23.01.13

Sozialer Aufstieg

In Deutschland bleibt Chancengleichheit ein Traum

Deutschland steht beim Thema Aufstiegschancen am unteren Ende der Skala. Hierzulande wird die Zukunft noch immer maßgeblich von Herkunft und Elternhaus geprägt. Viel besser macht das Skandinavien.

Foto: dapd

Kinder essen in einer Kinder-Tafel. Fast zweieinhalb Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland gelten als arm. Viele von ihnen werden den sozialen Aufstieg nicht schaffen
Kinder essen in einer Kinder-Tafel. Fast zweieinhalb Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland gelten als arm. Viele von ihnen werden den sozialen Aufstieg nicht schaffen

Die Zukunftschancen der Deutschen werden einer Studie zufolge maßgeblich vom Elternhaus bestimmt – Chancengleichheit besteht hierzulande kaum.

Vielmehr sind in Deutschland die persönliche Einkommenssituation und der Bildungserfolg in hohem Maße vorgegeben, wie eine am Mittwoch in Berlin vorgestellte Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) ergab.

"Der Traum, vom Tellerwäscher zum Millionär zu werden, ist nicht nur in den USA eine Legende, sondern auch in Deutschland", unterstrich der Autor der Studie, Daniel Schnitzlein.

Bei seiner Untersuchung stützte sich das DIW auf Daten des Sozioökonomischen Panels – einer Langzeitstudie, für die das Umfrageinstitut TNS Infratest Sozialforschung jedes Jahr mehr als 20.000 Menschen in rund 11.000 Haushalten befragt.

Für die aktuelle Studie wurden Geschwister, die unter ähnlichen Bedingungen groß geworden sind, mit anderen gleichaltrigen Menschen verglichen. Die Auswertung der Daten ergab, dass etwa 40 Prozent der Ungleichheit beim individuellen Arbeitseinkommen sich durch den Familienhintergrund erklären lassen, beim Bildungserfolg sind es sogar über 50 Prozent.

Schlechte Wertung im internationalen Vergleich

"Das bedeutet, dass in Deutschland kaum Chancengleichheit besteht", erklärte Schnitzlein. Im internationalen Vergleich stehe Deutschland auf einer Stufe mit den USA, die sich am unteren Ende der Skala für Chancengleichheit befänden. Laut DIW ist der Studie zufolge der Bildungserfolg in Deutschland sogar stärker familiär bedingt als die größtenteils genetisch bedingte Körpergröße.

Den DIW-Forschern zufolge ist demgegenüber die Gesellschaft beispielsweise in Dänemark von einer hohen Durchlässigkeit gekennzeichnet: Maximal 20 Prozent der Ungleichheit des individuellen Arbeitseinkommens gehen in dem nördlichen Nachbarland auf den Einfluss familiärer Hintergründe zurück.

In Dänemark sind demnach die Einflüsse des Familienhintergrunds in unterschiedlichen Migrantengruppen ähnlich gering sind wie bei Dänen ohne Migrationshintergrund. Dies spreche dafür, dass offenbar die Ausgestaltung des Bildungssystems bei der Chancengleichheit eine große Rolle spielt.

"In der Literatur gibt es insgesamt Hinweise, die darauf hindeuten, dass das Bildungssystem ein treibender Faktor ist", erklärte Schnitzlein. "Entscheidende Faktoren können aber auch die Ressourcen und Möglichkeiten des Elternhaushalts oder Netzwerke der Eltern sein."

Ökonom teilt Einschätzung des DIW

Diese Einschätzung wird von Bildungsforscher Ludger Wößmann geteilt. "Der Befund ist aus verschiedenen Studien bekannt. Das ist ein Faktum. In Skandinavien ist die frühkindliche Förderung wesentlich intensiver und erreicht alle Kinder. Bei uns sitzen etliche Kinder aus bildungsfernen Schichten im Extremfall vor dem Fernseher", sagte Wößmann der Berliner Morgenpost.

Ein anderer Aspekt, der sich negativ auswirke, sei das mehrgliedrige Schulsystem. "Dadurch wird Bildungsaufstieg in Deutschland verhindert." In Skandinavien hätten auch deshalb viele Kinder bessere Chancen, weil sie auf eine gemeinsame Schule gingen. Unabhängig vom sozialen Hintergrund der Eltern.

Ähnlich das Fazit in der DIW-Studie: Demnach kann ein entsprechend günstiges Bildungssystem den Einfluss des Familienhintergrundes auf den individiuellen ökonomischen Erfolg reduzieren. Die Ergebnisse der Studie würden dafür sprechen, die Durchlässigkeit des Bildungssystems zu erhöhen und fehlende Förderung durch frühzeitliche staatliche Angebote zu kompensieren.

Quelle: pku
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