05.01.13

Jahrgang 1913

Wie Tante Else Hitler und die Stasi überlebte

Tante Else wurde 1913 geboren. Die 100-Jährige hat zwei Diktaturen getrotzt und ist sich immer treu geblieben. Auf der Strecke blieben Verwandte. Die "Welt" erzählt ihre berührende Geschichte.

Von Ulrich Exner
Foto: Martin U. K. Lengemann

2013: Tante Else mit dem Autor Ulrich Exner, ihrem Neffen, in Potsdam
2013: Tante Else mit ihrem Neffen, dem Autor Ulrich Exner, in Potsdam

Sie steht in der Tür, klein, noch kürzer geworden, als sie es früher schon war. Wie das so ist, wenn man bald ein ganzes Jahrhundert auf dem Buckel hat. Mit zwei Weltkriegen und zwei Diktaturen. Mit einer Ehe, die nach kaum eineinhalb Jahren beendet war, als die Feldpost plötzlich ausblieb. Nach einer Flucht durch die Kälte mit einem dreijährigen Sohn. Nach Teilung und Wiedervereinigung. Tod und Teufel. Hitler und Honecker. Aber Tante Else sagt nur: "Komm' rein, es gibt Kekse."

Sie bereitet mit viel Ruhe einen Kaffee zu, eilt dann mit flinken, nur ein bisschen krummen Schritten durch ihre kleine Wohnung, die sie vor ein paar Jahren bezogen hat. Zwei Zimmer, das größere mit einer Einbauküche rechts um die Ecke, bequemen Sesseln und einer Stehlampe, an der gerade die Glühlampen ausgetauscht werden müssen. "Da kannst du mir nachher helfen." Aber jetzt fangen wir erst mal an, 100 Jahre brauchen schließlich ihre Zeit.

Im November 1913, ein Jahr bevor es richtig losgeht mit Europas politischen Katastrophen, ist die Lage in Deutschland noch einigermaßen entspannt. In München wird gerade Büchners "Woyzeck" uraufgeführt. Kaiser Wilhelm II. erlegt bei einer Jagd im Südosten Berlins gleich "zehn Schaufler und zehn Sauen" auf einmal. Ein paar Tage später verbietet er seinen Offizieren, in Uniform Tango zu tanzen. Bayerns König Otto I wird offiziell für verrückt erklärt. Man kann solche Sachen gerade gut nachlesen in Florian Illies' neuem Buch "1913".

In diesem Herbst wurde Tante Else geboren

Nur dass Illies natürlich nicht wissen konnte, dass in diesem trüben Spätherbst außer Marikka Rökk und Burt Lancaster auch Tante Else geboren wurde – als Tochter eines Bahnmeisters und einer Schneiderin in Rauscha/Niederschlesien, einer Gegend, in der sich Fuchs und Hase bis heute "gute Nacht" beziehungsweise "dobranoc" sagen.

Es geht den Menschen nicht eben glänzend hier unten, zwischen Weißwasser und Bunzlau, acht Kilometer östlich der Neiße. Als die Mutter, die als Schneidermeisterin auch Hochzeitskleider für die höher gestellten Damen anpasst, abends mit ihrem Töchterlein nach Hause kommt, fragt der Vater hungrig: "Haste mir auch 'ne Schnitte mitgebracht?"

Das ist Tante Elses allererste Lebens-Erinnerung. Der Vater, der erst in Rauscha, dann im benachbarten Freiwaldau Bahnstation und Gleise pflegt, hofft darauf, dass Frau und Tochter noch ein Stück Brot ergattern konnten. Die beiden Brüder kommen zur Welt, das macht die Sache auch nicht leichter.

Die Inflation sorgt bald dafür, dass die Familie mit Neid zu den Nachbarn schaut, wo der Mann bei der Post arbeitet. Die Post zahlt das Gehalt einen Monat im Voraus, die Bahn erst am Monatsende. "Da hatte unser Geld dann schon einen Großteil seines Werts verloren." Erzählt Tante Else, die ein wenig hadert mit den Beschränkungen, die die Wirtschaftskrise mit sich brachte. Früher war alles besser: Das ist jedenfalls nicht das Fazit ihrer kurzen Jugendzeit.

Sanssouci liegt gleich um die Ecke

Gleich um die Ecke von Tante Elses Senioren-Wohnung liegt der Park von Sanssouci, in dem sie manchmal noch spazieren geht. Auch Potsdams Brandenburger Straße ist nicht weit entfernt. Dort erledigt sie ihre Einkäufe. Deren Rhythmus richtet sich nach der Anzahl der Mini-Baguettes, die sie gerade frisch bei "Kaiser's" bekommt, zu Hause sorgsam in Scheiben schneidet, schließlich in ihr kleines Tiefkühlfach stopft und dann nach und nach verzehrt. Nur zum Mittagessen geht sie in den Speiseraum ihrer Wohnanlage. "Ich habe ja früher auch immer alles selbst gemacht."

Nach der Schule in Freiwaldau hat sie 1929 eine Lehrstelle beim Rentmeister eines Guts im schlesischen Obergläsersdorf angetreten. Als der Lehrherr wenig später stirbt, übernimmt Tante Else die Kasse und wird Gutssekretärin. Sie managt Einkauf, Verkauf, Personal. Inzwischen übernehmen die Nazis das Land. Aber was merkt man davon schon hier unten in der Niederlausitz?

Wenn es nach Tante Else geht: wenig. "Es gab ja kein Fernsehen, kein Radio, nichts." Wer Zeitung las oder die "Wochenschau" im Kino sah, der habe damals auch nur Gutes erfahren aus Berlin. Nur die beiden Tanten, die gelegentlich aus der Hauptstadt zu Besuch kamen, standen den Nazis skeptisch gegenüber: "Ihr hier draußen habt doch keine Ahnung, was wirklich los ist." Stimmte ja, sagt Tante Else, "wir hatten damals doch wirklich keine Ahnung."

"Die Leute hatten wieder Arbeit"

Es sei den Menschen im Niederschlesien der 30er-Jahre doch besser gegangen als je zuvor. "Die Leute hatten wieder Arbeit; es gab Gausportfeste und Obergausportfeste. Ich konnte sogar in den Urlaub fahren." Mit "Kraft durch Freude" ging es erst zur Loreley nach Kaub am Rhein. Wenig später kam sogar ein zweiter Urlaub hinzu. Eine "KDF"-Tour ins Salzkammergut, da habe es ihr wirklich sehr gut gefallen.

Andererseits: 1939, als die eigene Mutter, die inzwischen in Marienburg bei Danzig lebte, als entsetzte Augenzeugin über die willkürliche Zerstörung der dortigen Synagoge berichtete, habe sie dann schon einmal gestutzt. Wenig später stand dann die Nachbarin vor der Tür. Sie rief: "Fräulein Else, wir haben Krieg!"

Tante Else, das muss man an dieser Stelle mal feststellen, hat keinen Hang zur Schönfärberei, bis heute nicht. Sie redet klar und fest und schnell. So, wie sie es sagt, so meint sie es auch. Keine Hintergedanken, kein Ausweichen. Wenn sie eine Frage nicht beantworten kann, was nur selten vorkommt, sagt sie schlicht: "Das weiß ich nicht mehr."

Sie versucht auch nicht, aus ihrer ziemlich überzeugten Mitmacher-Familie ein Widerstandsnest zu machen. Ehemann Walter aus dem benachbarten Lüben, den sie 1940 geheiratet hat, sei sogar schon vor 1933 in die Partei eingetreten. Ihr Vater dann noch 1938, zu einem Zeitpunkt, an dem manche schon wieder den Kopf geschüttelt hätten über diesen Schritt. Die Großmutter sei sogar eine 150-prozentige gewesen, die Goebbels Reden Wort für Wort nach- und manchmal laut vorlas.

Else fühlt sich wohl bei den NS-Frauen

Tante Else selbst fühlte sich auch ziemlich wohl in der NS-Frauenschaft. Eine Leitungsposition, die ihr angetragen wurde, habe sie zwar abgelehnt, aber sie sei schon bemüht gewesen, dass die Familie endlich mal teilnahm an den obligatorischen Pflichtveranstaltungen der Nazis. Dass man einen guten Eindruck machte, nicht aneckte, das war Tante Else schon wichtig damals. Man konnte ja nie wissen.

"Also ich persönlich", sagt Tante Else schließlich, schaut kurz Richtung Fenster und nestelt dann doch ein bisschen verdruckst an den Kniffen ihrer akkurat gebügelten Tischdecke. "kann über Hitler gar nichts Schlechtes sagen. Aber er war ja wohl wahnsinnig." Sie steht jetzt kurz auf, das sieht ganz mühelos aus.

Der Kaffee ist mittlerweile durchgelaufen. Sie schenkt dem Gast eine Tasse ein. "Etwas Milch?" Dazu das aktuelle ärztliche Bulletin, das natürlich nicht fehlen darf in diesem Alter, und eine Klage über das viele Kopfsteinpflaster hier auf Potsdams breiten Fußwegen. Die seien eine Strafe für Menschen, die mit einem Rollator unterwegs sind.

Vor ein paar Jahren, als Elses nicht mehr ganz taufrische Knochen in Arm und Schulter mit ein paar Nägeln zusammengehalten werden mussten, was den beteiligten Ärzten nicht wirklich gut gelungen ist, hat sie eine Pflegestufe beantragt. Sie konnte den Arm nicht mehr heben und, vom Waschen bis zum sich Hinlegen, ging vieles ging nicht mehr so leicht von der Hand.

Das Amt hat ihr die Pflegestufe verweigert

Als der medizinische Dienst dann kam zu einer Art offizieller Inspektion dieser damals Über-90-Jährigen, empfing Tante Else die Herrschaften so frisch gewaschen und gebügelt, dass das Amt ihr die Pflegestufe glatt verweigerte. "Na", sagt Tante Else dazu und schenkt etwas Kaffee nach, "eigentlich will ich so was ja auch gar nicht."

Fünf Monate nach der Geburt des ersten und einzigen Sohnes wird Elses Ehemann Walter zur Front eingezogen. Es ist Januar 1942, und in Moskau hat Stalin nach gewonnener Schlacht um die Hauptstadt zur großen Gegenoffensive geblasen. Aus Hitlers Angriffskrieg ist ein verzweifelter Rückzug geworden.

Hunderttausende deutsche Soldaten waren in diesem Winter schon an der Ostfront gefallen, und Walter hatte sich schlicht geschämt, ein weiteres Mal einen Antrag zu stellen, um aus kriegswichtigen Gründen vom Dienst an der Front verschont zu werden.

Die Autolackiererei der Familie hatte Wehrmachtsfahrzeuge mit Tarnlackierung gestrichen. "Er hätte sich noch einmal zurückstellen lassen können," sagt Tante Else, bis heute tapfer, "aber das war ihm einfach zu peinlich. Zu Hause zu sein, hinterm Herd, während alle anderen Männer in Russland ihre Köpfe hinhielten, das wollte er nicht mehr."

Fronturlaub im Sommer 1942

Zwei Mal ist Elses Ehemann nach seiner Einberufung noch zu Hause gewesen. Drei Wochen Fronturlaub im Sommer des Jahres 1942, zwei Wochen dann noch einmal im Oktober 1943. Zum Abschied verspricht er seiner Frau: "Wenn der Krieg zu Ende ist, dann bauen wir uns ein Haus."

Am 17. August 1944 erreicht Tante Else eine letzte Feldpost, inzwischen nicht mehr in Russland aufgegeben, sondern in Rumänien, wo Walter mit seiner 320. Infanterie-Division die Dnjestr-Front halten soll. Ein Päckchen, darin ein Brief und, wie immer, ein bisschen Schokolade für den Sohn. Dazu ein paar beruhigende Worte für die Frau: "Wir leben hier wie im tiefsten Frieden."

Im Jahre 1969, ein Vierteljahrhundert nach diesem letzten Lebenszeichen, hat Tante Else einen Bescheid vom Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes bekommen. Darin heißt es: "(…) führen uns zu dem Schluss, dass Walter M. mit hoher Wahrscheinlichkeit zwischen dem 20. August und den ersten Septembertagen 1944 in Rumänien oder in der ersten Zeit der Gefangenschaft den Tod gefunden hat."

Es folgt eine Schilderung der Überlegenheit der 27. Sowjetarmee und, immer noch im Sound der Kriegswochenschauen, ein Schlachtbericht über die "Operation Jassy-Kischinew", bei der die 6. deutsche Armee von den Russen eingekesselt und innerhalb weniger Tage in Grund und Boden geschossen wurde.

Ein halbes Jahr später verliert Tante Else auch ihre Heimat.

Die Erinnerungen an ihren Mann sind frisch

Sie sitzt jetzt sehr aufrecht in ihrem kleinen Sessel, schaut nach unten, als sei da doch noch irgendetwas übrig geblieben aus der alten Zeit. Die Ungerechtigkeit aber, die Tante Else empfindet, wenn sie sich an den Verlust ihres Mannes erinnert, die bleibt auch nach 68 Jahren frisch, immer gut für eine Träne, die dann doch nicht kommt. Wir schrauben jetzt erst mal zwei neue Glühbirnen in ihre Fassungen. Es wird ja schon früh dunkel.

"Ich bleibe hier keinen Tag mehr." Nicht nach dieser Januarnacht des Jahres 1945. In der die Schüsse und das Artilleriefeuer immer näher gekommen waren. In der Else kein Auge zugedrückt hat aus lauter Angst, um ihren inzwischen dreijährigen Sohn. Und jetzt, so erzählen es die Nachbarn, will die Wehrmacht auch noch die Brücken über Oder und Neiße sprengen, um den Vormarsch der Russen zu stoppen. Damit wäre auch der letzte Fluchtweg in den Westen abgeschnitten.

Also hat sie ihren Koffer gepackt, den Kinder-Sportwagen dazu. Sie hat ihren Sohn genommen und sich nach Liegnitz zum Bahnhof fahren lassen. Dort sollen ja noch Züge Richtung Westen fahren. Als endlich einer kommt, sind die Waggons völlig überfüllt. Else, in ihrer Verzweiflung, hebt den Sohn durch ein Fenster in eines der mittleren Abteile, aus dem ein Soldat eine helfende Hand reicht. Sie selbst rennt dann von einem Waggon zum nächsten, sie will schließlich auch mit. Alle Einstiegsplattformen sind von Menschen verstopft. Es ist zum Verzweifeln. Else läuft noch einmal den Bahnsteig entlang. Wolfgang, der kleiner Sohn, im Zug. Die Mutter draußen. War das nicht schon das Signal zur Abfahrt?

Jetzt steht sie wieder vor dem Abteil, in dem ihr Sohn verschwunden ist. Durch das geöffnete Fenster an den Armen ziehend versucht der Soldat, der Mutter doch noch hinein zu helfen. Vom Bahnsteig aus schieben zusätzlich Schwiegermutter und Schwägerin, die eigentlich nur zum Abschied winken wollten. Kopfüber gelangt Tante Else schließlich durch das Fenster in den Waggon, der sie Richtung Westen bringen soll. Es ist kein Slapstick, es ist bitterer Ernst. Dann fährt der Zug ab.

Viel später ist sie zurückgekehrt

Viel später erst, als Rentnerin in den 80er-Jahren, ist Tante Else noch einmal zurückgekehrt in ihre schlesische Heimat. Das Haus in Lüben, in dem sie mit Walter ein paar wenige, aber sehr glückliche Monate verbracht hat, die kleine Bahnstation in Freiwaldau, an der sie mit ihrer Mutter, der Schneiderin, Fahrkarten verkaufte, das Geburtshaus in Rauscha, für das sie nach großem bürokratischen Aufwand eine kleine Entschädigung vom Ausgleichsamt erhalten hat. Die Akten mit den unzähligen, akribisch ausgefüllten Formularen stehen noch vollzählig im Schrank.

Der Winter 1945 ist eiskalt. Nach einigen durchfrorenen Nächten erhalten die schließlich in Zittau angekommenen Flüchtlinge den Befehl, weiter zu ziehen. Der Feind sei im Anmarsch. Also schlägt sich Tante Else in Richtung Berlin durch. Ihr jüngster Bruder ist dort, unweit Potsdams, nach einer Kriegsverletzung als Ausbilder stationiert. Er besorgt der Schwester und ihrem Sohn trotz aller Kriegswirren eine Unterkunft.

Aber das soll es dann auch schon wieder gewesen sein mit dem kleinen Glück im großen Unglück. Im April 1945 sterben Elses Vater und der zweite Bruder bei Bombenangriffen. Ein paar Tage danach kapituliert Deutschland. Der Krieg ist zu Ende.

Tante Else war nur mit dem Interzonenzug erreichbar

Früher konnte man von Hannover nur mit dem Interzonenzug zu Tante Else fahren. Über Helmstedt und Marienborn, wo die Volkspolizisten die Reisenden mit strengen Mienen lange musterten.

Und über den heutigen Bahnhof Potsdam-Pirschheide, der weit außerhalb der Stadt liegt und der damals trotzdem "Hauptbahnhof" hieß, weil alle Fernzüge um West-Berlin herumgeleitet wurden. Wenn man dann ausstieg, roch es, wie es in der DDR nun mal roch, wenn man aus dem Westen kam.

Dieter E. Zimmer hat in einem "Nachruf" auf diesen Duft die These aufgestellt, dass es das allseits angewandte "Fein-Desinfektionsmittel" Wofasept aus Bitterfeld gewesen sei, dass diesen Geruch ausgemacht hat. Aber so ganz sicher ist das nicht. Tante Else hat, wie alle DDR-Bürger damals, jedenfalls nichts gerochen. Nur die Kola, die es bei ihr manchmal gab, die schmeckte zugegebenermaßen scheußlich.

Andererseits: Die Brötchen waren klasse, viel besser als im Westen. Das kleine Kaufhaus, das unterhalb von Tante Elses damaliger Wohnung lag, hatte zwar keine große Auswahl. Aber immerhin gab es Modelleisenbahn-Teile der Spur H0. Die Reise lohnte sich also auf jeden Fall.

Schiss vor der Stasi

Nur Rudi ist lange Jahre nicht mitgekommen nach Potsdam. Elses jüngster Bruder, der den Krieg als einziger erwachsener Mann ihrer Familie überlebt und zunächst ein paar Jahre für seine Mutter, für Tante Else und deren Sohn gesorgt hatte. Rudi, sagt Tante Else, habe schlicht "Schiss" gehabt, dass die Stasi ihn am Ende doch noch kriegte.

Ihr kleiner Bruder sei Anfang der 50er-Jahre von der Stasi angesprochen worden. Er habe damals bei der "Vereinigung Volkseigener Erfassungs- und Aufkaufbetriebe für landwirtschaftliche Erzeugnisse" gearbeitet, im DDR-üblichen Abkürzungsdeutsch kurz und knapp VVEAB genannt. Mit Hilfe dieser Organisation sollten im gerade gegründeten "Arbeiter- und Bauernstaat" nicht nur Erfassung und Aufkauf landwirtschaftlicher Produkte neu strukturiert werden.

Die VVEAB, so hieß es in der DDR-eigenen Geschichtsschreibung, "stand auch vor der Aufgabe, den noch bestehenden kapitalistischen Landhandel Zug um Zug auszuschalten und gleichzeitig politisch-erzieherisch auf die Bauern einzuwirken, damit sie ihrer Ablieferungspflicht gegenüber dem Staat pünktlich, gewissenhaft und vorbehaltlos nachkamen". Man muss sich also nicht lange wundern, dass die Stasi in diesem Betrieb die Nase vorn hatte.

Vier Wochen, sagt Else, habe ihr Bruder das Spiel mitgespielt. "Was sollte er auch anderes machen?" Er hat einen Stasi-Decknamen bekommen – "Löwe" – und ist dann auch noch einmal ordentlich eingenordet worden von der zuständigen Dienststelle der Staatssicherheit in Babelsberg. Wenn er nicht spure, so sei Rudi bedeutet worden, dürfe er sicher sein, dass sich auch gegen ihn etwas finden werde.

"Ich will nicht zum Schweinehund werden"

Als Rudi von diesem "Einführungs-Gespräch" wieder nach Hause kommt, weiß er, was zu tun ist. Mit den Worten "Ich will nicht zum Schweinehund werden" verabschiedet er sich und setzt sich in die damals noch regulär zwischen den Sektoren verkehrende S-Bahn nach West-Berlin. Die Flucht des Bruders gelingt, aber die Stasi hat jetzt ein Auge auf Tante Else.

Als sie Jahre später einen Verwandtenbesuch im Westen beantragt, wird der zunächst abschlägig beschieden. Begründung: Die "Republikflucht" des Bruders. "Und Republikflucht", sagt der für die Bearbeitung der Reiseanträge zuständige Potsdamer Parteigenosse, "verjährt nie". Also blieb Rudi lieber in Hannover.

Tante Else wäre nicht Tante Else, wenn sie es nicht trotzdem geschafft hätte, den West-Verwandten und damit natürlich auch ihrem in dem Reiseantrag nicht erwähnten Bruder einen Besuch abzustatten. Sie hat einfach noch einen Anlauf unternommen und dann noch einen. Sie ist nicht nur gesundheitlich ausgestattet mit einer ordentlichen Portion Zähigkeit.

Tante Else kommt vergleichsweise gut durch in der DDR. Ihren Arbeitsplatz hat sie kurz nach dem Mauerbau gewechselt. Von der ebenfalls stasi-geprägten Pädagogischen Hochschule zur Produktionsgenossenschaft "Funk und Fernsehen" des Handwerks, wo sie von 1962 bis zur Rente im Jahr 1980 gearbeitet und ein wenig mit dafür gesorgt hat, dass aus Potsdam kein zweites "Tal der Ahnungslosen" wurde.

Westfernsehen ist strafrechtlich verboten

Seit 1961 waren alle Funk- und Fernsehhandwerker der DDR gehalten, bei fälligen Fernsehreparaturen in privaten Haushalten "den Westen", also den Empfang westdeutscher Fernsehsender ermöglichenden TV-Kanäle, auszubauen.

Auf "freiwilliger Basis" der Kundschaft natürlich, wie es in einer Direktive des Zentralkomitees der SED aus dem Jahr 1961 hieß. Allerdings, dieser Zusatz durfte nicht fehlen: "Organisiertes Westfernsehen und die Verbreitung westlicher Nachrichten" seien "strafrechtlich zu verfolgen".

Tante Else und ihre Handwerker haben "den Westen" trotzdem nicht ausgebaut. Man wahrte stattdessen die Form, beteiligte sich an den üblichen Aufmärschen zum 1. Mai und durfte zur Belohnung Urlaub machen in der Hohen Tatra oder am Schwarzen Meer. Man arrangierte sich mal wieder. Der kleinen Wut zum Trotz, die der DDR-Alltag mit seinen ewigen Beschränkungen und Unzulänglichkeiten, mit seinem organisierten Misstrauen und der miserablen Grundversorgung. Kein Telefon, kein frisches Obst. "Manchmal", sagt Tante Else, "bekam man nicht einmal eine Zwiebel, wenn man sie brauchte."

Über solche Kleinigkeiten, sagt sie, habe sie sich sehr geärgert in der DDR. Gerade in jenen Jahren, in denen sie als Rentnerin wieder regelmäßig in den Westen reisen konnte. Sehen konnte, "was die hatten, und was wir alles nicht hatten". 1980, Tante Else ist jetzt Rentnerin, zieht sie aus diesem Alltags-Ärger ihre Konsequenz.

Else stellt einen Ausreise-Antrag

Sie stellt einen Ausreise-Antrag, dem am 1. Oktober "gemäß § 10 des Gesetzes vom 20. Februar 1967 über die Staatsbürgerschaft der Deutschen Demokratischen Republik aus der Staatsbürgerschaft der Deutschen Demokratischen Republik" vom Rat des Bezirks Potsdam stattgegeben. Das sei kein großes Problem gewesen für eine Rentnerin, berichtet Else. "Die waren ja froh, wenn sie uns los waren." Die Rente zahlte dann die BRD.

Tante Else hat viele Menschen verloren im Laufe ihres Lebens. Um so hartnäckiger kämpft sie jetzt um diejenigen, die ihr geblieben sind. Da ihrem Sohn Wolfgang und seiner Familie der Nachzug in den Westen von den DDR-Behörden verweigert wird, setzt sie von West-Berlin aus die einschlägigen Hebel in Bewegung. Else wendet sich unter anderen an den auf derartige Fälle spezialisierten Anwalt Wolfgang Vogel. Sie erhält zunächst keine Antwort.

Es ist ja immer recht still in so einer Senioren-Wohnung, wenn nicht gerade der Fernseher läuft, und in diesem Moment ist es besonders still. Der Straßenverkehr draußen hat sich inzwischen beruhigt und Tante Else, für große Gefühlen nicht zu haben, lässt jetzt für einen Moment so etwas wie Stolz spüren. "Im dritten Anlauf nämlich", erzählt sie nach kleiner Kunstpause, habe sie es mit der Hilfe einer Bekannten, die den Anwalt Vogel persönlich kannte, dann doch geschafft.

Elses Sohn, dessen Frau und Kind, Elses Enkelin, bekamen binnen vier Wochen die offizielle Ausreisegenehmigung.

Kurz darauf fällt die Mauer.

Ein kleines Glück nach diesem Jahrhundert

Man kann jetzt, es ist ja spät geworden am Park von Sanssouci, noch ein paar Fotos angucken in Tante Elses sorgfältig zusammengestellten Alben. Die alten Bilder, die Else mit ihrem Mann Walter zeigen; ein paar sogar mit ihrem gemeinsamen Sohn, der den Vater nie kennengelernt hat.

Die alte Bahnstation in Freiwaldau, das Gut in Obergläsersdorf. Den Bruder Hermann, der so begabt gewesen sei, dass er in Königsberg studieren durfte. Und den dann die letzte Bombe quasi doch noch erwischt hat. Und Bruder Rudi, der der Stasi entwischte und der jetzt auch schon mehr als elf Jahre tot ist.

Andere, die neuen, farbigen Bilder im digitalen Wechsel-Rahmen zeigen zwei blonde, meist lachende Kinder. Elses Urenkel. Sie leben gar nicht weit weg von hier.

In einer halben Stunde ist man da. Über die Berliner Straße mit ihren renovierten Häusern rechts und links, dann über die Glienicker Brücke, einfach rüber nach Berlin-Zehlendorf. Als wäre nichts gewesen. Gerade Weihnachten war Tante Else wieder da. Nach alledem. Nach diesem Jahrhundert. Doch noch ein kleines Glück.

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