09.01.13

Katholische Kirche

Missbrauch – Operation Aufarbeitung gescheitert

Radikal sollten die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche aufgeklärt werden. Jetzt haben die Bischöfe eine Studie des Kriminologen Pfeiffer gestoppt. Beide Seiten schieben sich die Schuld zu.

Von Lucas Wiegelmann
Foto: picture alliance / dpa
Im Juli 2011 stellen der Kriminologe Christian Pfeiffer (l.) und der Missbrauchsbeauftragte der Bischöfe, Stephan Ackermann, die Zusammenarbeit vor. Nun ist sie beendet
Im Juli 2011 stellen der Kriminologe Christian Pfeiffer (l.) und der Missbrauchsbeauftragte der Bischöfe, Stephan Ackermann, die Zusammenarbeit vor. Nun ist sie beendet

Jeder wusste, dass es wehtun würde. "Eine schmerzhafte Operation" stehe der Kirche bevor, meinte der Kriminologe Christian Pfeiffer damals. Der Trierer Bischof Stephan Ackermann, in der Bischofskonferenz für Missbrauchsfragen zuständig, sprach von "einer schmerzhaften Zahl von Fällen". Und doch: Die Zuversicht schien zu überwiegen. Der gute Wille.

Die beiden Männer saßen nebeneinander in der Pressekonferenz in Bonn und versuchten der skeptischen Öffentlichkeit zu erklären, warum nun Schluss sei mit Vertuschung und Verschleppung. Warum der Missbrauchsskandal der katholischen Kirche jetzt auf denkbar beste Weise aufgearbeitet werde: Die Bistümer sollten ihre bis dahin geheimen Archive öffnen, und ein externes Expertenteam sollte die wichtigsten Fragen klären: Wie viele Übergriffe gab es? Wie konnten sie geschehen? Und wie verhielt sich die Kirche?

Er sei "wirklich froh", das kriminologische Forschungsprojekt vorstellen zu können, sagte Ackermann. Und Pfeiffer lobte, in keinem anderen Land habe sich die katholische Kirche zu einer so umfassenden Aufarbeitung von Missbrauch bereit erklärt.

Heute ist der Optimismus verflogen

Das war am 13. Juli 2011. Heute ist der Optimismus verflogen: Nach monatelangem Gezanke über das Wie und Wann haben die deutschen Bischöfe nun Pfeiffers Aufarbeitungsmission gestoppt. Der Verband der Diözesen Deutschlands (VDD) kündigte den Fördermittelvertrag mit Pfeiffers Kriminologischem Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN).

Begründung: Es bestehe kein Vertrauensverhältnis mehr. Man habe sich über Untersuchungsmethoden und Datenschutzfragen nicht einigen können. Die komplizierte Operation Aufklärung wurde abgebrochen. Was den Schmerz wieder einmal unnötig vergrößert.

Nun versuchen sich beide Seiten gegenseitig die Schuld für das Scheitern zu geben. Die Aufarbeitung der misslungenen Aufarbeitung hat begonnen. Naturgemäß haben die Bischöfe dabei die schlechteren Karten. Ihre Glaubwürdigkeit ist seit Bekanntwerden des Missbrauchsskandals beschädigt.

Es ist in der öffentlichen Wahrnehmung fast egal, was sie an Entschädigungen und Transparenzvorstößen leisten, sie werden sich stets dem Verdacht ausgesetzt sehen, in Wahrheit möglichst viel unter den Teppich kehren zu wollen.

"An Zensurwünschen der Kirche" gescheitert

Entsprechend verfänglich sind die Anschuldigungen, die der Kriminologe Pfeiffer nun erhebt: Seine Untersuchung sei "an Zensur- und Kontrollwünschen der Kirche" gescheitert sowie daran, "dass eine KFN-Anfrage, ob systematisch Akten von belasteten Priestern vernichtet worden sind, unbeantwortet geblieben ist".

Es habe "wachsende Widerstände" der Bistümer gegeben, die "mit der Freiheit wissenschaftlicher Forschung" nicht vereinbar gewesen seien. Pfeiffer erweckt damit den Eindruck, die Kirche habe die heikle Studie manipulieren wollen.

Kirchenvertreter erzählen natürlich eine ganze andere Geschichte. In dieser Erzählung erscheint Pfeiffer als der Schuldige, der die Verhandlungen über die genauen Projektmodalitäten immer wieder verschleppt haben soll. Bei dem man ständig habe befürchten müssen, dass er eigenmächtig Daten veröffentlicht. Und der sich nun auf Kosten der Bischöfe profilieren will.

"Jetzt beginnt er eine Schlammschlacht"

Pater Hans Langendörfer, Sekretär der Bischofskonferenz und VDD-Geschäftsführer, sagte im Gespräch mit der "Welt": "Das Verhältnis zu Herrn Professor Pfeiffer hat sich in den vergangenen Jahren zusehends verschlechtert. Anfangs hatten wir ein wechselseitig respektvolles Verhältnis. Jetzt beginnt er eine Schlammschlacht." Zensur und Kontrolle habe es nicht gegeben – nur "berechtigte Datenschutzinteressen der Betroffenen". Aussage gegen Aussage also.

Was für die Version der Kirchenseite spricht: Den Bischöfen schadet der Stopp der Untersuchung mehr als Pfeiffer, weil sie wieder als die Vertuscher dastehen. Diesen Imageschaden werden sie kaum leichtfertig in Kauf genommen haben.

Langendörfer jedenfalls sagt: "Wir wollten diese Untersuchung, und wir wollen sie immer noch." Daher werde jetzt ein neuer externer Forschungspartner gesucht, der die Arbeit fortsetzt.

Überblick über das Ausmaß des Skandals

Wer auch immer es am Ende wird, er wird sich orientieren müssen an den hehren Zielen, die 2011 verkündet wurden. "Wir wollen eine ehrliche Aufklärung", sagte Bischof Ackermann damals. "Die Opfer haben ein Recht darauf."

Pfeiffer wollte dazu Rechercheteams in neun ausgewählte Bistümer schicken (Rottenburg-Stuttgart, München, Mainz, Trier, Köln, Erfurt, Osnabrück, Hildesheim und Hamburg). Sie sollten dort kirchliche Personalakten der Jahre 1945 bis 2000 auf bisher unbekannte Missbrauchsfälle hin untersuchen. Die Ergebnisse sollten anonymisiert ans Institut weitergegeben und dort ausgewertet werden.

In den übrigen 18 deutschen Bistümern sollten nur die Akten der vergangenen zehn Jahre analysiert werden. Parallel wollte Pfeiffer Fragebögen an Betroffene verschicken und Tonbandinterviews mit Opfern und Tätern führen. Am Ende, so die Hoffnung der Kirche, hätte es zum ersten Mal einen Überblick über das Ausmaß des Skandals gegeben.

Vorhaben stelle Geistliche unter Generalverdacht

Aber es dauerte nicht lange, bis das Projekt ins Stocken geriet. Die Bischöfe versäumten es, ihren Priestern zu erklären, welche Akten unter welchen Datenschutzbestimmungen geöffnet werden sollen. Konservative Bündnisse wie das Netzwerk katholischer Priester kritisierten, das Forschungsvorhaben stelle Geistliche unter Generalverdacht. Bald war klar, dass Pfeiffers Mandat konkretisiert werden musste.

Seit Frühjahr 2012 verstrickten sich der Diözesen-Verband und Pfeiffer daher in langwierige Nachverhandlungen. Anwälte legten dicke Akten an, stritten um Veröffentlichungsrechte, Abgabefristen und den Wortlaut der Fragebögen. Parallel sickerten Gerüchte durch, die Bistümer Dresden, München und Regensburg seien wegen Datenschutzbedenken aus dem Projekt ausgestiegen. Was bei dem Forensiker Pfeiffer wiederum den Argwohn verstärkt haben soll, die Kirche könnte Angst vor der eigenen Courage haben und sei an ernsthafter Aufarbeitung doch nicht mehr interessiert.

Überflüssig zu sagen, dass über dem Hickhack die eigentliche Arbeit liegen geblieben ist. Die Untersuchung der Akten, die seit anderthalb Jahren hätte laufen sollen, hat noch gar nicht begonnen, von kleineren Stichproben abgesehen.

Schmerzhafte Operation steht an

Der Reformverein "Wir sind Kirche" wertete den vorläufigen Stopp nun denn auch als "katastrophales Zeichen". Der Vorsitzende Christian Weisner sagte, die Kirche wolle "sich nicht mehr in die Karten gucken lassen". Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) warnte die Bischöfe davor, die Aufklärung zu verschleppen.

"Die dramatischen Erschütterungen des Jahres 2010 dürfen nicht in einer halbherzigen Aufarbeitung versickern", sagte sie der "Süddeutschen Zeitung". Die Bischofskonferenz solle den Vorwurf der Zensur schnell aus der Welt schaffen.

Ob das gelingt, hängt vor allem von der Kooperation aller Bistümer ab. Bischofskonferenz-Sekretär Langendörfer sagte der "Welt", bisher wisse er von keinem Bischof, der aus dem Projekt aussteige. "Aber selbst wenn das einer tun sollte: Wenn einer ausschert, dann sind es eben nicht mehr 27, sondern meinetwegen 26 Bistümer. Das ist als Grundlage für eine empirische Forschungsarbeit immer noch hervorragend."

Offenbar zweifelt Langendörfer selbst, alle Bischöfe von der Fortsetzung des Projekts überzeugen zu können. Jedenfalls steht eine neue schmerzhafte Operation an.

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