09.01.13

Krebs

Antioxidantien fördern resistente Tumore

Antioxidantien werden gern als Wunderwaffen im Kampf auch gegen Krebs angepriesen. Nobelpreisträger James Watson widerspricht der Theorie: Seiner Meinung nach fördern die Substanzen das Krebswachstum.

Von Björn Lohmann
Foto: picture-alliance / gms

Ist von Antioxidantien die Rede, ist der Brokkoli nicht weit: Er soll besonders viel davon enthalten
Ist von Antioxidantien die Rede, ist der Brokkoli nicht weit: Er soll besonders viel davon enthalten

Antioxidationsmittel schützen nicht – wie bislang angenommen – vor Krebserkrankungen. Sie können sogar einen Tumor vergrößern, wenn der sich bereits in einem späten Stadium befindet und Metastasen gebildet hat. Diese neue Hypothese vertritt der Medizin-Nobelpreisträger und Entdecker der DNA-Struktur James "Jim" Watson im Fachjournal "Open Biology".

Eigentlich gelten Antioxidantien wie zum Beispiel Vitamin C und E als gesund, weil sie unerwünschte Reaktionen sogenannter Sauerstoffradikale verhindern, die die Zellalterung beschleunigen. Auf diese Sauerstoffradikale richtet Watson nun seinen Fokus in einer seiner "wichtigsten Arbeiten seit der Doppelhelix".

Nebenprodukt des Stoffwechsels

Bei den chemisch reaktionsfreudigen Teilchen handelt es sich um Moleküle, die unter anderem Sauerstoff enthalten. Sie entstehen in allen Zellen als Nebenprodukt des Stoffwechsels. Sauerstoffradikale sind für den gesunden Organismus schädlich, weil sie Proteine, Nukleinsäuren und Fettsäuren angreifen. Das beschleunigt Alterungsprozesse. Die meiste Zeit werden die Radikale deshalb von antioxidativen Substanzen des Körpers neutralisiert.

Sauerstoffradikale können allerdings auch nützlich sein. Sie werden gezielt vom Immunsystem erzeugt, weil sie ebenso schädigend auf Viren und Bakterien wirken. Vor allem aber sind sie am kontrollierten Zelltod beteiligt, wie Watson berichtet.

Der Biochemiker stellt die Hypothese auf, dass Strahlen- und die meisten Chemotherapien gegen Krebserkrankungen eine Gemeinsamkeit haben: Sie zerstören die Tumorzellen, indem sie direkt oder indirekt Sauerstoffradikale erzeugen. Diese lösen dann bei den Tumorzellen die Selbstzerstörung aus. Dieser Zusammenhang würde auch erklären, weshalb Tumore, die gegen Strahlentherapien resistent werden, meist auch nicht durch Chemotherapien zu behandeln sind – und umgekehrt.

Rege Aktivität der Teilung

Tumorzellen zeichnen sich durch eine rege Teilungsaktivität aus. Vermehren sich Zellen, ist die Konzentration von Antioxidationsmitteln besonders hoch. Schließlich muss die DNA vor Sauerstoffradikalen geschützt werden, während die Zelle ihr Erbgut für die Teilung verdoppelt. Zu lange sei ignoriert worden, dass teilungsfreudige Stammzellen weniger Sauerstoffradikale aufweisen als ihre spezialisierten Nachkommen, kritisiert Watson.

Der Biochemiker schließt daraus, dass antioxidative Substanzen die Zellteilung und damit das Krebswachstum begünstigen. In ihrem späten Stadium weisen Tumore besonders hohe Level an Antioxidantien auf. So würde sich erklären, weshalb Krebs in diesem Stadium praktisch nicht mehr auf Behandlungen anspricht.

Widerstandsfähige Krebszellen

Watson stützt seine Hypothese noch auf weitere Phänomene. Manche modernen Krebsmedikamente wirken ausschließlich in Kombination mit anderen Präparaten oder einer Bestrahlung. Watson legt in seiner Analyse dar, dass solche Medikamente die verfügbaren Sauerstoffradikale vermehren. Erst wenn diese zahlreich genug sind, um nicht von Antioxidantien neutralisiert zu werden, können sie in den Krebszellen den kontrollierten Zelltod initiieren, lautet die Erklärung des Nobelpreisträgers. Zudem hätten sich Krebszellen als besonders widerstandsfähig erwiesen, die große Mengen Antioxidantien aufwiesen.

Ausgehend von seiner neuen Hypothese warnt Watson: "Wenn wir keinen Weg finden, die Level der Antioxidationsmittel zu verringern, wird Krebs im späten Stadium in zehn Jahren so unheilbar sein wie heute."

Quelle: dapd
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  • Überlebenschancen

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