08.01.13

"Dr. Frankenstein"

Skandalarzt pfuschte an mehreren deutschen Kliniken

Er diagnostizierte schwerste Krankheiten, die die Patienten gar nicht hatten: Ein niederländischer Mediziner, der für seine Fehldiagnosen bekannt ist, praktizierte über Jahre in Deutschland.

Foto: dapd

Ein Arzt soll mehr als 20 Fällen Patienten fälschlicherweise unheilbare Krankheiten attestiert haben
Ein Arzt soll in mehr als 20 Fällen Patienten fälschlicherweise unheilbare Krankheiten attestiert haben

Die Staatsanwaltschaft hat Vorermittlungen gegen einen niederländischen Arzt eingeleitet, der über Jahre unentdeckt in Heilbronn (Baden-Württemberg) praktiziert hat. Man prüfe den Vorwurf der fahrlässigen Körperverletzung, bestätigte ein Sprecher der Behörde.

Eine Patientin hatte sich nach Angaben der SLK Kliniken an Behörden und Medien gewandt und von Komplikationen nach einer Behandlung durch den Arzt berichtet. Zwei Patienten meldeten sich bei den Heilbronner Kliniken.

Außerdem praktizierte der in den Niederlanden als "Dr. Frankenstein" bekannt gewordene Arzt für einige Monate am Klinikum Worms (Rheinland-Pfalz) und den Mittelweser Kliniken in Nienburg (Niedersachsen), berichteten die jeweiligen Geschäftsführer der Krankenhäuser.

Der Mediziner sei nicht fest angestellt gewesen, sondern habe als Honorararzt gearbeitet. Er sei monatsweise als Vertretung über eine Arztagentur gebucht worden. Als Assistenzarzt sei der Niederländer nie ohne Aufsicht gewesen.

"Kein Patient geschädigt"

Dem entlassenen Arzt werden in den Niederlanden Dutzende Fehldiagnosen wie Alzheimer, Multiple Sklerose und Parkinson sowie Untreue vorgeworfen.

Die Heilbronner Kliniken wollen alle Behandlungen, an denen er beteiligt war, von externen Gutachtern prüfen lassen. So solle sichergestellt werden, dass keinem Patienten Schaden entstanden ist. Erste Ergebnisse werden im Laufe der nächsten Woche erwartet.

Um wie viele Fälle es geht, ließ eine Sprecherin offen. Klinikchef Thomas Jendges hatte erklärt, in Heilbronn sei "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" kein Patient geschädigt worden.

Der Arzt, den niederländische Medien "Dr. Frankenstein" tauften, arbeitete an den deutschen Kliniken, obwohl er in den größten medizinischen Strafprozess in der Geschichte der Niederlande verwickelt ist. Dort soll er in mehr als 20 Fällen Patienten fälschlicherweise unheilbare Krankheiten attestiert haben.

Kein Grund, an Approbation zu zweifeln

In Heilbronn sucht man weiter nach Erklärungen. Nach ersten Erkenntnissen der Klinik hatte die Personalabteilung 2011 erstmals Gerüchte überprüft, nach denen der Arzt keine gültige Approbation habe. Der Mann habe allerdings eine gültige deutsche Approbation aus dem Jahr 2006 sowie eine gültige Facharzturkunde vorlegen können.

Die zuständige Bezirksregierung hat mitgeteilt, dass die Approbation aus Sicht der Behörde im Jahr 2006 wirksam erteilt worden ist. Der Mann habe eine amtliche deutsche Übersetzung der damals angeforderten Unbedenklichkeitsbescheinigung aus den Niederlanden vorgelegt. Es habe keinen Grund gegeben, an der Echtheit der Dokumente zu zweifeln.

Fälschlicherweise Alzheimer diagnostiziert

Bis jetzt hat die Bezirksregierung die Approbation weder zurückgenommen noch widerrufen noch ruhend gestellt. Aus Sicht der Behörde gibt es auch aktuell noch keinen Grund. Dies sei nur der Fall, wenn sich jetzt herausstellte, dass die damals vorgelegten Unterlagen gefälscht waren oder das Ermittlungsverfahren zu einem eindeutigen Ergebnis führen würde.

Der Mediziner soll Patienten fälschlicherweise Krankheiten wie Alzheimer, Multiple Sklerose und Parkinson attestiert haben. Ein Patient habe Selbstmord begangen, nachdem ihm fälschlicherweise Alzheimer attestiert worden war. Bei mindestens 13 Patienten sollen wegen der falschen Diagnosen unnötig Gehirnoperationen ausgeführt worden sein.

Politiker fordern schwarze Liste

Politiker in den Niederlanden fordern eine europäische schwarze Liste, um solche Fälle zu verhindern. Heilbronns Klinikchef Jendges forderte ebenfalls neue Richtlinien: Angesichts der Personalnot an Kliniken in Deutschland müssten immer öfter Ärzte aus anderen europäischen Ländern beschäftigt werden.

Der gesundheitspolitische Sprecher der Union, Jens Spahn, sagte der "Heilbronner Stimme": "Es sollte eine automatische, gegenseitige Information, etwa in Form eines zentralen Registers in Europa geben." So könnte verhindert werden, dass ein Arzt in einem Land praktiziert, wenn er woanders seine Behandlungserlaubnis verloren hat.

Quelle: dpa/jds
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