02.01.13

Tibet

Feuertod als letzte Form des Protests

Viele Tibeter sehen die Selbstverbrennung als einzigen Weg, um gegen die Repressionen Pekings zu protestieren. Seit 2009 haben sich bereits 100 Tibeter für den verzweifelten Feuertod entschieden.

Von Johnny Erling
Foto: AFP
Der Exil-Tibeter Jamphel Yeshi zündete sich im März im indischen Neu Delhi an. Die überwiegende Zahl der Selbstverbrennungen findet aber in Tibet selbst statt
Der Exil-Tibeter Jamphel Yeshi zündete sich im März im indischen Neu Delhi an. Die überwiegende Zahl der Selbstverbrennungen findet aber in Tibet selbst statt

Ein Urlaub war das nicht. Gemeinsam reisten die weltberühmte, in Peking lebende tibetische Bloggerin Tsering Woeser und ihr als kritischer Autor bekannter chinesischer Mann Wang Lixiong durch Tibet. Ganz unerwartet hatten sie von den Behörden die Erlaubnis zu dieser Reise bekommen – trotz der bestürzenden Serie von Selbstverbrennungen, die junge Tibeter sich selbst antun. Eine neue Protestform gegen Chinas Herrschaft.

Schon die Hinfahrt nach Tibet zeigte Woeser und ihrem Mann, das etwas nicht stimmt. Auf den traditionellen Pilgerpfaden nach Lhasa herrschte zwar reger Verkehr, Gruppen von Radfahrern drängten sich aneinander vorbei. Woeser fiel aber schnell auf, dass zwischen den jungen Urlaubern keine tibetischen Pilger zu sehen waren.

Sie entdeckte keinen der tieffrommen Gläubigen, die sich sonst im traditionellen Pilgergang auf dem langen Weg zu den Klöstern und Heiligtümern von Lhasa vorkämpfen. "Nur Chinesen, fast keine Tibeter waren unterwegs", sagt Woeser.

Chinas Behörden wollten sie los sein

Zwischen August und Anfang Dezember fuhren sie und ihr Mann zweimal nach Lhasa. Zuerst mit dem Auto, Woeser fuhr später noch einmal allein mit der Bahn. Diese Reisen verdankte das couragierte Ehepaar indirekt dem 18. Parteitag. Chinas Behörden wollten sie, wie viele andere Bürgerrechtler, los werden, bevor das unter extremen Sicherheitsvorkehrungen stehende Parteitreffen der KP Chinas im vergangenen November einberufen wurde.

"Verreist", so lautete die polizeiliche Empfehlung. Sonst hätten sie die Zeit in Peking unter Hausarrest verbringen müssen. Gemeinsam mit Freunden brachen sie zu acht Personen auf. Von Xining aus mussten sie mit ihren beiden Wagen insgesamt 15 Straßensperren überwinden.

Später las Woeser in der Tageszeitung "Xizang Ribao", dass Tibets Sicherheitsbehörden 680 Kontrollstationen errichtet hatten, um alle ankommenden Tibeter, die Passierscheine für eine Reise nach Lhasa besitzen müssen, kontrollieren zu können. Allein in Lhasa gebe es 136 Kontrollpunkte, die fast alle nur tibetische Wohnviertel überwachen.

Hermetische Überwachung des Kerngebiets

Am Rand des Pekinger Parteitags gestanden der Vorsitzende des tibetischen Volkskongresses, Xiangba Puncog, und Lhasas Parteichef, dass sie das tibetische Kerngebiet hermetisch überwachen lassen, um alle aus den Nachbarprovinzen anreisenden Tibeter zu erfassen.

In der Hauptstadt sei zudem ein Netzwerk von "Rettungsteams" stationiert worden, um jede Protestverbrennung, ganz gleich, wo sie passiert, innerhalb von zwei Minuten mit Löschtrupps zu erreichen. Puncog bekräftigte auf Nachfrage der "Welt", dass Tibet sein Einreiseverbot für Pekinger Korrespondenten aufrechterhält. "Wir wollen keine Besucher, die nur nach Problemen Ausschau halten."

Chinas Vertrauenskrise in Tibet scheint sich seit den Unruhen 2008 immer nur weiter zu verschärfen, je härter die Behörden vorgehen. Bloggerin Woeser spricht von absurden Kontrollen und getrennten Abfertigungen am Bahnhof nur für Tibeter. "Han-Chinesen werden nicht durchsucht." Die Atmosphäre sei auch durch andere Vorfälle angespannt.

Selbstverbrenner als Helden angesehen

Von 2010 an hätte die Regierung in Lhasa allen tibetischen Bürgern, die über 60 Jahre alt sind, erlaubt, sich einen Pass ausstellen zu lassen. Rund 8000 bis 9000 Rentner, darunter viele pensionierte Funktionäre, pilgerten nach Indien zum Exilsitz Dharamsala, um Gebeten und Vorträgen des Dalai Lama zu lauschen. Als sie zurückkamen, wurden sie von den Behörden zu wochenlangen "Studiensitzungen" in Schulungscamps gezwungen. Ihre Ausweise wurden eingezogen.

Im vergangenen Februar hatte Woeser in ihren Blogeinträgen ihre Landsleute noch dazu aufgerufen, auf radikale Aktionen wie die Opferung des eigenen Lebens zu verzichten. Gegenüber der "Welt" sagt sie nun, dass ihre Briefe kein Gehör fanden. Überrascht sei sie, wie viele Tibeter die Selbstverbrenner als Helden ansehen.

Woeser führt inzwischen Buch über die Selbstverbrennungen: "Ich habe 97 Fälle von Februar 2009 bis heute aufgeschrieben. Mit weiteren drei Selbstverbrennungen in Indien und Nepal sind es heute 100 Tibeter, die diese erschütternde Form des Protestes wählten, 83 sollen an ihren schweren Verletzungen gestorben sein."

"Alles fotografieren und weiterleiten"

Obwohl viele von ihnen bei ihren Verzweiflungsprotesten nach der Rückkehr des Dalai Lama rufen, wenden sie sich vor der Tat weder an diesen noch an das Ausland. Nur ein einziger hätte in seinem Abschiedsbrief geschrieben, er hoffe, auch die Menschen in der ganzen Welt aufzurütteln, so Woeser.

Sehr viele Tibeter verfügten über Mobiltelefone und leiteten Nachrichten und Fotos untereinander weiter. Tibeter sagten ihr, sie würden – anders als 2008, als die Regierung alle Nachrichten manipulierte – "jetzt alles fotografieren und weiterleiten, damit alle erfahren, was passiert."

Woesers Mann Wang Lixiong hat die Motive von 27 Tibetern erforscht, die nach ihren Selbstverbrennungen Briefe hinterließen. Sie deuteten darauf hin, dass es individuelle Protesttaten sind und hinter ihnen nicht, wie Peking glauben machen will, "Anstiftung durch den Dalai Lama oder die Exilregierung" steckt. Eher sei das Gegenteil der Fall.

Viele Tibeter hätten vor 2008 große Hoffnungen in die Verhandlungen des Dalai Lama mit der Zentralregierung gesetzt. Peking hätte in ihren Augen die sechs Jahre dauernden Gespräche aber nur als reines Hinhaltemanöver geführt, um die Weltmeinung für seine Olympischen Spiele einzunehmen.

"Das waren nicht nur Verzweiflungstaten"

Im März 2008 hätten 100 Mönche in Lhasa das Heft in ihre Hand genommen, weil sie glaubten, dass der Dalai Lama selbst nichts bewirken könne. Zum Gedenktag des Aufstands von 1959 und fünf Monate vor den Sommerspielen demonstrierten sie zuerst friedlich.

Als später Unruhen entstanden, ließ China sie mit überwältigender Macht niederschlagen. Als Lehre aus dem Scheitern würden sich nun radikale Einzelaktionen als neue Form des Protestes herausbilden. Jedes mal, wenn einer stirbt, löse sein Tod vor Ort immer offenere Trauer aus, sagt Woeser. In Qinghai versammelten sich nach der jüngsten Selbstverbrennung 4000 Tibeter.

Auffallend sei auch, wie viele Tibeter sich zum Termin des Parteitags 2012 verbrannten. 28 Tibeter übergossen sich allein im November mit Benzin und zündeten sich an. "Das waren nicht nur Verzweiflungstaten. Es sind auch Protestsignale an Pekings neue Führung, in Tibet etwas zu tun", sagt Wang Lixiong.

Chinas Nerven liegen blank

Peking aber reagiert nur mit schärferer Verfolgung und droht Helfern von Selbstverbrennungen mit Anklage wegen "Beihilfe zum Mord". Bislang sollen 100 Tibeter festgenommen worden sein. Unter anderem der 40 Jahre alte Mönch Lorang Konchok aus dem Kloster Kirti in Sichuan, der mit seinem 31 Jahre alten Neffen verhaftet wurde.

Beiden wird vorgeworfen, seit 2009 acht Personen, angeblich im Auftrag der Exiltibeter um den Dalai Lama, überredet zu haben, sich selbst anzuzünden.

Chinas Nerven liegen blank. Das bekam auch Brüssel zu spüren. Sechs Wochen, nachdem sich die UN-Menschenrechtsbeauftragte Navi Pillay wegen der Selbstverbrennungen alarmiert an Peking wandte, meldete sich die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton zu Wort.

Aufforderung zum Dialog mit Tibetern

Mitte Dezember forderte sie Chinas Führung zum Dialog mit den Tibetern auf, um sich mit den "tief sitzenden Ursachen der Frustration" auseinanderzusetzen und sicherzustellen, dass alle ihre Rechte respektiert werden. Diplomaten und ausländische Journalisten müssten freien Zugang zu tibetischen Gebieten bekommen, forderte sie.

Ashton appellierte zugleich auch an die Tibeter, mit "extremen Formen des Protests" aufzuhören und rief mit Blick auf den Dalai Lama die "religiösen Führer" auf, "ihren Einfluss zu nutzen, um mitzuhelfen, den tragischen Verlust von Menschenleben zu stoppen".

Chinas Regierung erteilte allen Appellen brüske Abfuhren und protestierte in Brüssel und bei der EU-Botschaft in Peking. Sie meldete ihr "scharfes Missfallen und entschiedenen Widerstand" gegenüber dieser "groben Einmischung in innere Angelegenheiten".

Die Aufforderung zum Dialog, die Peking bei Konflikten anderswo stets wohlfeil über die Lippen geht, gilt im eigenen Land nichts. Erst recht nicht, wenn es um Tibet geht.

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