09.01.13

Präseswahl

Ein Quantum Trost für rheinische Protestanten

Im Rheinland wählt eine frustrierte Kirche die oder den neuen Präses als Nachfolger für Nikolaus Schneider. Doch von Zukunftsfreude ist bei den drei Kandidaten wenig zu spüren.

Von Matthias Kamann
Foto: dapd

Sie ist Favoritin auf die Nachfolge Nikolaus Schneiders: Petra Bosse-Huber, derzeit Vizepräses im Rheinland
Sie ist Favoritin auf die Nachfolge Nikolaus Schneiders: Petra Bosse-Huber, derzeit Vizepräses im Rheinland

Christen sollen ja demütig und bußfertig sein. Zumal Protestanten steht forsche Selbstgewissheit nicht gut an. Dennoch war es erstaunlich, wie kleinlaut es am Mittwoch in Bad Neuenahr zuging. Unentwegt war von "Vertrauensverlust" und "Ängsten" die Rede, von "nötiger Selbstkritik" und "unerledigten Aufgaben".

Dabei hätte die Synode der Evangelischen Kirche im Rheinland durchaus Anlass geboten, Aufbruchsgeist zu entwickeln. Schließlich stellten sich den Synodalen drei respektable Kandidaten für das Amt des Präses vor, für die Nachfolge von Nikolaus Schneider, 65, der aus Altersgründen ausscheidet.

Zwar wird Schneider bis 2015 Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) bleiben, aber das Präses-Amt im Rheinland muss er abgeben, und das ist wichtig genug. Geht es doch um die Leitung der zweitgrößten deutschen Landeskirche mit rund 2,8 Millionen Mitgliedern in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland sowie einigen Flecken in Hessen, einer Landeskirche überdies, die in den letzten Jahren enorme Anregungen zu wichtigen kirchlichen Themen gegeben hat, etwa zur Aussöhnung zwischen Christen und Juden oder zu einem vorurteilslos-freundlichen Umgang mit Homosexuellen.

Wenig schwungvolle Zukunftsfreude

Aber als sich die drei Kandidaten, die am Donnerstag zur Wahl stehen, am Mittwoch präsentierten, da war von schwungvoller Zukunftsfreude nicht viel zu spüren. Das war schon bei der ersten Rednerin festzustellen, Petra Bosse-Huber, die als Favoritin gehandelt wird. Die 53-Jährige, bisher als Vizepräses die Stellvertreterin von Schneider, ist zwar auch überregional in der Kirche bekannt und in der EKD sehr präsent, aber ihre Rede kreiste um Probleme, die es im Rheinland gebe. "Ich merke hier ein großes Misstrauen", sagte sie zu den Synodalen und gab mit Blick auf offenbar gestörte Kommunikationsstörungen in der Landeskirche zu: "Druck und Zwang funktionieren nicht." Die rheinische Kirche sei "ein zerbrechliches Gefäß".

Nicht weniger selbstkritisch gab sich der zweite Kandidat, Manfred Rekowski, 54, bisher als Oberkirchenrat im Düsseldorfer Landeskirchenamt zuständig fürs Personal. Obwohl ihm für das dort Geleistete große Anerkennung gezollt wird, war auch Rekowski kleinlaut, forderte eine "Überwindung der Vertrauenskrise" und stellte fest, dass "wir uns stark mit uns selbst beschäftigen". Zwar sagte er auch, dass er "gern initiativ" werde und "im Zweifel Entscheidungen herbeizuführen" bereit sei, aber das "Zuhören" sei ganz wichtig, und als Präses müsse man keineswegs "alle Fäden in der Hand haben" – abermals ein Demutssignal.

Einzig die dritte Kandidatin war forsch, aber das dürfte damit zusammenhängen, dass sie als chancenlos gilt. Ellen Ueberschär, 44, Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages, kommt nicht aus dem Rheinland, sondern aus der berlin-brandenburgischen Landeskirche und wuchs in der DDR auf, wo sie sich der Bürgerrechtsbewegung anschloss. Sie plädierte in Bad Neuenahr so kraftvoll wie gestenreich dafür, dass sich die Kirche beherzt "abstoßen" solle "von den Ufern der Volkskirche", dass man nicht so viel geben solle auf die Zukunftsprognosen der Statistiker, sondern darauf setzen solle, dass die Menschen "durch größtmögliche Übereinstimmung von Reden und Handeln" wieder zum Glauben bewegt werden könnten, nicht hingegen durch innerkirchlichen Reformstreit. "'Fürchtet euch nicht', möchte ich fast mit Jesus rufen", sagte Ueberschär. Doch die anschließenden Fragen der Synodalen an die Kandidatin verrieten, dass man lieber etwas über die Probleme der Rheinischen Landeskirche gehört hätte.

Eine rheinische Besonderheit

Was ist da los? Nun, das hatte bereits am Montag der scheidende Präses Schneider in seinem letzten Bericht deutlich werden lassen. In der Rheinischen Landeskirche ist man tief besorgt, dass die eigenen Strukturen nicht mehr zukunftsfest sein könnten. Anlass zu dieser Sorge gibt besonders der Finanzskandal um das kircheneigene Beihilfe- und Bezügezentrum (BZZ), das wegen katastrophaler Geldanlagen in dubiosen Investmentgeschäften in Schieflage geriet und nun von der Landeskirche mit Zuschüssen in zweistelliger Millionenhöhe gerettet werden muss.

Unumwunden gab Schneider zu, dass hier die innerkirchliche Kontrolle völlig versagt hatte. Damit aber gerät eine rheinische Besonderheit in den Blick, auf die man in dieser Landeskirche eigentlich besonders stolz ist, nämlich die sogenannte presbyterial-synodale Ordnung.

Aufgrund ihrer reformierten Prägung haben die Rheinländer keine strikte Trennung zwischen Synode ("Parlament") und Kirchenleitung ("Exekutive"), sondern vieles wird in permanenter Kommunikation zwischen verschiedensten Gremien entschieden. Das sichert Basisdemokratie, kann aber zu undurchschaubaren Verflechtungen und mithin Kontrollverlusten führen.

Zwar hat der Synode eine neutrale Reformkommission unter dem früheren Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt, Reinhard Höppner, eine Entflechtung der Strukturen vorgeschlagen, doch dies sehen viele als Anschlag auf ihre presbyterial-synodale Ordnung. Und weil sich zudem viele Amtsträger von den auch im Rheinland notwendigen Reformkonzepten der Kirchenspitze überfahren fühlen – zumal von einer neuen Finanzverfassung –, ist der Unmut groß.

2015 geht es um weit mehr

Was zur Folge hat, dass die oder der neue Präses sich vor allem mit innerkirchlicher Konsolidierung befassen muss. Das spricht für die beiden rheinischen Kandidaten Bosse-Huber und Rekowski, lässt aber erwarten, dass sich im Rheinland wiederholt, was zuvor schon in anderen Landeskirchen zu beobachten war. Man will erst einmal den eigenen Laden in Ordnung bringen und dort die Misshelligkeiten ausräumen, ehe man außerkirchliche und überregionale Ausstrahlung zu entwickeln versucht.

So ist es derzeit schon trotz großer Talente bei Bischof Ralf Meister in der Hannoverschen Landeskirche, bei den beiden viel gelobten leitenden Frauen in Westfalen und Mitteldeutschland, Annette Kurschus und Ilse Junkermann, sowie bei dem bayerischen Bischof Heinrich Bedford-Strohm. Sie alle müssen innerkirchlich konsolidieren.

Was natürlich zur Folge haben wird, dass es 2015 sehr schwierig werden könnte, wenn abermals ein Nachfolger für Nikolaus Schneider gesucht werden muss, nämlich im EKD-Ratsvorsitz. Da geht es um weit mehr als bloß ums innerkirchliche "Zuhören".

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