26.01.13

"Krekeler killt"

Der Spion, der aus dem Physiklabor kam

Max Bronski hat einen zwischen Parodie und Ernst changierenden Wissenschaftsthriller geschrieben. "Ich bin der Tod" erzählt von Agenten, Physikern, dem Kalten Krieg und dem Mord an einem Doppelspion.

Von Elmar Krekeler
Foto: dpa, Getty Images, Infografik Die Welt

Das Schloss Maxlrain bei Tuntenhausen. Da könnte der neue Krimi von Max Bronski seinen Ausgang genommen haben. Max Bronski (Jg. 1964), gibt es nicht, deswegen der schön frisierte Hinterkopf – der Name ist ein Pseudonym. Was wir wissen, ist, dass er Münchner ist, Theologie mal zu studieren begonnen hat und sich in Musik und Physik auskennt. Und schreiben kann er. Großartig
Das Schloss Maxlrain bei Tuntenhausen. Da könnte der neue Krimi von Max Bronski seinen Ausgang genommen haben. Max Bronski (Jg. 1964), gibt es nicht, deswegen der schön frisierte Hinterkopf – der Name ist ein Pseudonym. Was wir wissen, ist, dass er Münchner ist, Theologie mal zu studieren begonnen hat und sich in Musik und Physik auskennt. Und schreiben kann er. Großartig

Vor nicht allzu langer Zeit berichteten wir an dieser Stelle von einem Mathematiker, der genauso teuflisch war, wie wir es von unserm eigenen Mathelehrer immer gedacht hatten. Eigentlich ein netter Kerl, hilfreich, verliebt, edel, aber mörderisch. Dabei ist uns aufgefallen, dass es doch eigentlich einigermaßen rätselhaft ist, warum so verschwindend wenig Mathematiker in murder mysteries ihr Unwesen treiben.

Gleicht doch ein gelungener Mord einer schönen mathematischen Formel. Und nichts – noch nicht mal die Tatsache, dass man den Täter noch vor der Auflösung gefunden hat – macht beim Lesen soviel Spaß wie der Moment, in dem man die Formel des betreffenden Krimis gefunden hat. Die Weltformel gewissermaßen, aus der alles hervorgeht.

Muss an der mangelnden mathematischen Ausbildung der Kriminalliteraten liegen. Die wiederum kann man Max Bronski beispielsweise nicht vorwerfen. In der Quantenphysik zum Beispiel kennt er sich ziemlich gut aus. In dem ganzen Kosmos aus Quarks und Down-Quarks und Snarks und Relativität und Gravität. Bronskis Problem ist ein anderes. Ihn gibt es gar nicht. Aber dazu später.

Max Bronski verlässt sein altes Viertel

Zunächst einmal zur Weltformel von "Der Tod bin ich", seines fünften Krimis, des ersten, bei dem er sein angestammtes Viertel, die weder wohlriechende noch wohlbeleumundete Gegend um den Münchner Schlachthof, verlässt und ohne den doch ziemlich handfesten Trödelhändler Wilhelm Gossec, seinen Serienermittler, auskommt.

Die geht ungefähr so: "Es genügt nicht, die Naturkräfte in sich zu verstehen, es kommt darauf an nachzuvollziehen, auf welche Weise sie aus der Brechung jener großen Symmetrie hervorgegangen sind."

Der, von dem diese Formel stammt, harkt eines schönen oberbayrischen Sommertags Linien in den Sand seines höchstharmonisch berechneten Gartens vor seiner Hütte im Wald unweit des (fiktiven) Schlosses Ottenrain. Die Vögel zwitschern, es ist Gesumm in den Bäumen. Da steht ein Mann hinter ihm.

Ein feiner Herr im sandfarbenen Anzug, die Bruyere-Pfeife, die er eben am See noch geraucht hat, und – weil er mit dem Radl da ist – die Fahrradklammern in den Taschen. "Berthold" spricht er ihn an, obwohl er doch Richard heißt, Richard Eulmann.

Ein Mörder mit Stil geht um

Der Gärtner blickt auf, ein paar Sekunden später ist er tot. Hingerichtet. Wie nicht lang später eine Bäuerin im Österreichischen. "Ich bin der Tod, Zerstörer der Welten" flüstert der Mörder seinem Opfer noch ins Ohr, jenen Satz aus der Bhagavad gita, der dem Physiker J. Robert Oppenheimer angesichts der ersten gezündeten Atombombe von Los Alamos am 16. Juli 1945 durch den Kopf schoss.

Richard Eulmann, jedenfalls den Richard Eulmann, der als Großhausmeister der Rothenbergschen Güter im Schloss Ottenrain tätig war, hat es aber nie gegeben. Berthold Oftenhain allerdings schon. Der war Physiker, einer der begabtesten seiner Generation. Leider war er heillos in die Fallstricke jener großen und allmählichen Symmetrie verstrickt, ihren Naturkräften ausgesetzt, die man Kalter Krieg nannte.

Und deswegen taucht Bronskis ziemlich schicker historischer Wissenschaftsthriller schnell ab aus der Gegenwart des Jahres 2006, wo sich Eulmann/Oftenhains Erbe und Großhausmeisternachfolger Tino Senoner anschickt, der Fährte des Mörders zu folgen statt nur grasrauchend in der Hängematte zu liegen oder sterneguckend Mädchen beizuschlafen.

In den Fünfzigern taucht er wieder auf. Und in der Geschichte des ostdeutschen Physikers Berthold Oftenhain. Gerade haben die Russen den Sputnik ins All geschossen. Es war, so will es jedenfalls Bronski nicht ganz zu Unrecht, der Urknall des Kalten Krieges. Der sich vor allem um die Eroberung des Weltalls und damit der Welt drehte und um – euphemistisch gesprochen – Wissenschaftstransfer. Mittels Spionage.

Alles ist schön symmetrisch in zwei Lager geteilt, in Gott und Teufel, Ost und West. Leider ähneln sie einander – in Ziel und Methode – sehr, jedenfalls aus Sicht Berthold Oftenhains. Den haben nämlich die Amerikaner vor seiner Republikflucht Mitte der Fünfziger angeheuert, sie mit Informationen aus dem inneren Zirkel der Atomphysik zu versorgen. Die Russen wiederum wollen das auch und erpressen ihn mit seinem Vater, einem widerständischen Pfarrer, der in Bautzen einsitzt.

Wie man Physik in Komposition übersetzt

Berthold, gesegnet mit der Gabe des absoluten Gehörs und hoher Musikalität, verliebt sich. Berthold wird Zeuge eines Mordes, spioniert ein bisschen, bleibt ziemlich sauber, verwandelt Formeln in eine ganz besondere Chiffriersprache, in die Sprache des Himmels, in Musik. Es geht um Ethik und Missbrauch von Wissenschaft, um ein geradezu aberwitziges Gerangel um Wissen, von dem jene, die es stehlen wollen, nicht den Hauch einer Ahnung haben.

Und es geht um einen deutlich nach Le Carréschen Gesetzen konstruierten Kader von Agenten, die ein höchst männliches Spiel spielen, das sich irgendwann komplett verselbständigt. Ein bisschen offensichtlich tun sie ihre Arbeit, tragen gern Ledermäntel und tief ins Gesicht gezogene Hüte. Das ist lustig.

Für Mantel und Hut werden sie, vierzig Jahre nach dem vermeintlichen Tod Berthold Oftenhains, von Bronski damit bestraft, dass sie – inzwischen hoch in den Siebzigern, viagraabhängig, aber noch immer die Glock, den Colt in Griffweite – noch einmal auf die Jagd müssen. Den Mörder an Richard Eulmann zu stellen, bevor die alte Geschichte zum Schaden aller komplett auffliegt.

Das Tempo ist gemäßigt. Der Ton ist schön, die Zahl der Themen hoch. Max Bronski, den es auch nicht gibt, dessen Pseudonym seit Jahren ungelüftet ist, versteht sich hervorragend auf den Transfer von Wissen in Spannung zu übersetzen. Und die Atmosphären um seine Helden extrem schön zu verdichten. Die Natur lebt, die Figuren auch. Ein großer, sehr ernster Spaß, der elegant auf der Grenze zwischen Seriosität und Parodie tänzelt.

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Unglück in Moskau Total-Chef stirbt bei Kollision mit Schneepflug
Afghanistan Terroranschlag in Kabul auf Armeebus
Ukraine Panik bei Pressekonferenz in Donezk nach Explosion
DJ Hardwell Holländer zum zweiten Mal bester DJ der Welt
Top Bildershows mehr
Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Großbritannien

Ein Hauch von Bauch – Auftritt von schwangerer…

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote