23.01.13

Evolution

Das gewisse Etwas, das den Wolf zum Hund machte

Es war ein genialer Coup unserer Vorfahren: Irgendwann – vor 20.000 bis 15.000 Jahren – kamen Menschen auf die Idee, Wölfe zu zähmen. Daraus entstand dann der Hund. Ein Enzym half ihnen dabei.

Von Pia Heinemann
Foto: picture alliance / Zoonar/Zoonar
Wolf
Der Wolf - das erste Tier, das domestiziert wurde. Doch was machte ihn zum Hund, fragen sich Wissenschaftler?

Auch wenn dieser heute in der Regel zum Schoßhündchen degeneriert ist – für die frühen Menschen waren Hunde wohl wichtige Gefährten bei der Jagd und hielten Wache. Und sie waren nicht zuletzt das, was sie auch heute noch sind: treue Freunde.

Doch so nah uns Hunde seit der Jungsteinzeit ans Herz gewachsen sind und so gut sie gelernt haben, mit uns zu kommunizieren, so unklar ist ihre Evolution für Wissenschaftler. Wieso gerade der Wolf als erstes Tier domestiziert wurde, weiß bisher keiner. Und so suchen Forscher nach dem gewissen Etwas, was aus Wölfen Hunde gemacht hat.

Wissenschaftler um Erik Axelsson von der Uppsala University in Schweden haben deshalb nun 3,8 Millionen Genvarianten von Hund und Wolf untersucht. Sie konnten 36 Regionen in deren Erbgut identifizieren, die möglicherweise für Eigenschaften codieren, die den Hund zum optimalen Partner des Menschen haben werden lassen. 19 dieser Regionen sind maßgeblich für bestimmte Funktionen des Gehirns: Sie spielen beispielsweise bei der Gehirnentwicklung eine entscheidende Rolle. Das berichten die Wissenschaftler im Fachjournal "Nature".

Hundewelpen so ganz anders als Wolfswelpen

Dass das Gehirn von Hunden anders funktioniert als das von Wölfen, war allerdings schon immer recht offensichtlich: So berichtete die Biologin Kathryn Lord von der University of Massachusetts jüngst in einer Studie, die im Fachmagazin "Ethology" veröffentlicht wurde, dass Hundewelpen die Welt anders wahrnehmen als Wolfswelpen.

Einen Wolf könne man nie domestizieren, auch wenn man ihn direkt nach der Geburt in menschliche Obhut gibt, schreibt die Forscherin. Wölfe bleiben ein Leben lang furchtsam und unberechenbar.

Hunde hingegen können mit Menschen leicht kommunizieren, zeigen kaum Angst und sind wenig aggressiv. Das liege daran, so Kathryn Lord, dass die Wolfsjungen zwei Wochen früher als Hundewelpen erste Erkundungstouren durch ihre Umwelt unternehmen – in einem Alter, in dem ihr Seh- und Hörsystem noch nicht völlig ausgereift ist. Sie verlassen sich also völlig auf ihren Geruchssinn. Wenn wenige Tage später auch Augen und Ohren ausgereift sind, erschrecken sie sich leicht vor der menschlichen Stimme.

Menschliche Gestern ganz am Anfang

Hunde hingegen erkunden die Welt erst etwas später als Wölfe; dann nämlich, wenn alle drei Sinne ausgereift sind. Worte und Gesten von Menschen gehören somit zu ihren ersten Sinneseindrücken, sie sind ihnen von klein auf vertraut. Deshalb fürchten sie sich auch kaum vor Menschen. So zumindest die Verhaltensstudien von Kathryn Lord.

Dennoch liegt nach wie vor im Dunkeln, warum Wölfe überhaupt zu Hunden wurden. Eine Theorie lautet so: Als die Menschen sesshaft wurden, lungerten Wölfe häufig um deren Wohnstätten herum. Sie hofften, ein paar Abfälle stibitzen zu können – und passten sich so immer mehr an ihre "Wohltäter" an. So wurden sie langsam zahm.

Eine andere Theorie geht davon aus, dass die Initiative vom Menschen ausging: Sie zogen Wolfswelpen zunächst ohne besonderen Grund auf, vielleicht einfach deshalb, weil sie so niedlich aussahen.

Mehr als putzige Kostgänger

Welche Theorie die richtig ist, ist unklar. Klar ist aber, dass den Menschen der Jungsteinzeit irgendwann der Nutzen der Vierbeiner offenbar wurde: Die gezähmten Tiere waren nicht nur putzige Kostgänger, sondern überaus hilfreich bei der Jagd und als Wachhunde. Und so wählten die Menschen vielleicht immer die zahmsten Welpen aus – und so nahm die gemeinsame Entwicklung von Mensch und Hund ihren Lauf.

Hunde sind für Wissenschaftler auch deshalb interessant, weil sich in ihrem Erbgut widerspiegelt, was Tiere für das enge Zusammenleben mit dem Menschen an genetischer Ausstattung benötigen. Zudem leben Hunde in der gleichen Umgebung wie wir Menschen, was wiederum Rückschlüsse auf die Faktoren zulässt, die auch unsere Evolution mitbestimmt haben.

Darüber hinaus gibt es, anders als bei Menschen, mit den wilden Wölfen noch lebende, sehr enge Verwandte der Hunde. Hier könnten sich Parallelen zur menschlichen Evolution erkennen lassen.

Blaupause des Hundelebens

So verwundert es kaum, dass das Genom der Hunde bereits 2005 erstmals entschlüsselt wurde. Die Boxerhündin Tasha stiftet damals ihr Blut. So erhielten die Forscher um Kerstin Lindblad-Toh vom Broad Institute in Cambridge (Massachusetts) einen ersten Eindruck von der Blaupause des Hundelebens.

In "Nature" berichteten sie, dass Hunde 39 Chromosomenpaare besitzen – fünf mehr als der Mensch. Dafür hat der Mensch aber mehr Gene – nämlich rund 25.000. Tasha und ihre Verwandten verfügen nur über 19.000.

Was genau welche Erbgut-Bausteine aber letztlich bewirken, war damals noch völlig unklar. Doch das Wissen darum nimmt zu. So untermauern die aktuellen Studien der schwedischen Forscher nun, was Kathryn Lords Verhaltensstudien nahelegen: Hunde besitzen andere Genvarianten für die Entwicklung des Gehirns als Wölfe. Ob dies aber Folge der Domestikation ist oder ob die früheren Menschen sich gezielt die Hunde gefügig gemacht haben, die weniger aggressiv und furchtsam waren, liegt nach vor liegt im Dunkeln.

Frühe soziale Anpassung

Wer auf wen zuerst zuging – der Wolf auf den Menschen oder der Mensch auf den Wolf – wird vermutlich nie entschlüsselt werden. Doch was seither passierte, können Wissenschaftler aus den Genen der Tiere ablesen. So wie Erik Axelsson und sein Team.

Die Wissenschaftler haben Gene von 33.000 Jahre alten Hundevorfahren aus dem sibirischen Altai-Gebirge analysiert und diese dann mit den Genen aus Knochen moderner Hunde und solchen verglichen, die in einer rund 12.000 Jahre alten menschlichen Grabstätte in Israel gefunden worden waren.

"Der Ursprung der Hundedomestikation liegt vermutlich irgendwo in Ostasien oder im Mittleren Osten", schreiben die Forscher. Vermutlich sei die Domestikation recht komplex gewesen und habe in mehreren Populationen unabhängig von einander stattgefunden. Auch Rückkreuzungen mit Wölfen habe es wahrscheinlich gegeben. Die soziale Anpassung an den Menschen habe wahrscheinlich sehr früh stattgefunden – und vermutlich suchten sich Menschen im Laufe der Domestikation genau die Tiere als Begleiter aus, die weniger aggressiv und ängstlich waren.

Bisher unbekannte Besonderheit

Das Team um Axelsson fand zudem eine bisher unbekannte Besonderheit, in der sich das Erbgut von Hund und Wolf unterscheidet und die ihrer Meinung nach eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung zum Hund gespielt hat: Im Erbgut der Hundevorfahren und der modernen Hunde gibt es Gene, die für ein Enzym kodieren, das ihnen die Verdauung von stärkereicher Kost ermöglicht – und damit von Spaghetti und Co.

Damit unterscheiden sich die frühen Hundevorfahren und damit auch die modernen Hunde maßgeblich von heute lebenden Wölfen, die fast ausschließlich Fleisch fressen.

Die Wissenschaftler vermuten, dass die Fähigkeit, Stärke zu verdauen, den Hundevorfahren eine entscheidende Kompetenz auf ihrem Weg hin zum besten Freund des Menschen zu werden. Denn dessen Sesshaftwerdung ging mit der Erfindung des Ackerbaus einher.

Gerichte mit Getreide, die einen hohen Stärkeanteil haben, standen häufiger auf dem menschlichen Speiseplan. Tiere, die diese verdauen konnten, profitierten vom neuen Trend der Körner- und Gemüsekost. "Die Fähigkeit Stärke zu verdauen ist wahrscheinlich ein sehr wichtiger Schritt in der Domestikation des Hundes gewesen", schreiben die Wissenschaftler.

Massiv beschleunigte Evolution

Nachdem diese ersten Schritte in der Zähmung des Wolfes zum Hund getan waren, lernte der Hund langsam, mit den Menschen zu kommunizieren, zu gehorchen und zu dienen. Im 18. Jahrhundert beschleunigte sich seine Evolution dann massiv: Es begann die gezielte Züchtung von Hunderassen. Doch diese hat sich offenbar nur wenig ins Erbgut von Dackel und Dogge, Chihuahau und Collie eingeschrieben.

Das zeigte eine Studie der Cornell-University in New York, der University of California in Los Angeles und den National Institutes of Health im Jahr 2009. Sie hatten das Erbgut von rund 900 Hunden aus 80 Rassen auf Unterschiede hin untersucht und mit dem von Grauwölfen und Kojoten verglichen. Demnach bestimmen die Varianten von nur 50 Genen, ob ein Hund groß oder klein ist, ob er blondes, schwarze, gelocktes oder glattes Fell hat.

Auch die Anlagen für die Ohren- und Nasenform werden über die Variationen dieser 50 Gene bestimmt. Ob Pudel oder Pinscher – die äußere Form scheint weniger maßgeblich für unsere Freundschaft zum Hund zu sein als sein schnöder Stoffwechsel.

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