21.01.13

Albtraum-Ergebnis

Ein Telefonat. Dann verließ McAllister wortlos den Saal

McAllisters Albtraum: Im Landtag und später auf der CDU-Party konnte man einen Ministerpräsidenten erleben, der mit jeder vergehenden Stunde unruhiger wurde. Um 23.40 Uhr war die Wahl verloren.

Von Ulrich Exner und Karsten Kammholz

Es musste also 23.40 Uhr werden. Erst dann konnte Landeswahlleiterin Ulrike Sachs am Sonntag einen Wahlkrimi beenden, der seinesgleichen sucht. Zu knapp der Ausgang, zu technisch chaotisch die Auszählung, zu bedeutend war diese Wahl gewesen, als dass man sich bei der Verkündung einen Schnellschuss hätte erlauben dürfen.

Nüchtern, als ob nichts gewesen wäre, verlas Fuchs im Plenum des Landtags von Hannover ein Ergebnis, das in der SPD einen nicht mehr für möglich gehaltenen Freudentaumel auslöste - und in der CDU die schiere Fassungslosigkeit. Mal hatte es in den langen Stunden nach Schließen der Wahllokale nach einer Fortsetzung von Schwarz-Gelb ausgesehen, dann wieder nach einem Patt, am Ende reichte es hauchdünn für Rot-Grün.

Selbst Stephan Weil, dem Last-Minute-Wahlsieger, war bei der SPD-Wahlparty nicht mehr nach einer großen Rede. "Und jetzt, würde ich sagen, machen wir alle nur noch eins: feiern, feiern, feiern", rief er. Nicht nur er zeigte da, dass dieser Tag an den Kräften gezehrt hatte.

Albtraum für McAllister

Für David McAllister endete dieser nervenaufreibende Tag in einem Albtraum. Im Landtag und später auf der CDU-Wahlparty konnte man einen Ministerpräsidenten erleben, der mit jeder vergehenden Stunde unruhiger wurde. Als es nicht mehr nach einer eigenen schwarz-gelben Mehrheit aussah, stellte er in Interviews immer noch klar, dass die CDU als stärkste Kraft mit allen Parteien sprechen werde.

Da klammerte er sich schon an den Rettungsring namens große Koalition, und sein Blick wurde grimmig dabei. "Gewonnen ist gewonnen", war noch so ein trotziger Satz des Ministerpräsidenten. Später, als alles klar war, hatte er nichts mehr zu sagen. Ein Telefonat, dann verließ er den Saal. Wortlos.

Am Anfang stand schwarz-gelbe Zuversicht

Dabei hatte der Abend voller schwarz-gelber Zuversicht begonnen. Die FDP stand als erster Sieger fest. Niedersachsens Liberale, in den vergangenen Monaten eher bei drei als bei fünf Prozent gehandelt, jubelten schon bei der Prognose um 18 Uhr so lauthals, als hätten sie im nächsten Landtag eine absolute Mehrheit.

Gero Hocker, der Generalsekretär, freute sich über den riesigen Erfolg seiner "Schluss mit Schulden"-Kampagne. Er gestand dann aber doch ein, dass das bürgerliche Lager "strategisch" gewählt habe.

Ausdrücklichen Dank der FDP an die CDU

Wie Hocker wollte auch der liberale Spitzenkandidat Stefan Birkner den Wahlerfolg in Niedersachsen nicht als direkte Unterstützung für den angeschlagenen Parteichef Philipp Rösler werten. Er werde sich zu "Personalien" auch weiterhin nicht äußern, sagte Birkner, der wie sein Generalsekretär die landespolitische Dimension dieses Wahlabends betonte.

Ausdrücklich bedankte sich Birkner stattdessen für die Unterstützung des CDU-Spitzenkandidaten David McAllister. Die Zusammenarbeit mit dem Christdemokraten sei vorzüglich gewesen. Da dachte auch Birkner noch, dass es für Schwarz-Gelb reichen könnte.

In der Tat hatten die Union und ihr im Lande beliebter Ministerpräsident McAllister in den vergangenen Wochen immer wieder die gute Kooperation mit der FDP und die Wichtigkeit der Partei für den Machterhalt der Bürgerlichen betont. Zu sehr betont, wie sich am Sonntag zusehends zeigte.

Einigen Christdemokraten blieb das Lob für die FDP angesichts des deutlich unterhalb der erwarteten 40 Prozent liegenden Hochrechnungen für die eigene Partei im Halse stecken. "Dass das so durchschlägt, damit hatte nun keiner gerechnet", bilanzierte einer bitter.

Im Landtag wurde es still

Das war ziemlich genau in dem Moment, in dem die ZDF-Hochrechnung gegen 19 Uhr von "knappem Vorsprung für Schwarz-Gelb" auf "Patt" umgesprungen war. Im Landtag wurde es für einen Moment sehr still. Keines der beiden Lager wusste nun so recht, ob es sich unterm Strich freuen oder doch eher ärgern musste.

David McAllister, noch am Morgen im Wahllokal sehr fröhlich und gelassen, traute sich dann auch zunächst nicht, die laufende Auszählung zu kommentieren. Er blieb lange Zeit in einem Hinterzimmer der Landtagsfraktion und überließ den anderen Spitzenkandidaten Bildschirm und Botschaft. Bis die "David, David"-Sprechchöre im Saal der Union zu laut wurden.

Ohne das Endergebnis dieses Tages schon zu kennen, lobte der Ministerpräsident seine Partei und freute sich über den spannenden Abend: "Was für ein Herzschlagfinale!" Er betonte, die CDU sei in Niedersachsen "die Nummer eins", und schloss an, er sei sich sicher, dass Schwarz-Gelb am Ende die Nase vorn haben werde.

Große Koalition nicht ausgeschlossen

Die Aufholjagd der Union habe sich auf jeden Fall gelohnt. Das wurde mit der nächsten Hochrechnung dann allerdings ein Stück unwahrscheinlicher. Die ARD sah Rot-Grün inzwischen mit einem Sitz Vorsprung im Landtag. Plötzlich schloss McAllister auch eine große Koalition mit der SPD nicht mehr aus.

Vielleicht ahnte ein anderer dieses Kippen der Stimmung ja: SPD-Spitzenkandidat Stephan Weil war schon sehr früh vor seine Anhänger getreten, ohne zunächst allzu viel sagen zu können. Immerhin: Er sei mit dem SPD-Ergebnis recht glücklich, "stolz auf meine Partei" und "ein zufriedener Mensch".

Mit dieser Botschaft zog Weil dann von Interview zu Interview, nutzte die Wege dazwischen, um Luft zu holen – und die ständig auf ihn einprasselnden Fragen zu seiner Befindlichkeit aufs Knappste zu beantworten. Wird es ein langer Abend? "Ja." Was machen Sie jetzt? "Warten." Wie ist Ihre Stimmung? "Gut."

Doris Schröder-Köpf verlor Wahlkreis an die CDU

Er hatte ja vermutet, dass es eng werden würde. Schon am Morgen war er nicht ganz so locker und gelöst wie gewohnt aus seiner Wahlkabine gekommen. Er sei "gespannt wie ein Flitzebogen", hatte Weil gesagt. Und er würde es lange bleiben an diesem Abend.

Anderen prominenten Sozialdemokraten ging es genauso. Doris Schröder-Köpf, Weils prominente Kandidatin für das Amt der Integrationsbeauftragten, hatte sich extra um Punkt 18 Uhr in den SPD-Saal des Landtags begeben, um dort in erster Reihe die Prognosen zu bejubeln. Der Plan ging nicht recht auf.

Kaum waren die Prognosen bekannt, wussten weder sie noch die SPD-Anhänger, ob sie jubeln durften. So blieb es bei einem Raunen – und für Schröder-Köpf bei einem hochprofessionellen Lächeln. Es hielt den ganzen Abend, auch als bekannt wurde, dass sie ihren Wahlkreis Hannover-Döhren an die CDU verloren hatte. Die 49-Jährige wird aber voraussichtlich über die SPD-Landesliste in den neuen Landtag einziehen.

SPD stand geschlossen hinter Stephan Weil

Wirklich klar war am Abend lange nur, dass Weil sein Rathaus verlässt und in den Landtag übersiedelt. Weil hatte schon bei der Verkündung seiner Kandidatur für diese Landtagswahl klargemacht, dass es für ihn auch nach einer Niederlage kein Weitermachen als Oberbürgermeister von Hannover geben wird. Bei der OB-Wahl im Herbst wird stattdessen der bisherige Fraktionschef der SPD im Landtag, Stefan Schostock, für seine Partei kandidieren.

Die Absprache hat sich gelohnt. Auch, weil der 54-Jährige Spitzenkandidat die Partei als Landeschef geschlossen in den Wahlkampf führte – weiß Gott keine sozialdemokratische Selbstverständlichkeit in diesem Bundesland. Auch als Wahlkämpfer selbst lieferte er einen sehr ordentlichen Job ab. Den von der Union lancierten Vorwurf, er kümmere sich zu sehr um Hannover und zu wenig um das restliche Land, verfing nicht ansatzweise.

Stattdessen traf Weil mit seinem unaufgeregten Wahlkampf ganz offensichtlich den Nerv der Bevölkerung. Er hatte den Wählern vor allem mehr soziale Gerechtigkeit versprochen. In Anbetracht des begrenzten Handlungsspielraums, den die Länder ihren Regierungschefs bieten, wollte der SPD-Kandidat eine Menge anders machen:

Studiengebühren abschaffen, Gesamt- und Ganztagsschulen fördern, Krippenplätze ausbauen, Gorleben aus der Endlagersuche ausklammern - und schlicht mehr Geld in die Hand nehmen, als Regierungschef McAllister dazu bereit wäre. Während Schwarz-Gelb sich vorgenommen hatte, bereits 2017 ohne Neuverschuldung auszukommen, wollte Weil das Ziel erst 2020 erreichen.

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