23.01.13

Claudia Roth

"Schavan schadet dem Ansehen Deutschlands"

Sollte Bildungsministerin Schavan der Doktortitel aberkannt werden, müsse sie zurücktreten, fordert Grünen-Chefin Roth. Aus dem Kabinett stärkt ihr Parteifreundin Von der Leyen den Rücken.

Foto: dapd

Anstrengende Zeiten für Bundesbildungsministerin Annette Schavan
Anstrengende Zeiten für Bundesbildungsministerin Annette Schavan

Grünen-Chefin Claudia Roth hat den Rücktritt von Bundesbildungsministerin Annette Schavan gefordert, sollte die CDU-Politikerin ihren Doktortitel verlieren. "Wenn Annette Schavan der Doktortitel aberkannt werden würde, wäre ihr Verbleib im Amt ein Bärendienst an der Wissenschaft", sagte Roth der "Welt".

Bereits das eingeleitete Verfahren sei eine "große Belastung für die Glaubwürdigkeit" der für Wissenschaft und Forschung zuständigen Ministerin. Es schade "dem Ansehen des Wissenschaftsstandortes Deutschland".

Von der Leyen lobt Schavans Fachkompetenz

Aus dem Kabinett kam Zuspruch für die Bildungsministerin. Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (ebenfalls CDU) bescheinigte ihrer Kollegin im Rückblick auf fast acht gemeinsame Regierungsjahre, sie habe "wirklich hervorragende Arbeit geleistet".

Sie schätze Schavan "enorm" und habe sie als "sehr integere Kollegin mit ganz hoher Fachkompetenz" erlebt, sagte von der Leyen. Zu der aktuellen Auseinandersetzung in der Wissenschaftswelt könne sie aber nichts sagen.

Schavan fordert externe Fachgutachten

Schavan selbst ist weiterhin davon überzeugt, dass die Plagiatsvorwürfe gegen sie "unbegründet" sind und ausgeräumt werden. Sie gehe davon aus, dass die Universität Düsseldorf mit der Eröffnung eines ergebnisoffenen Verfahrens nun auch externe Fachgutachten einholen werde, sagte Schavan am Mittwoch in Berlin.

"Die intensive Beschäftigung mit dem Text meiner Dissertation – auch im Zusammenhang mit meiner schriftlichen Stellungnahme zu der Ausarbeitung des Vorsitzenden des Promotionsausschusses – bestärken mich in meiner Überzeugung, dass meine Dissertation kein Plagiat ist", betonte Schavan. Die Ministerin erinnerte daran, dass sie selbst im Mai nach Bekanntwerden anonymer Plagiatsvorwürfe den Rektor der Universität gebeten habe, diese prüfen zu lassen.

Historiker Nolte stellt Verjährungsfrage

Der Historiker Paul Nolte hält die Täuschungsvorwürfe gegen Schavan für unverhältnismäßig. Im Deutschlandradio Kultur sagte der Geschichtsprofessor an der Freien Universität Berlin, es sei an der Zeit, über eine Verjährung nachzudenken. Die zähe Prüfung der Universität Düsseldorf sei ein sehr fragwürdiges Verfahren, mit dem Leben eines Menschen umzugehen.

Nolte sagte, zwar habe man auch 1980, zu Zeiten von Schavans Doktorarbeit, gewusst, was ein korrektes Zitat ist. "Aber eine Promotion, auch in dem Fach Erziehungswissenschaften, eine Direktpromotion, war damals etwas anderes. Also: Fachkulturen, Zitierkulturen, Wissenschaftskulturen, die sich verändern – das muss man doch auch in Rechnung stellen", sagte er.

Nolte betonte, der Fall Schavan könne nicht mit dem Fall des ehemaligen Verteidigungsministers Karl Theodor zu Guttenberg verglichen werden. Er kritisierte in diesem Zusammenhang scharf den um sich greifenden und für sein Empfinden übertriebenen Ehrgeiz mancher Politiker, sich mit einem Doktortitel zu schmücken.

Hochschul-Entscheidung "zweifelhaft"

Auch Berlins Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) kritisierte den Beschluss der Düsseldorfer Universität. "Ich finde die Entscheidung zweifelhaft, weil die Rollen zwischen Kontrolleur, Ankläger und Entscheider nicht getrennt sind", sagte Heilmann.

"Das erweckt den Anschein eines politisch motivierten Verfahrens", sagte der Justizsenator. Er schlage deshalb die Einführung von klaren Regeln für alle Verfahren der rückwirkenden Beurteilung von Doktorarbeiten vor, die es bisher nicht gebe, sagte Heilmann.

Weiteres Vorgehen wird im Februar entschieden

Am Dienstagabend hatte der Fakultätsrat der Philosophischen Fakultät der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität angekündigt, das Hauptverfahren gegen die Ministerin zu eröffnen, an dessen Ende der Verlust des Doktortitels stehen kann.

Fakultätsdekan Bruno Bleckmann betonte, das Verfahren sei "ergebnisoffen". Über den weiteren Fortgang werde der Fakultätsrat am 5. Februar beraten. Schavan hatte ihre Doktorarbeit über das Thema "Person und Gewissen" vor mehr als 30 Jahren an der Düsseldorfer Uni eingereicht.

Quelle: kna/dpa/dapd/ks
© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Starke Unwetter Erneut Überschwemmungen im Westen
Geplatze Wasserleitung Neun Meter hohe Fontäne überschwemmt Teile von…
Paris Die Luxus-Ratten vom Louvre
Hollywood-Stars So wild feiern Lopez und Bullock Geburtstag
Die Welt - Aktuelle News
  1. 1. KommentareRaketenangriffeIn Nahost sind wir Zeuge eines völlig neuen Krieges
  2. 2. GeldBörseSorge um die Krisenländer lassen Dax einbrechen
  3. 3. WirtschaftArgentinien-PleiteDer "Geierfonds" quält auch deutsche Unternehmen
  4. 4. DeutschlandChristenverfolgungDas tödliche "N" wird zum Symbol des Widerstands
  5. 5. DeutschlandTürkeiwahl in BerlinDer Sicherheitsdienst wirft die Presse raus
Top Bildershows mehr
Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Solinger Uhrenmodel

Ben Dahlhaus, der Hype um das neue Sex-Symbol

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote