17.01.13

Historiker Kennedy

Wie die Alliierten den Zweiten Weltkrieg gewannen

Vorsprung durch Technik und die Gabe, schnell aus den eigenen Fehlern zu lernen – das war der Grund, warum Amerikaner und Briten Deutsche und Japaner besiegten, sagt Paul Kennedy in seinem neuen Buch.

Von Jacques Schuster
Foto: Getty Images

Amerikanische Soldaten kurz vor der Landung an den Stränden der Normandie im Juni 1944. Die ersten Verbände waren auf diese Weise schon am 6. Juni gelandet
Amerikanische Soldaten kurz vor der Landung an den Stränden der Normandie im Juni 1944. Die ersten Verbände waren auf diese Weise schon am 6. Juni gelandet

Dies ist ein außergewöhnliches Buch. Sein Autor, der Historiker Paul Kennedy, betritt ausgetretene Pfade, bekennt sich sogar dazu und schafft es dennoch, mitten auf dem Weg Neues zu entdecken oder bisher Unbemerktes so darzustellen, dass das Alte in anderem Licht erscheint. Genau das ist das Geheimnis eines guten Historikers. Er muss nicht unbedingt in Archive steigen und im Staub der Jahrhunderte nach neuen Funden fahnden. Es kommt auf die Fragestellung und die Originalität seiner These an!

Kennedy ist ein Historiker in diesem Sinn. Er besitzt den Geruch für das Abseitige, Ungewöhnliche und verfügt über die Gabe, aus Altbekanntem Erhellendes herauszuholen. Das jüngste Ergebnis dieser Fähigkeit ist seine Studie über den Zweiten Weltkrieg. Kennedy, Professor für Geschichte an der Yale University, fragt sich scheinbar schlicht, aus welchem Grund die Alliierten den Krieg gewannen.

Wie führt man Blitzkriege?

Die Klarheit der Frage führt zu bemerkenswerten Einsichten. Seltsam ist nur, warum der Beck Verlag Kennedys Buch "Die Casablanca-Strategie" genannt hat, die es so nicht gab und im Grunde auch dem Anliegen der Autors widerspricht, den steinigen Weg zum Sieg als einen Prozess vieler Niederlagen, Irrtümer und Erkenntnisgewinne darzustellen. "Engineers of Victory" – so der amerikanische Titel – trifft Kennedys Absichten besser.

Er glaubt nicht an große, globale Programme, die Franklin D. Roosevelt und Winston Churchill 1943 in Casablanca angeblich oder tatsächlich besprochen haben. Lieber stellt er fünf einfache Fragen, die er Kapitel für Kapitel beantwortet: "Wie schickt man Geleitzüge über den Atlantik?", "Wie erringt man die Luftherrschaft?", "Wie stoppt man einen Blitzkrieg?", "Wie erobert man eine feindliche Küste?", "Wie überwindet man die 'Tyrannei der Distanz' im Pazifik?".

Wie aus Scherzartikeln Panzer werden

Die Antworten, die Paul Kennedy gibt, sind vielschichtig. Nie sind es nur die großen Staatsmänner von Roosevelt über Churchill bis Charles de Gaulle, nie allein die Generäle von Bernard Montgomery über Dwight D. Eisenhower bis zu Georgi Schukow. Kennedys Suche nach Erkenntnissen geht tiefer. Er stellt die wichtigsten Armee-Ingenieure und ihre militärischen Erfindungen auf russischer, britischer und amerikanischer Seite vor und nennt Namen, die weder die Laien kennen noch viele Historiker, weil sie die Kriegsberichterstattung als eine Schlachtenbeschreibung verstehen. Der Verfasser macht uns etwa mit Sir Percy Hobart und dessen "Scherzartikeln" bekannt, wie die Engländer sie nannten.

Dem aus dem Ruhestand gerufenen britischen Offizier gelang es, gewöhnliche Infanteriepanzer in schwimmende Festungen, Dreschflegeltanks in Panzer mit großen Drahtscheren zu verwandeln – Erfindungen, ohne die eine Landung an fremder Küste niemals möglich gewesen wäre. Nicht ohne Hochachtung berichtet Kennedy zudem vom amerikanischen Admiral Ben Moreell, der früh auf den Gedanken kam, den Kampfverbänden Kolonnen von Technikern und Facharbeitern ("Wir bauen, wir kämpfen") zur Seite zu stellen – bis 1945 bestand seine Einheit aus 325.000 Mann –, die im pazifischen Raum innerhalb weniger Wochen 111 große Landebahnen und gut 400 Piers errichteten, von den zahllosen Stahlpontons im Atlantik abgesehen.

Hitlers Fehler

Zum Glück verliert sich Kennedy nicht im Detail. Immer wieder gelingt es ihm, von dem Berg der Einzelheiten und Namen aufzublicken und das große Ganze ins Auge zu fassen. Natürlich seien die strategischen Fehler der Achsenmächte gravierend gewesen, so Kennedy. Neben vielen anderen Gründen hätten auch sie zum Sieg der Alliierten geführt.

Deutschland und Japan "verschwendeten ihre enormen Anfangsvorteile, indem sie auf zweitrangige Kriegsschauplätze vorstießen – Balkan, Burma, Südchina – und den tatsächlich entscheidenden Zielen viel weniger Aufmerksamkeit widmeten". Hitlers Strategie an der Ostfront sei das deutlichste Beispiel dafür. "Gleichzeitig Leningrad im Norden, Moskau im Zentrum und Stalingrad, das Donezbecken und den Kaukasus im Süden anzugreifen war eine militärische Dummheit", stellt der Verfasser treffend fest.

Dönitz' U-Bootkrieg

Freilich begingen auch die Alliierten Fehler. Nur: Sie machten sie weitgehend zu Beginn des Krieges. Ausführlich schildert Kennedy, wie brenzlig die Lage für Großbritannien im Jahr 1941 war und wie treffend Churchills Urteil über Washington in den Folgejahren: "Amerikaner tun am Ende immer das Richtige. Nachdem sie vorher alle anderen Möglichkeiten ausprobiert haben."

Selbst im Nachhinein ist es bewundernswert, mit welch brutaler Nüchternheit London und Washington ihre eigenen Mängel und Versäumnisse analysierten und wie entschlossen sie waren, die Schwächen unter Einsatz sämtlicher Kräfte so schnell wie möglich zu beheben. Detailreich schildert Kennedy den Verlauf des deutschen U-Bootkrieges unter Admiral Dönitz, dem die beiden angelsächsischen Seemächte zunächst kaum etwas entgegenzusetzen hatten, bis sie Strategie, Taktik und Technik so verbesserten, dass die deutschen U-Boote zwar keinesfalls vernichtet, aber doch mehr oder weniger ausgeschaltet wurden oder gar nicht mehr zum Einsatz kommen konnten.

Amerikas unendliche Stärke

Kennedy zitiert den britischen Premier, am Ende sei der Krieg durch die "richtige Anwendung" von Stärke gewonnen worden, und präzisiert den churchillschen Satz dahingehend, dass "der Zweite Weltkrieg durch die 'intelligente Anwendung' überlegener Stärke gewonnen wurde". Diese Einsicht wurzelt in der frühen Ahnung der Alliierten, dass die Achsenmächte im Begriff waren, sich zu Tode zu siegen, sprich: Japaner und Deutsche am Anfang des Krieges so erfolgreich waren, dass vor allem den Amerikanern dämmerte, die anfängliche materielle Überlegenheit der Gegner werde über kurz oder lang fast zwangsläufig verloren gehen, weil die eroberten Weiten von Berlin und Tokio auf Dauer nicht zu halten waren.

Tatsächlich spielte die imperiale Ermüdung der Deutschen und Japaner ab 1943/44 vor allem den Amerikanern mit ihren fast unerschöpflichen menschlichen wie technischen Ressourcen in die Hände.

Russlands Verdienst

Die sich beständig korrigierende alliierte Kriegführung, ihre ungeheure taktische Beweglichkeit und die Strategie, auf die mittleren Ränge, auf die Ingenieure und Kampfverbände vor Ort zu hören, habe bei Amerikanern und Briten zu einer "Kultur der Ermutigung" geführt, die die Moral der Truppe erheblich gestärkt hätte. Nie zuvor in der neuzeitlichen Geschichte des Krieges habe so viel Selbstbestimmung geherrscht wie bei Amerikanern und Briten an den verschiedenen Fronten zwischen Ost und West.

Die Sowjets unter Josef Stalin spielen bei Paul Kennedy hingegen nur eine Nebenrolle. Zwar widmet er dem Kampf an der Ostfront durchaus einige Seiten, beständig im Blick aber behält er ihn nicht. Ohne Zweifel ist dieses Versäumnis ein Mangel des Buches. Sicher würde Kennedy diesen Einwand mit dem Hinweis zu entkräften suchen, er habe keine Gesamtgeschichte des Zweiten Weltkrieges schreiben wollen. Das mag stimmen oder auch nicht. Moskaus Anteil am Sieg über das Dritte Reich aber war so groß, dass Kennedy ihm in jedem Fall mehr Raum hätte gewähren müssen.

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