24.01.13

Verborgene Rohstoffe

Deutschland ist noch "unterexploriert"

Kupfer, Gold und Seltene Erden. Deutschland hat mehr Bodenschätze, als wir glauben. Allerdings ist es nicht leicht, sie zu heben, schreibt Christoph Seidler in seinem spannenden Buch über Rohstoffe.

Foto: picture alliance / dpa

Ja, so könnte tatsächlich die Zukunft aussehen; nicht was die Tretboote angeht, die dienen nur dem Spaß. In Zukunft könnte die Erdgasgewinnung durch das „Frakking“ wie hier auf dem Bodensee Wirklichkeit werden. Bislang lehnt die Stuttgarter Landesregierung solche Ideen allerdings ab
Ja, so könnte tatsächlich die Zukunft aussehen; nicht was die Tretboote angeht, die dienen nur dem Spaß. In Zukunft könnte die Erdgasgewinnung durch das "Frakking" wie hier auf dem Bodensee Wirklichkeit werden. Bislang lehnt die Stuttgarter Landesregierung solche Ideen allerdings ab

Nachdem es in der Wirtschaft lange nur noch um Dienstleistungen, Dotcom-Unternehmen und windige Finanzgeschäfte zu gehen schien, wird man jetzt auf den Boden einer bodenständigen Wertschöpfung zurückversetzt. Von Reindustrialisierung ist die Rede; die Vereinigten Staate sehen sich wieder auf dem Weg zum Erdöl- und Erdgas-Exporteur, und selbst Leute, die auf ihre naturwissenschaftliche Ignoranz sonst nichts kommen lassen, bekommen beim Ausdruck "Seltene Erden" leuchtende Augen.

Jahrzehnte nachdem der "Club of Rome" 1972 "Die Grenzen des Wachstums" beschworen hat, führt die Jagd nach immer knapper werdenden Rohstoffen zu dem scheinbaren Paradoxon, dass nunmehr an allen Ecken der Welt und selbst in den über Jahrhunderte ausgebeuteten Bergbauregionen Deutschlands "verborgene Rohstoffe" vermutet, entdeckt und gefördert werden.

Rohstoff AG Deutschland

Verborgen aber waren diese lange Zeit vor allem unter gewaltigen Förder- und Förderfolgekosten. Bei steigenden Preisen und verbesserten Abbautechniken kann es sich heute deshalb lohnen, selbst alten Abraum auszubeuten – oder Kiesgruben nebenbei in Goldgruben zu verwandeln, die einen schönen Zusatznutzen abwerfen. Zudem lassen die Fortschritte in der geologischen Grundlagenforschung auch Regionen interessant werden, die man bislang links liegen gelassen hatte: "Wir sind unterexploriert", zitiert Christoph Seidler einen Experten: "es gibt Potenzial für Entdeckungen unter jüngeren Gesteinen".

Der 1979 geborene Seidler hat als Wissenschaftsredakteur des "Spiegels" vor Ort recherchiert, ist in alte und neue Bergwerke eingefahren, hat mit den Geschäftsführern der 2006 gegründeten Deutschen Rohstoff AG ebenso gesprochen wie mit dem sächsischen Oberberghauptmann Reinhard Schmidt, dessen Titel auf eine weit ins Mittelalter zurückreichende Tradition verweist.

Schatzgräberinstinkte

Der Journalist Seidler beherrscht die Technik der "Spiegel"-Story glänzend, und seine Mischung aus Hintergrundinformation, Reportage und Interview folgt dem Trend zum narrativen Sachbuch. Auch wer von Geologie, Bergbau, Bergbaurecht und Rohstoffhandel keine Ahnung hat, erhält hier eine klare und deutliche Vorstellung, welche Perspektiven Deutschland als Förderer von Seltenen Erden, Kupfer und Zinn, Öl und Gas, Gold, Mangan und noch etlichen anderen Elementen und Mineralien hat.

Allzu ausgeprägte Schatzgräberinstinkte weiß Christoph Seidler aber auch zu bremsen, wenn er etwa die Probleme der Erdgasförderung durch "Frakking" beschreibt. Das ist die Einleitung wässriger Lösungen unter hohem Druck zum Aufbrechen schwer erschließbarer Vorkommen. Die Vereinigten Staaten und auch Polen setzen darauf höchste Erwartungen, obwohl die Auswirkungen auf Grundwasser und Bodenstabilität umstritten und die Folgen nicht genau vorherzusehen sind.

Die tägliche Verschwendung

Anders als die Vereinigten Staaten ist Deutschland, das führen einem Seidlers Reportagen plastisch vor Augen, eben kein Flächenland, sondern so dicht besiedelt, dass Wohn- und Bergbauregionen über Jahrhunderte dichter zusammengerückt sind, als es Ersteren gutgetan hat. Grenzen des Wachstums sind hier schon topografisch gezogen.

Grundsätzlich gilt: "Die Versorgung der Welt mit Rohstoffen wird immer komplizierter." Neben der Ausbeutung alter Fördergebiete und der Exploration neuer, für die die devisenarme DDR viele Vorarbeiten geleistet hat, solle man deshalb auch auf ein Rohstoff-Einsparpotenzial setzen, das der Chef des Bundesumweltamtes mit rund 20 Prozent veranschlage.

Rasender Rohstoffreporter

Vor allem sei die Wiederverwertung noch ausbaufähig: Von den rund drei Millionen in Deutschland alljährlich abgemeldeten Autos würden nur 420.000 hierzulande recycelt. Viele würden exportiert und mit ihnen die darin enthaltenen Rohstoffe. So gebe es hier Potenziale, die auch ohne neue Bergwerke erschließbar wären. Aber das ist auch eine Frage des Preises, über die sich auf Basis von Seidlers Buch sachlich diskutieren lässt.

Also: Christoph Seidler hat ein lesenswertes, höchst informatives Buch geschrieben, dem man freilich ein Fachlektorat gewünscht hätte. So ist es etwa nicht die spezielle Unart der Braunkohle, dass sie "bei der Verbrennung besonders viel klimaschädliches" Kohlendioxid freisetzt. Da ist die kohlenstoffreichere Steinkohle noch schlimmer. Die spezifischen Probleme der Braunkohle bestehen in der Kombination von niedrigem Brennwert und hohem Schwefelgehalt, der ihre Verfeuerung so atemberaubend macht.

Christoph Seidler, dem rasenden Reporter auf seiner Suche nach verborgenen Rohstoffen, sieht man solche Unschärfen und manche Flüchtigkeit eher nach als einem angesehenen Sachbuchverlag. Selbst bester Rohstoff ist am Ende nur so gut wie seine Verarbeitung.

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