04.01.13

SPD in Niedersachsen

Und dann kommt auch noch Wahlkämpfer Steinbrück

Die SPD ist zuversichtlich, die Niedersachsen-Wahl zu gewinnen. Allerdings hat es Kandidat Weil nicht einfach. Denn Steinbrück ist an seiner Seite und steht zur Klage über das Kanzlergehalt.

Von Daniel Friedrich Sturm
Foto: Getty Images
Steinbrueck Campaigns For SPD In Lower Saxony
Gemeinsamer Wahlkampf in Niedersachsen: Spitzenkandidat Stephan Weil (l.) und Kanzlerkandidat Peer Steinbrück

Stephan Weil ist ein freundlicher Mensch, der es versteht, gute Stimmung zu verbreiten. So etwas beherrschen Oberbürgermeister. Jeden Tag begegnen sie ihren Bürgern, und Sozialdemokrat Weil führt seit gut sechs Jahren die Geschicke Hannovers. Und doch schwingt ein wenig Trotz in seiner Stimme mit an diesem Freitagabend in Emden, wo die SPD die heiße Phase ihres niedersächsischen Landtagswahlkampfes eröffnet.

"Wir stehen ganz dicht vor dem Sieg", ruft Weil den gut 1000 Anhängern in der Nordseehalle zu: "Der Politikwechsel ist zum Greifen nahe." Von einer "rot-grünen Landesregierung" spricht Weil siegesgewiss, gut zwei Wochen vor der Landtagswahl am 20. Januar.

Seit Monaten sehen Umfragen eine rot-grüne Mehrheit im künftigen Niedersächsischen Landtag. Sollte diese Stimmung auf den letzten Metern kippen, etwa da die CDU-Kampagne zugunsten von Leihstimmen für die FDP verfängt?

Oder weil viele SPD-Sympathisanten daheimbleiben im Ärger über deren Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück, der kürzlich über das karge Gehalt des deutschen Bundeskanzlers klagte? "Nahezu jeder Sparkassendirektor in Nordrhein-Westfalen verdient mehr als die Kanzlerin", hatte Steinbrück verkündet.

Heikler Wahlkampf mit Steinbrück

Ein wenig heikel ist es jedenfalls schon für den SPD-Spitzenmann Weil, Wahlkampf ausgerechnet an der Seite von Peer Steinbrück zu machen. Am Freitag in Emden tut er das. Gut sozialdemokratisch geht es los, und am Ende des Tages unterhält Steinbrück mit den Sprüchen, für die er bekannt ist.

Am Nachmittag besuchen Weil und Steinbrück die insolventen Siag-Nordseewerke. Das traditionsreiche Unternehmen baut Stahlrohre für Windkraftanlagen.

Weil und Steinbrück tragen grüne Helme. "Irgendjemand hat die Regie, und ich bin pflegeleicht", sagt Steinbrück, er meint damit die Werksführung. An Ironie hat es ihm noch nie gemangelt, dem Mann, der in knapp neun Monaten Kanzler werden will.

Nach den Stahlplatten und Schweißrändern erkundigt sich der Kandidat. Die Botschaft: Mir geht es um die Sache. Um Niedersachsen, um Arbeitsplätze, um Windenergie. In einem großen Tross zieht man durch die Werkshalle.

Fragen zum Kanzlergehalt

Die Reporter indes interessieren sich nicht nur für die Zukunft der Windenergie. Sie fragen Steinbrück nach seinen Äußerungen zum geringen Kanzlergehalt.

"Politiker müssen das aussprechen, was sie denken", verteidigt Steinbrück seine Aussagen, über die so viele eigene Leute die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen haben: "Ansonsten habe ich zu diesem Thema alles gesagt."

Stephan Weil versucht sogleich, den parteiinternen Ärger über Steinbrück öffentlich zu relativieren. "Ich fühle mich von Peer Steinbrück unterstützt im Wahlkampf", sagt Weil. Das klingt brav, und doch lässt der Spitzenkandidat mit einem Nachsatz seinen Ärger – sehr dosiert – erkennen.

Die Debatte über Steinbrücks Äußerungen werde im Bund geführt, "sie geht am Land erkennbar vorbei", sagt Weil, und fügt sogleich hinzu: "Das finde ich gut." Auf gut Deutsch soll das wohl heißen: Bleibt mir bloß weg mit dieser unseligen Diskussion.

Vorsichtige Formulierungen

Längst hat die SPD einen Machtwechsel von Schwarz-Gelb zu Rot-Grün in Hannover eingepreist. Alle SPD-Spitzenleute treten in den kommenden zwei Wochen auf zwischen Nordsee und Harz, mehrfach auch Ex-Kanzler Gerhard Schröder, dessen Ehefrau Doris Schröder-Köpf für den Landtag kandidiert.

Der sonst so forsche Steinbrück aber formuliert die Aussichten der SPD für seine Verhältnisse vorsichtig. Ein Wahlsieg "könnte Rückenwind geben", sagt der Mann, der den Konjunktiv sonst meidet.

Die Chancen dazu seien "gut". Gewiss, ein Sieg von SPD und Grünen würde den angeschlagenen Kandidaten Steinbrück stabilisieren. Doch was passiert, wenn es dazu nicht kommt? Einen Plan B hat man in der SPD-Spitze nicht.

Ohne Manuskript

Niedersächsisch legt Steinbrück seine abendliche Wahlkampfrede an. Mit Bussen sind die Genossen gekommen, aus Leer und Aurich und Emden. Viele sprechen Plattdeutsch. Steinbrück redet ohne Manuskript, er meidet das Rednerpult, in der rechten Hand das Mikrofon, die linke Hand in der Hosentasche.

"Eventuell mache ich auch Bemerkungen, die ich anschließend wieder einfangen muss", kündigt er an. Das ist auf die Kanzlergehaltsdebatte gemünzt, Ironie der Marke Steinbrück. Er wettert gegen die CDU/FDP-Landesregierung, Studiengebühren, er fordert eine bessere Kinderbetreuung und mehr Offshore-Windenergie, mehr Steuern, den Mindestlohn. Das ganze sozialdemokratische Programm.

Er lobt Stephan Weil, und nennt einen Sieg in Niedersachsen eine "hervorragende Startrampe" für seinen Wahlkampf im Bund. Immer wieder gibt es Beifall im Saal. Die Treuen der Treuen der SPD in ihrer Hochburg Ostfriesland stehen zum Kanzlerkandidaten. Dass der von solch binnengeprägten Kundgebungen samt "Frontalunterricht" nichts hält, wenigstens das reibt Steinbrück ihnen heute nicht unter die Nase.

Attacke gegen McAllister

Spitzenkandidat Weil attackiert Ministerpräsident David McAllister (CDU). "Bräsig ohne Ende" seien er und sein Kabinett, das nichts etwa gegen den Bevölkerungsrückgang im Lande unternehme. "Diese Landesregierung muss einfach weg!" ruft Weil, und das ziemlich betagte Publikum in der Nordseehalle applaudiert.

An Ostfriesland wird der Machtwechsel nicht scheitern. "Am 20. Januar geht es um viel. Die Wahl ist weit über unser Land von Bedeutung", sagt er. Das kann man wohl sagen. Wird Weil Ministerpräsident, dann wäre er ein strahlender Held. Misslingt es ihm, wäre er ein trauriger Verlierer.

Abends im Hotel wirken Weil und Steinbrück gelöst. Sie frotzeln. Weil wartet auf ein Bier, "unterhopft" fühle er sich, sagt er. Als die Kellnerin gleich zehn Gläser Bier herbeiträgt, ruft Weil: "Das Tablett ist meins!" Steinbrück kontert: "Angeber!"

Dann wird der Kanzlerkandidat gefragt, was er denn trinken möge. "Einen Pinot Grigio" bestellt er, blickt in die Gesichter um sich herum, und sogleich lacht und prustet er. Neulich doch erst hatte Steinbrück von sich reden gemacht, da war von ihm verkündet worden, er "kaufe keine Flasche Pinot Grigio unter fünf Euro". Nun wird ihm berichtet, eben, in der Nordseehalle, habe ein Glas Wein genau fünf Euro gekostet.

"Das nennt man: Vorgaben setzen!", kommentiert Steinbrück die teure Verkostung. Kurz darauf erscheint die Kellnerin mit dem Hinweis, ihr Haus führe keinen Pinot Grigio. Doch da nippt Steinbrück schon längst an einem Pils, durchaus vergnügt.

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