07.01.13

Stuttgarts neuer OB

Kuhn sollte die "ökologische Brechstange" meiden

Fritz Kuhn tritt sein Amt als Stuttgarter Oberbürgermeister an. Der Grüne wird seinen Politikstil überprüfen müssen. Auch seinen favorisierten Fußballverein sollte er wechseln.

Foto: dapd

Fritz Kuhn will auch als Stuttgarter OB grüne Politik machen
Fritz Kuhn will auch als Stuttgarter OB grüne Politik machen. Mit seinem langjährigen Parteigefährten Winfried Kretschmann verbindet ihn eher Respekt denn Freundschaft

Fritz Kuhn ist ein Waschlappen. Das hat er mit Silvio Berlusconi gemein, und natürlich mit Christian Wulff. Der Düsseldorfer Künstler Holger Kurt Jäger hat einigen Erfolg damit, bekannte Zeitgenossen mit Ölfarbe auf Frotteeläppchen zu pinseln und sie auf Wäscheständer zu hängen. Dass er das mit Fritz Kuhn tat, noch bevor der Grüne den Thron des Stuttgarter Rathauses bestiegen hat, will einiges heißen.

Fritz Kuhn ist wieder obenauf. Dabei hatte dem einstigen Strippenzieher der Macht in Berlin gerade der endgültige Karriereknick gedroht. Vom Bundes- und Fraktionsvorsitz war der 57-Jährige auf Fraktionsvizeniveau abgesackt. Jetzt ist Kuhn wieder ein Gesicht der Zeit, ein grüner Hoffnungsträger in Flauschformat sozusagen.

Es gab sogar bereits Spekulationen, dass er Ambitionen auf das Ministerpräsidentenamt habe. Das zumindest stimmt angeblich nicht: Er wolle den OB-Job in Stuttgart machen, sagte Kuhn, "und sonst nichts".

Wichtige Rolle im Bundestagswahlkampf

Am Montag bekommt der Sohn einer schwäbischen Beamtenfamilie, der unversehens zum Vorzeige-Grünen neben Ministerpräsident Winfried Kretschmann wurde, also den Stuttgarter Rathausschlüssel.

Er wird nicht nur der erste grüne Oberbürgermeister einer Landeshauptstadt und für acht Jahre Verwaltungschef von Deutschlands sechstgrößter Stadt.

Mit seinem langjährigen Parteigefährten Kretschmann, mit dem ihn eher Respekt denn Freundschaft verbindet, soll Kuhn auch eine wichtige Rolle im Bundestagswahlkampf spielen.

Spektakulärer Doppelschlag aus Baden-Württemberg

Parteichef Cem Özdemir will das Erfolgsduo als Zugpferd einspannen; den Schwung, den der spektakuläre Doppelschlag aus Baden-Württemberg – erst Landesregierung, dann Landeshauptstadt – bescherte, soll unbedingt in den Wahlkampf hinübergerettet werden.

Schon 2009 hatten die Südwest-Grünen knapp 14 Prozent der Zweitstimmen geholt, deutlich mehr als bundesweit (10,7 Prozent). Diesmal müsste dank "K und K" noch mehr drin sein.

Der baden-württembergische Landeslisten-Zweite Özdemir scherzte kürzlich sogar, Schwäbisch und Badisch würden in der nächsten Legislaturperiode hoffentlich zweite und dritte Amtssprache im Bundestag. Zumindest Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) fand das offenbar nicht wirklich witzig.

Gegen den Ruf als Wirtschaftsschreck geackert

Die bundesweite Aufmerksamkeit wird dem "Durch-und-Durch-Realo" (Renate Künast über Kuhn) den Start in Stuttgart allerdings nicht leicht machen. Kretschmann hat es beim Amtsantritt in der Welthauptstadt des Automobils erlebt, wie schnell man durch eine unbedachte Äußerung in eine schwierige Lage schlittern kann.

Ihm war 2011 seine für einen Grünen wenig überraschende Aussage vor die Füße gefallen, weniger Autos seien besser als mehr. Die Industrie reagierte mit Entsetzen, und der Regierungschef musste viel reden und ackern, um nicht von Beginn an den Ruf als Wirtschaftsschreck wegzuhaben.

Fritz Kuhn, von dem die Losung "mit grünen Ideen schwarze Zahlen schreiben" stammt, will nun ebenfalls das Auto angehen. Um die Feinstaubbelastung im Talkessel zu senken, will er freie Parkplätze in der City komplett streichen, dafür Radwege und den öffentlichen Nahverkehr ausbauen. Auch ein Porsche-Fahrer könne mal Bus fahren, meint der neue OB lapidar. Doch davon abgesehen, dass der Nahverkehr im nächsten Jahrzehnt empfindlich durch die Stuttgart-21-Baustelle gestört wird: Sogar der Grüne Rezzo Schlauch, 1996 fast selbst Oberbürgermeister, warnt hier vor zu viel Überschwang.

Die Stuttgarter hätten ihr lieb gewonnenes Auto stets mit Zähnen und Klauen verteidigt. Es sei daher angeraten, "die ökologische Brechstange" zu vermeiden. Allerdings könne das Kuhn gelingen. Er sei ein "brillanter Verhandler".

Harald Schmidt – "Wir fahren Porsche, aber langsam"

TV-Kabarettist Harald Schmidt dagegen, der die wertkonservativen Grünen im Ländle für eine "CDU mit Olivenöl" hält, schätzt die Erfolgsaussichten geringer ein: "Die Grünen stehen für niedrigere CO2-Werte und höhere Altbaudecken. In Stuttgart und Baden-Württemberg heißt das konkret: Wir fahren Porsche, aber langsam."

Auch bei Stuttgart 21 wird künftig jedes Wort von Kuhn auf die Waage gelegt. "Für Planungsfehler der Bahn werden wir keinen Cent bezahlen: Mir gäbet nix", hatte Kuhn kurz nach seiner Wahl dem "Spiegel" gesagt.

Zugleich kündigte er einen weiteren Bürgerentscheid an, sollte die Bahn weitere Forderungen stellen. Doch mit solch einem Versprechen hatte sich einst schon Kuhns Vorgänger Wolfgang Schuster (CDU) ein Ei ins Nest gelegt. Denn der versprochene Bürgerentscheid wäre rechtlich gar nicht zulässig gewesen, Schuster verzichtete daher darauf. Fortan wurde er von Stuttgart-21-Gegnern mit Hass und Beschimpfungen überschüttet.

"Der Fritz hat den Macho immer nur gespielt"

Versprochen hat Kuhn auch einen neuen Politik- und Gesprächsstil im Rathaus, etwa, um die verschiedenen Bereiche besser miteinander zu vernetzen. Doch als Kommunikator und Moderator vor dem Herrn gilt Kuhn nicht gerade. Der einstige Chefstratege und Fraktionsvorsitzende ist es gewohnt, ungerührt vorauszumarschieren und Kritiker auch mal zurückzulassen.

Fraktionschefin Renate Künast handelte sich auf der Verabschiedungsfeier von Kuhn in Berlin auf jeden Fall lautstarken Protest aus den Reihen anwesender Frauen ein, als sie sagte: "Der Fritz hat den Macho immer nur gespielt." Kuhns Entschuldigung sei aber oft gewesen: "Ich bin eigentlich ganz anders, aber ich komme nie dazu."

Eines auf jeden Fall wird der neue OB besonders dringend ändern müssen: seine Vorliebe im Fußball. Fan des FC Bayern zu sein, das kann er sich künftig nicht mehr erlauben.

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