26.01.13

Individuelle Medizin

Die Waffen im Kampf gegen Krebs werden schärfer

Was noch wie Zukunftsmusik klingt, könnte bald Wirklichkeit werden: Krebsforscher untersuchen das Erbgut von Krebspatienten auf Veränderungen, um maßgeschneiderte Medikamenten zu entwickeln.

Quelle: DWTV
30.07.12 3:46 min.
Diese Frage erörtern wir mit unserem Gast Prof. Burkhardt Wittig vom Institut für Molekularbiologie und Bio-Informatik, FU Berlin.

Herkömmliche Krebstherapien können nur jede vierte Erkrankung wirksam behandeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg glauben jetzt, einen Weg gefunden zu haben, um die Heilungschancen deutlich zu verbessern: Behandlungsmethoden, die individuell auf den Patienten zugeschnitten sind.

Die Forscher sind überzeugt, die genauen Ursachen für Krebs unter anderem im Erbgut der bösartigen Zellen finden zu können. Sind die Ursachen erst einmal bekannt, könnten Medikamente entwickelt werden, die genau an die Bedürfnisse des jeweiligen Patienten angepasst sind.

Für personalisierte Therapien eignet sich die Krebsbehandlung nach Ansicht der Wissenschaftler besonders gut, weil gerade diese Krankheit individuell sehr unterschiedliche Verläufe hat.

Größtes Genom-Sequenzierzentrum Deutschlands

"Es sollen alle 30.000 Gene eines Menschen analysiert werden, um eine wirklich umfassende Übersicht der Veränderungen zu bekommen", sagt der DKFZ-Vorstandsvorsitzende Otmar Wiestler. Heidelberg habe das größte Genom-Sequenzierzentrum in Deutschland.

"Wir wollen künftig unseren Patienten eine komplette Erbgutanalyse anbieten." Die molekulare Untersuchung des Krebsgewebes betroffener Patienten werde in zehn bis zwanzig Jahren üblich sein, prognostiziert Wiestler.

Nicht nur bei der Behandlung, sondern auch bei der Prävention und Früherkennung könnten die Ergebnisse eine Rolle spielen. Die Vorbeugung bezeichnet Wiestler als enorme Herausforderung. Heute werde jeder zweite Krebspatient erst auf seine Erkrankung aufmerksam, wenn sie schon weit fortgeschritten und damit schlechter behandelbar sei. Es müsse systematischer untersucht werden, wer ein erhöhtes Risiko trägt.

Bei der Analyse erhält man allerdings auch weitere Informationen, etwa über die Risiken für andere Krankheiten, wie der Heidelberger Molekulargenetiker Peter Lichter erläutert. Wie bei der klassischen humangenetischen Beratung spielen hier rechtliche und ethische Fragen eine Rolle. Welche Informationen gibt man an die Patienten weiter? Hier ist laut Lichter ein gesellschaftlicher Diskurs nötig, tragfähige Leitlinien müssten entwickelt werden.

Patienten hätten auch ein Recht auf Nichtwissen

"Die Herausforderung beginnt mit dem Einverständnis des Menschen, der über den Umfang der genetischen Analysen aufgeklärt werden muss." Dieser müsse danach entscheiden, ob und welche Informationen er haben will. Patienten hätten auch ein Recht auf Nichtwissen, so der Molekulargenetiker. Die Genomanalyse betreffe aber nicht nur den Patienten selbst, sondern auch Familienangehörige – etwa bei Erbkrankheiten.

Bereits heute können die Patienten in Heidelberg jederzeit der Nutzung und der Speicherung ihrer Daten widersprechen, diese würden dann vernichtet. Eine weitere Herausforderung sei auch der Status nicht-medizinischer Wissenschaftler, die sich bisher nicht auf die ärztliche Schweigepflicht berufen können. Auch Versicherungsträger könnten künftig Interesse an den gewonnenen Daten anmelden, befürchtet Lichter.

Der Wiesbadener Mediziner und Wirtschaftswissenschaftler Michael Schlander fordert einen Diskurs darüber, ob es Grenzen der "sozialen Zahlungsbereitschaft" gibt. Denn: Onkologische Mittel seien das am stärksten wachsende Segment bei den Medikamenten.

Neu entwickelte, spezialisierte Medikamente, die nur bei wenigen Menschen angewendet werden können, seien aber sehr teuer. Die Gesellschaft müsse daher klären, welche Kosten sie in der Krebstherapie zu tragen bereit sei.

Quelle: epd/oc
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