04.01.13

Prophezeiungen

Was man über andere Menschen denkt, wird wahr

Das psychologische Prinzip der selbsterfüllenden Prophezeiung besagt, dass Annahmen über Menschen sich meist bewahrheiten. Denn unser Verhalten richtet sich nach den Erwartungen aus.

Von Fanny Jiménez
Foto: picture alliance / dpa

Hält man einen Schüler für talentiert, behandelt man ihn anders, als wenn man ihn für unfähig hält. Besonders anfällig für selbsterfüllende Prophezeiungen sind Stereotype, also Annahmen über Menschen aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer Herkunft. Auch diese können sich allein deshalb bewahrheiten, weil man die Menschen ihrer Identität wegen dann anders behandelt.
Hält man einen Schüler für talentiert, behandelt man ihn anders, als wenn man ihn für unfähig hält. Besonders anfällig für selbsterfüllende Prophezeiungen sind Stereotype, also Annahmen über Menschen aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer Herkunft. Auch diese können sich allein deshalb bewahrheiten, weil man die Menschen ihrer Identität wegen dann anders behandelt.

Wenn in einem Märchen ein Müllerssohn auftaucht, ist er meist ein armer Schlucker und nicht der Schlaueste. Aber da es ein Märchen ist, hat der Gute oft unverschämtes Glück. Auch beim grimmschen Märchen des gestiefelten Katers ist das so.

Der Müllerssohn erbt von seinem Vater nur einen Kater – der aber ist ein Meister der Manipulation. Er suggeriert dem König des Landes, der Müllersohn sei ein Graf mit großen Ländereien samt Schloss.

Auch wenn die Brüder Grimm noch nichts vom Prinzip der sich selbst erfüllenden Prophezeiung gewusst haben können, ist das Märchen ein schönes Beispiel dafür, wie stark Erwartungen das Verhalten von Menschen beeinflussen können.

Der König selbst ist es nämlich, der den Müllerssohn zu einem Grafen macht – weil er ihn für einen hält. Er schenkt ihm edle und einem Grafen gebührende Kleider, als die seinen angeblich gestohlen wurden.

Prophezeiungen, die sich selbst erfüllen

In der Psychologie ist die sich selbst erfüllende Prophezeiung inzwischen eine Instanz, denn sie betrifft jeden. Das klassische wissenschaftliche Experiment dazu führte der amerikanische Psychologe Robert Rosenthal mit seiner Kollegin Leonore Jacobson 1965 durch.

Er täuschte Lehrern an Grundschulen vor, bei 20 Prozent der Schüler nach einem IQ-Test enormes Entwicklungspotenzial festgestellt zu haben. Tatsächlich zog er die Namen dieser Kinder aber völlig willkürlich. Ein Jahr später führte er erneut eine Messung des Intelligenzquotienten durch.

Das Ergebnis: Fast die Hälfte der zuvor zufällig nominierten Kinder steigerten ihren IQ um 20 Punkte; ein Fünftel gar um 30 Punkte oder noch mehr. Ein beeindruckender Unterschied – vor allem, weil es besonders die vormals schlechteren Schüler waren, die sich so drastisch verbesserten.

Die Lehrer behandelten sie aufgrund ihrer Annahme schlichtweg anders: Sie bemühten sich mehr um sie, waren geduldiger und gaben mehr positives Feedback. Weitere Studien bestätigten den ersten Fund: Erwartungen an andere oder sich selbst bewahrheiten sich mit der Zeit, weil sich das Verhalten unwillkürlich nach ihnen ausrichtet.

Starke Effekte - in beide Richtungen

Diese Effekte können mitunter sehr stark sein, wie kürzlich eine Studie von Robert Gramling von der Universität Rochester im US-Bundesstaat New York zeigen konnte.

Männer, die glaubten, ein geringes Risiko für Herzinfarkte zu haben, erlitten in der Folge tatsächlich dreimal seltener Herzinfarkte als andere – und zwar ganz unabhängig davon, ob sie tatsächlich genetisch bedingt ein hohes oder niedriges Risiko hatten.

Doch die sich selbst erfüllende Prophezeiung funktioniert auch in die andere Richtung, was problematisch sein kann. Deshalb sind klinische Studien heute meist "doppelblind".

Weder der Studienleiter noch die Probanden wissen dabei, welcher der Teilnehmer die wirkliche Behandlung, und welcher ein Placebo bekommt. Nur so kann die Erwartung aller Beteiligten das Studienergebnis nicht in die eine oder andere Richtung beeinflussen.

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