23.01.13

Kritik des ADAC

"Zeit in der Fahrschule ist schlicht zu kurz"

Immer mehr Autos, immer höhere Anforderungen im Verkehr: Die Fahrausbildung ist nach Ansicht des ADAC nicht mehr zeitgemäß. Nur einparken reiche nicht mehr. Der Klub fordert daher mehr Fahrstunden.

Foto: dapd

Die Ausbildung am Steuer sollte nach Ansicht des ADAC verlängert werden. Wegen der gestiegenen Anforderungen im Straßenverkehr sei die Zeit "schlicht zu kurz", sagte der ADAC-Vizepraesident Becker.
Die Ausbildung am Steuer sollte nach Ansicht des ADAC verlängert werden. Wegen der gestiegenen Anforderungen im Straßenverkehr sei die Zeit "schlicht zu kurz", sagte der ADAC-Vizepraesident Becker.

Der Verkehrsgerichtstag in Goslar beschäftigt sich jedes Jahr mit den aktuellen Entwicklungen im Straßenverkehr. Bereits im Vorfeld der Tagung, die Mittwoch beginnt, sprach sich Ulrich Klaus Becker, ADAC-Viezepräsident für Verkehr, für eine Reform der Fahrausbildung in Deutschland aus.

Frage: Herr Becker, Fahranfänger verursachen zahlreiche, zum Teil tödliche Verkehrsunfälle. Was kann der Gesetzgeber dagegen tun?

Ulrich Klaus Becker: Junge Fahrer neigen oft zur Selbstüberschätzung der eigenen Fähigkeiten, häufig mit fatalen Folgen. Der Gesetzgeber in Deutschland sollte sich daher ein Beispiel an Österreich nehmen. Dort wurde ein der Führerscheinprüfung nachgelagertes Rückmeldesystem zur Einschätzung der eigenen Fahrkompetenz aufgebaut.

Dabei fahren die Führerschein-Neulinge nochmals einige Zeit nach der Prüfung in Begleitung eines Fahrlehrers. Außerdem können speziell auf die Zielgruppe ausgerichtete Fahrsicherheitstrainings helfen, dieser gefährlichen Überschätzung entgegenzuwirken.

Frage: Sie kritisieren auch die Fahrausbildung in Deutschland. Was ist denn nicht mehr zeitgemäß?

Ulrich Klaus Becker: Die Zeit in der Fahrschule ist aufgrund der gestiegenen Anforderungen im Straßenverkehr schlicht zu kurz. Deswegen müssen der Lernzeitraum moderat verlängert und die Inhalte gestrafft werden. Man kann sich schon die Frage stellen, warum ein Fahrschüler perfekt einparken können muss, aber das Überholen auf der Landstraße nicht ausreichend üben kann.

Frage: Was sollten die Fahrschulen denn künftig anders machen?

Ulrich Klaus Becker: Vielleicht sollten die Anforderungen an den Fahrlehrerberuf überdacht werden. Die Fahrschulen selbst geben ihr Bestes. Davon bin ich überzeugt. Es reicht aber offensichtlich nicht aus. Zur Verkehrskompetenz zählt mehr als die reine Fahrzeugbedienung.

Das Lernen darf deshalb nach der Fahrschule nicht aufhören. Wir brauchen neue Maßnahmen, die gerade in der sensiblen Anfangsphase greifen, also dann, wenn man alleine unterwegs ist. Es geht darum, dass junge Fahrer ihre Erfahrungen reflektieren können und sich ein angemessenes Sicherheitsbewusstsein einstellt.

Frage: Beim Verkehrsgerichtstag geht es auch um das Thema aggressives Fahren. Was kann man gegen Drängler und Verkehrsrowdys tun?

Ulrich Klaus Becker: Es ist zwar nur eine kleine Anzahl an Fahrern, die sich dauerhaft nicht regelkonform und egoistisch verhält. Bei vielen Autofahrern bleibt jedoch das Gefühl, dass diese Personen für ihr Verhalten nicht zur Verantwortung gezogen werden. Letztlich muss man aber darauf vertrauen, dass sich Fairness im Straßenverkehr auszahlt und Fehlverhalten maximal kurzfristig einen Gewinn bringen. Konflikten im Straßenverkehr sollte man tunlichst aus dem Weg gehen.

Frage: Sind die Strafen zu niedrig?

Ulrich Klaus Becker: Ich denke, es ist weniger ein Problem der zu erwartenden Strafe, als vielmehr die Frage nach der Chance, entdeckt zu werden. Das bedeutet, dass die Kontrolldichte erhöht werden sollte. Der Einsatz moderner Technik, aber auch von zivilen Fahrzeugen ist bei der Aufklärung von Delikten im Straßenverkehr sehr wirksam. Zurzeit werden pro Jahr allein 500.000 Fahrverbote von bis zu drei Monaten ausgesprochen. Dies zeigt, dass der Staat nicht untätig ist.

Frage: Was ändert die geplante Reform des Punktesystems?

Ulrich Klaus Becker: Nach der Reform werden nur noch solche Delikte mit Punkten eingetragen, die relevant für die Verkehrssicherheit sind. Diese werden mit einem bis drei Punkten bewertet, bei acht Punkten ist der Führerschein weg. Schwere Vergehen im Straßenverkehr fallen daher stärker ins Gewicht.

Frage: Der ADAC sträubt sich gegen ein generelles Tempolimit auf Autobahnen, obwohl die Mehrheit der Bürger Umfragen zufolge dafür sind. Sollten Sie da nicht Ihre Haltung ändern?

Ulrich Klaus Becker: Der ADAC stellt sich nicht gegen die Bürger – im Gegenteil. Fast zwei Drittel unserer Club-Mitglieder haben sich in Umfragen gegen ein allgemeines Tempolimit ausgesprochen. Die Autobahnen sind die sichersten Straßen in Deutschland. Im Jahr 2011 wurde auf den Autobahnen etwa ein Drittel aller Kraftfahrzeugkilometer abgewickelt.

Der Anteil der Unfälle mit Personenschäden ist dagegen mit gut sechs Prozent deutlich niedriger als auf anderen Straßen. Zahlreiche Länder wie Österreich, Belgien oder die USA mit allgemeinem Tempolimit schneiden hier schlechter ab als Deutschland. Wir sollten uns bei der Verbesserung der Verkehrssicherheit vielmehr auf die Landstraßen konzentrieren. Hier sind rund 60 Prozent aller Verkehrstoten zu beklagen, obwohl dort nur etwa 40 Prozent des Straßenverkehrs stattfinden.

Quelle: dapd/dj
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