07.01.13

Transplantationen

Zahl der Organspenden dramatisch gesunken

Nach den Skandalen an deutschen Kliniken haben die Bürger Konsequenzen gezogen: 2012 konnten so wenige Lebern oder Nieren entnommen werden wie seit zehn Jahren nicht mehr.

Foto: dpa

In solchen Kühlboxen werden Spenderorgane zu bedürftigen Patienten gebracht. Weil aber an mehreren deutschen Transplantationszentren bei den Angaben zur Bedürftigkeit von Patienten manipuliert wurde, ist die Bereitschaft der Bürger zur Organspende dramatisch zurückgegangen
In solchen Kühlboxen werden Spenderorgane zu bedürftigen Patienten gebracht. Weil aber an mehreren deutschen Transplantationszentren bei den Angaben zur Bedürftigkeit von Patienten manipuliert wurde, ist die Bereitschaft der Bürger zur Organspende dramatisch zurückgegangen

Der Zusammenhang ist offenkundig: Die Skandale an deutschen Transplantationszentren haben dazu geführt, dass die Bereitschaft der Bürger zur Organspende drastisch zurückgegangen ist. "Am deutlichsten war der Rückgang im Verlauf des zweiten Halbjahres 2012 nach Bekanntwerden der Manipulationen in drei Transplantationszentren", schreibt die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) in einer Mitteilung zur Organspende-Statistik des Jahres 2012.

Besonders also ab Herbst vergangenen Jahres, nachdem Schummeleien in den Transplantationszentren von Göttingen, Regensburg und München an Licht gekommen waren, sahen die Bürger nicht mehr ein, Lebern oder Nieren für das offenkundig marode Verteilungssystem zu spenden.

Einen "dramatischen Tiefstand" muss die DSO daher jetzt für das vergangene Jahr registrieren. Die Zahl der Organspenden erreichte den niedrigsten Stand seit 2002. Konnten 2011 noch bei 1200 Menschen nach dem Tod Organe entnommen werden, so war dies 2012 nur bei 1046 Verstorbenen möglich. Die Zahl der entnommenen Organe ging von 3917 auf 3508 zurück.

Ohne Wirkung ist damit die im Herbst in Kraft getretene Gesetzesänderung geblieben, mit der die Deutschen eigentlich zu mehr Spenden hatten animiert werden sollen. In Deutschland gilt jetzt eine Entscheidungslösung, bei der Bürger regelmäßig von den Krankenkassen aufgefordert werden sollen, sich zu ihrer Spendebereitschaft zu äußern. Zwar können die Bürger die Briefe der Kassen, die bereits teilweise verschickt werden, auch ignorieren oder ablehnend beantworten. Doch klar ist – was auch von Politikern immer wieder betont wurde –, dass die Bürger durch das neue Verfahren positiver gestimmt werden sollen.

Ablehnung wächst

Aber diese positive Grundhaltung will sich einfach nicht einstellen. Erst am Wochenende veröffentlichte die "Bild"-Zeitung das Ergebnis einer Emnid-Umfrage, wonach mittlerweile 37 Prozent der Befragten es ablehnen, nach dem Tod Organe zu spenden. Im August 2011 hatten nur 34 Prozent Nein gesagt. Entsprechend ging seither die Zahl derer, die zur Spende bereit sind, von 61 auf 59 Prozent zurück.

Noch alarmierender ist, dass 71 Prozent der Bundesbürger überzeugt sind, dass Wohlhabende und Prominente bei der Organvergabe bevorzugt werden.

Skandale an mindestens vier Kliniken

Anhaltspunkte für solche Vermutungen hatten es in den letzten Monaten zuhauf gegeben. In Göttingen, Regensburg, München und zuletzt auch in Leipzig wurden zahlreiche Fälle bekannt, bei den Krankenakten so manipuliert wurden, dass Patienten kränker wirkten, als sie eigentlich waren.

Allein in Leipzig wurde mindestens 38 Patienten, die auf eine Spenderleber warteten, auch ein Nierenleiden attestiert, sodass die Kranken als besonders bedürftig erschienen. Damit rutschten sie auf den Wartelisten für die knappen Organe weiter nach oben und bekamen die Lebern früher, als ihnen zustand. Bundesweit auffällig ist überdies, dass bei einigen Organen Privatpatienten leicht überproportional öfter ein Spenderorgan bekommen haben als Kassenpatienten.

Keine grundlegende Reform

Doch trotz dieser Probleme ist das Organvergabesystem nicht grundlegend reformiert worden. Zwar einigten sich die Verbände der Ärzte, Kliniken und Kassen im vergangenen Herbst darauf, strengere und häufigere Kontrollen durchzuführen und an jedem einzelnen Transplantationsvorgang mehrere Ärzte zu beteiligen.

Doch das Prinzip der Selbstverwaltung selbst wurde beibehalten, obwohl in der Union genauso wie bei SPD und Grünen gefordert wurde, einer neutralen Instanz und eventuell dem Staat die Aufsicht zu übertragen. Aber Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) hält am Prinzip der Selbstverwaltung fest. "Deutschland hat die strengsten Regeln, so dass Organe ausschließlich nach medizinischen Kriterien vergeben werden dürfen. Und das ist gut so!", sagte Bahr der "Bild"-Zeitung am Montag.

Grüne fordern neutrale Kontrollinstanz

Für die Grünen jedoch ist der jetzt bekannt gewordene Rückgang der Spenderzahlen ein neuerlicher Grund, grundlegende Reformen zu fordern. Das verlorene Vertrauen lasse sich nur "durch absolute Offenheit" zurückgewinnen, sagte die Grünen-Bundestagsabgeordnete Elisabet Scharfenberg der Berliner Morgenpost. Mit bloß "kosmetischen Änderungen, wie die Bundesregierung sie vorschlägt", werde das nicht gelingen.

Scharfenberg erneuerte die Forderung der grünen Bundestagsfraktion, "die Koordination von Organtransplantationen und die Aufsicht über die beteiligten Einrichtungen in die Hände einer juristischen Person öffentlichen Rechts zu überführen". Zudem sei es nötig, "die Zahl der Transplantationszentren wirkungsvoller zu bemessen und gegebenenfalls zu reduzieren".

Dies fordert auch die Deutsche Stiftung Patientenschutz. Denn wenn es weniger als die bisher 24 Zentren gäbe, wären die verbliebenen besser ausgelastet, sodass kein Anreiz mehr bestände, durch Manipulationen an den Krankenakten für ausreichende Transplantationszahlen am einzelnen Zentrum zu sorgen.

Patientenschützer für staatliche Aufsicht

Der Vorstand der Stiftung, Eugen Brysch, verlangte überdies explizit eine staatliche Aufsicht. "Die Verteilung der Spenderorgane und die Aufsicht über das Transplantationssystem müssen in staatlicher Verantwortung liegen´", sagte Brysch der Berliner Morgenpost und fügte in Anspielung auf den FDP-Gesundheitsminister Daniel Bahr hinzu: "In ethischen Fragen darf es keinen falsch verstandenen Liberalismus geben."

Außerdem, so Brysch weiter, müsse auch auf die wachsende Verunsicherung darüber eingegangen werden, wann eigentlich Patienten wirklich tot sind und eine Organentnahme statthaft ist. Daher müsse auch "die Festlegung der Hirntodkriterien" in staatliche Verantwortung gelegt werden.

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