem Abstand vor dem Zweitplatzierten, wie er nicht ohne Stolz anmerkte. Ein Mitschüler, den Aron nur "mon petit camarade" nannte, fiel bei der Prüfung durch – Jean-Paul Sartre. Kurz danach, im Jahre 1930, begann für Aron die "Entdeckung Deutschlands": Er wurde Lektor und Assistent des großen Romanisten Leo Spitzer an der Kölner Universität.

In Frankreich war Aron von Mitschülern gelegentlich als "sale juif" beschimpft worden – in Köln, so erinnert er sich, hörte er nie eine antisemitische Bemerkung. Als der junge Aron in einem Zeitschriftenartikel die national-sozialistische Bewegung kritisierte, tadelte ihn Spitzer, der selber Jude war: Aron habe nicht erkannt, dass die Nationalsozialisten Deutschland in eine "neue Zivilisation" führen würden.

Aaron sah die Katastrophe voraus

Von 1931 bis 1933 war Aron Stipendiat am Französischen Akademiker-Haus in Berlin, las Kant, Husserl und Heidegger, begeisterte sich im Theater für die "Dreigroschenoper" und im Kino für Carl Froelichs "Mädchen in Uniform", gab Max Reinhardt Sprachunterricht, spielte selber Theater und erlebte im Sportpalast Hitler und Goebbels.

Mit seinem Freund Golo Mann wurde Aron Zeuge der Bücherverbrennung vor der Staatsoper. Das Ende von Weimar hatte ihn nicht überrascht: Eine Republik ohne Republikaner konnte nicht überleben. Die meisten deutschen Intellektuellen verabscheuten den Kapitalismus zu sehr und fürchteten die Nazis zu wenig, um sich mit der jungen Demokratie zu identifizieren.

Im Unterschied zu vielen französischen Beobachtern hielt Aron Hitler nicht für einen Dummkopf, der sich nicht lange an der Macht halten könne – er sah voraus, dass Hitler Deutschland und damit Europa in die Katastrophe führen würde. Dennoch konnte auch der immer rabiater werdende Antisemitismus seine Germanophilie nicht schwächen.

Voll Nostalgie erinnerte sich der alte Aron, wie ihn in seiner Jugend die deutsche Kultur verführt und für immer geprägt hatte. Nur noch die Literatur verband ihn mit dem französischen Geistesleben: "Kant oder Proust, die transzendentale Deduktion oder der Salon von Mme Verdurin, der kategorische Imperativ oder Charlus, der intelligible Charakter oder Albertine."

Emile Durkheim, der Klassiker der französischen Soziologie, blieb Aron zeitlebens fremd. Mit Max Weber dagegen verband ihn eine Art Wahlverwandtschaft. Der deutsche Soziologe half ihm, die tiefen Umwälzungen der Gegenwart zu verstehen: "Als ich Max Weber las, hörte ich das Rumoren und die Erschütterung unserer Zivilisation, die Stimme der jüdischen Propheten und – als ihr lächerliches Echo – das Schreien des Führers." Der Deutschlandaufenthalt und die Lektüre deutscher Autoren hatten Aron zu seiner Bestimmung verholfen: Als Sozialwissenschaftler die moderne Zivilisation zu verstehen – und als Publizist die Politik der Gegenwart zu kommentieren und zu beeinflussen.

Er half deutschen Emigranten

1938 verteidigte Raymond Aron an der Sorbonne seine "thèse" über Strömungen der deutschen Geschichtsphilosophie. Die Prüfer waren beeindruckt von der intimen Kenntnis und der hartnäckigen Sympathie, mit welcher der Kandidat sich deutschen Denktraditionen verschrieben hatte. Und sie waren irritiert, weil Aron in Stil und Argumentation bewusst von französischen Vorbildern abwich. Er schrieb in einer gedrängten, schwer verständlichen Sprache und benutzte Wendungen, die einem deutschen, nicht aber einem französischen Leser vertraut sein konnten.

Ein Prüfer rief entsetzt: "Das deutsche Denken hat ja vollständig auf das Ihre abgefärbt." Dennoch bestand Aron, an dessen überragender Kompetenz es keinen Zweifel gab, mit Auszeichnung. Die Prüfungskommission gab aber ihre Hoffnung zu Protokoll, dass die junge französische Intelligenz Arons Neigung zu deutschen Denktraditionen nicht folgen werde.

Vor Ausbruch des Krieges half Aron deutschen Emigranten; er arbeitete in der französischen Dependance der "Zeitschrift für Sozialforschung" mit – war aber von Adorno und Horkheimer weniger beeindruckt als von ihrem Gegenspieler Karl Mannheim. 1940 floh Aron nach London, schloss sich General de Gaulle an und wurde Schriftleiter der Zeitschrift "France Libre".

Nach Kriegsende begann Arons steile publizistische Karriere. Sehr früh engagierte er sich für die Bestrebungen, ein vereintes Europa zu schaffen. Er stand der Politik Charles de Gaulles nahe, vergaß aber nie, daran zu erinnern, dass Jean Monnet und Robert Schuman die Grundlagen der deutsch-französischen Aussöhnung gelegt hatten, die später de Gaulle und Konrad Adenauer im Elysée-Vertrag festschreiben sollten. Zugleich gehörte Aron zu den "Atlantikern", die unter den französischen Intellektuellen bis heute selten sind. Im Umkreis de Gaulles war Raymond Aron vermutlich der einzige, der mit Verständnis und Sympathie zur Kenntnis nahm, dass der Bundestag dem Elysée-Vertrag eine Präambel voranstellte, die Deutschlands atlantische Verankerung betonte.

Aron hielt an seinen deutschen Vorlieben fest. Als er 1970 ans Collège de France berufen wurde und damit im Wissenschaftssystem seines Landes zum "premier sociologue de France" avancierte, begründete er in seiner Antrittsvorlesung, warum er stets Max Weber vor Durkheim den Vorrang gegeben habe. 1974 wurde er Mitglied des Ordens Pour le Mérite. Der deutschen Sprache fühlte er sich besonders verbunden. Als 1965 in Tübingen der 100. Geburtstag von Max Weber gefeiert wurde, bemühten sich auch die ausländischen Festredner, Deutsch zu sprechen. Stolz erinnerte sich Aron daran, dass sein Deutsch gelobt wurde, während der amerikanische Soziologe Talcott Parsons anderthalb Stunden lang einen Vortrag auf Deutsch gehalten hatte, ohne dass die Zuhörer ein einziges Wort davon verstanden.

Große Verbundenheit mit Deutschland

1983, in seinem Todesjahr, erschienen die Memoiren Raymond Arons. Am bewegendsten kommt die Verbundenheit Arons mit Deutschland und der deutschen Sprache darin in einem kurzen Kapitel zum Ausdruck, das "L'Embolie" überschrieben ist.

Als ein plötzlicher Gefäßverschluss ihn die Sprache verlieren ließ, wurde Raymond Aron 1977 in die Intensivstation eines Pariser Krankenhauses eingeliefert. Mit Mühe kritzelte er drei Worte auf einen Fetzen Papier: "Mourir pas peur". Am anderen Morgen versicherte der Stationsarzt Aron, er befände sich auf dem Wege der Besserung und werde die Sprache wiedergewinnen. Im Halbschlaf habe er bereits ein paar Worte gemurmelt. Es waren deutsche Worte.

Am 17. Oktober 1983 sagte Aron als Zeuge in einem Prozess im Pariser Palais de Justice aus. Angeklagt wegen Diffamierung war der israelische Historiker Zeev Sternhell, der den französischen Politologen Bertrand de Jouvenel als intellektuellen Nazi-Kollaborateur bezeichnet hatte. Die Aussage Arons, der de Jouvenel leidenschaftlich verteidigte, war für die Verurteilung Sternhells mitentscheidend.

Die Verhandlung hatte Aron so sehr erregt, dass er beim Verlassen des Justizpalastes auf der Freitreppe zusammenbrach und starb. Noch in seinen letzten Stunden hatten ihn deutsch-französische Probleme bewegt.

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