01.01.13

Satirischer Ausblick

Was 2013 aus Berlin, der ARD und Nacktludern wird

Welche Polit-Talkshow wird abgesetzt? Hat das Phänomen des deutschen "Nacktluders" noch Zukunft? Und wann eröffnet der Hauptstadtflughafen? Ein böser Blick in das noch junge Jahr 2013.

Foto: dpa (2)

Merkel, Steinbrück, Berlusconi. Jauch, Ponader, BER. Sirtaki, französischer Wein und natürlich „Nacktluder“ Micaela Schäfer – sind das die Bilder des Jahres 2013?
Merkel, Steinbrück, Berlusconi. Jauch, Ponader, BER. Sirtaki, französischer Wein und natürlich "Nacktluder" Micaela Schäfer – sind das die Bilder des Jahres 2013?

Das neue Jahr hat begonnen. Nachdem der Weltuntergang 2012 wieder einmal glimpflich ausgegangen ist, gilt das alte Motto: Die wahre Apokalypse ist der Fortgang der Dinge. Die Berliner Morgenpost beantwortet die entscheidenden Fragen für 2013.

Wann wird der neue Berliner Flughafen BER "Willy Brandt" eröffnet?

Keinesfalls in diesem Jahr. 2014? 2015? Irgendwann vor der Eröffnung von Elbphilharmonie und Stuttgart 21? Klaus Wowereit, "peinlichster Berliner" und unbeliebter als Mario "King Kong" Balotelli nach dem 2:0 für Italien, bleibt dabei: "Nachhaltigkeit geht vor Schnelligkeit!"

Als Forderungen laut werden, Tempelhof wieder zu eröffnen, erinnert der Regierende Bürgermeister plötzlich an New York: "Die Amis haben ja auch drei Flughäfen, sag ich jetzt mal. So." Claudia Roths Idee, als Zwischennutzung ein multikulturelles Kommunikationszentrum für abgelehnte Asylbewerber einzurichten, findet kein Gehör.

Nur die Autonome Flüchtlingsselbsthilfe Neukölln protestiert gegen den "grünen Zynismus": "Unglaublich. Migranten brauchen also keine funktionierende Brandschutzanlage?!"

Wie viele Studien wird die OECD veröffentlichen, in denen Deutschland auffallend schlecht abschneidet?

Inzwischen ist es Tradition: Ominöse "Studien" der OECD attestieren dem wirtschaftlich erfolgreichsten Land Europas regelmäßig massive Defizite – bei sozialer Gerechtigkeit und der Gleichberechtigung von Frauen, bei Schule, Bildung und Umwelt, Energieversorgung, Lebensqualität und Menschenrechten. Mit Mühe rangiert Deutschland dabei vor Bulgarien, Malta und Zypern.

Auch 2013 stürzen sich die Medien auf die Hiobsbotschaften aus Paris, wo der seit 2006 amtierende OECD-Generalsekretär José Angel Gurria residiert. Er war viele Jahre Finanz- und Außenminister Mexikos – jenes Landes, in dem der Drogenkrieg zwischen 2006 und 2012 über 50.000 Todesopfer gefordert hat.

Klar, dass die nächste OECD-Studie zum "Fortschritt der Zivilgesellschaft" die Bundesregierung wegen mangelnder Erfolge im Bereich des sozialen Dialogs mit Langzeitarbeitslosen in Sachsen-Anhalt scharf rügen wird. Wenn es einmal keine OECD-Studie gibt, springt der "Paritätische Wohlfahrtsverband" ein und enthüllt, das "Armutsrisiko" in Deutschland sei auf "Rekordhöhe" gestiegen. Burkina Faso ist nichts dagegen.

Was macht eigentlich Peer Steinbrück?

Nach der Enthüllung des "Flensburger Tageblatts", schon als Student der Universität Kiel habe er fünf D-Mark dafür kassiert, dass sein Nebenmann beim schriftlichen Examen zum Thema "Grundlagen der Geldtheorie" abschreiben durfte, wird eine Krisensitzung des SPD-Wahlkampfteams einberufen.

"Mann, hört das denn nie auf?!" stöhnt Andrea Nahles. Nachdem Peer Steinbrück sich mit dem Hinweis auf die Dialektik von Theorie und Praxis entschuldigt hat, meldet sich der letzte Marxist der SPD zu Wort und verweist auf Friedrich Engels, der auch ein erfolgreicher Kaufmann gewesen war.

Sigmar Gabriel verdreht die Augen: Wer ist nun bloß dieser Engels wieder?! Engels & Völkers? Aus Goslar kommt er jedenfalls nicht.

Hat das Phänomen des deutschen "Nacktluders" noch Zukunft?

Im Prinzip ja. Nachdem die famose Micaela vor Jahresfrist als weibliche Nacktschnecke durch den australischen RTL-Dschungel gekrochen ist, hat sich das textilarme Unterhaltungsfernsehen kulturell etabliert.

In Zeiten körperlos-digitaler Internet-Kommunikation ist es vor allem für den jungen, heranwachsenden Menschen wichtig, das andere Geschlecht einmal ganz ungezwungen in seinem natürlichen Lebensraum beobachten zu können. Ohne Bildung ist eben alles nichts.

Wo steht die Piratenpartei am Ende des Jahres?

Sie steht mit leeren Sandalen da. Das Einzige, was von den Piraten geblieben ist, sind die ausgetretenen Jesuslatschen von Geschäftsführer Johannes Ponader. Sie sind jetzt im Bonner Haus der Geschichte ausgestellt, gleich neben Joschka Fischers Turnschuhen. Zur Erinnerung an das "Liquid Feedback" pendelt eine große Seifenblase in der Vitrine.

Wie viele EU-Gipfel wird es 2013 geben?

So viele, wie es braucht, um Griechenland, Zypern, Portugal, Spanien, Irland, Italien und Frankreich zu retten. Unzählige Wortschöpfungen im Rahmen der europäischen Finanzkrisenrettungsfaszilitäten sind noch in der EU/EMS/EZB-Rettungspipeline.

Britische Spaßvögel wetten schon auf die Tiefe der Augenringe bei Angela Merkel. Dennoch gilt ihre Ausdauer bei den nächtlichen Verhandlungen in Brüssel als legendär. Selbst südeuropäische Macho-Kollegen nennen sie heimlich "Madame Hombre". Dabei ist das Geheimnis ihrer Standfestigkeit ganz einfach: 35 Jahre DDR überlebt – und wenig Alkohol.

Alle Versuche des französischen Staatspräsidenten, sie mit 15-prozentigem Burgunder zu betäuben, schlagen fehl. Benebelt ist nur die europäische Öffentlichkeit, die sprachlos vor der gigantischen Geldvernichtungsmaschinerie steht.

Wann kommt das siebte Rettungspaket für Griechenland?

Wenn das sechste aufgebraucht ist - und das dritte für zypriotische Schwarzgeldkonten russischer Milliardäre. Für 2040 hat die "Troika" ein Verschuldungsziel von 160 Prozent des griechischen Bruttosozialprodukts festgelegt. "Ein ehrgeiziges Vorhaben", sagt Finanzminister Wolfgang Schäuble. "Aber es ist machbar."

Griechische Reeder, denen es spielerisch leicht gelungen ist, ihre unversteuerten Milliarden ins Ausland zu schaffen, haben derweil die gesamte Schifffahrt zwischen Elbe, Oder, Havel und Spree unter ihre Kontrolle gebracht. Auf der großen Aristoteles-Onassis-Gedenk-Gala singt Udo Jürgens ein letztes Mal "Griechischer Wein, komm, schenk mir ein!" – und ganz Berlin tanzt Sirtaki, während der Ouzo in Strömen fließt.

"Das ist Europa!", ruft freudetrunken Jorgo Chatzimarkakis, der neue Schifffahrtsbeauftragte des Senats. Helàs! Was zählt dagegen schon eine abgekupferte Doktorarbeit?!

Klappt die Energiewende endlich?

Na klar. Sie ist so sicher wie Norbert Blüms Rente. Wenn "Mehr Europa!" das neue Moskau ist, dann sind die "erneuerbaren Energien" das Versprechen auf die Rückkehr ins Paradies. Da passt kein Blatt zwischen Adam und Eva, Jürgen Trittin und Katrin Göring-Eckardt.

Leider stimmt das nicht für die Entfernung zwischen dem vereinzelten norddeutschen Windrad und dem kritischen Endverbraucher am südbadischen Kaiserstuhl. Aber kann nicht weniger auch mehr sein? Wo kein Kabel ist, wächst das Rettende auch, hat Hölderlin sinngemäß gesagt. Seien wir also kreativ! Strom ist nicht alles.

Werden sich die ZDF-"Heute"-Nachrichten um 19 Uhr weiter zur politisch korrekten Märchenstunde für schreckhafte Senioren entwickeln, die mit seriösem Journalismus sehr wenig zu tun hat?

Ja.

Wird Jogi Löw seine volle Leistung als Bundestrainer abrufen können?

Und wie. Denn er ist wie seine Jungs hungrig auf den WM-Titel wie ein brunftiger Schwarzwald-Elch. Zusammen mit seinem Expertenteam tüftelt er an neuen Konzepten zur blitzschnellen seitlichen Raumverlagerung in die Tiefe, sodass der Gegner das Spielfeld gar nicht mehr wiedererkennt.

Die Doppel-Sechs wird zum Vierfach-Dreier, der Torwart taucht "irgendwie au mal vorne auf" (Löw) und hinten wird schon mentalitätsmäßig derart dichtgemacht, dass kein Italiener mehr den einschussbereiten Fuß auf die Grasnarbe kriegt, schon gar kein bezopfter Balkan-Schwede mit Hang zum spektakulären Fallrückzieher.

Wird Kiezdeutsch zur zweiten Amtssprache in Deutschland?

Aber voll krass. Hauptsache, der Dialog zwischen Mensch und Alder funktioniert. Längst ist der geläufige Gesprächsauftakt "Ich mach disch Krankenhaus, Alder!" von der fortgeschrittenen Sprachwissenschaft zur linguistischen Bereicherung des arrogant-stereotypen Hochdeutschen erklärt worden.

Die Antwort "Willst du mich produzieren – oder was? Mach isch disch Urban!" mag nicht jeden Sprach-Romantiker ästhetisch befriedigen, doch schon die wunderbare Präzision einer Mitteilung wie "Bin isch Aldi" zeigt an, wie kurz und anschaulich demnächst auch behördliche Mitteilungen ausfallen könnten, wenn man nur wollte: "Kommst du Finanzamt, Alder!"

Und was wird aus den 27.000 sizilianischen Forstangestellten ohne richtigen Wald?

Wenn Silvio Berlusconi wieder zum Ministerpräsidenten gewählt wird, werden sie zu Bademeistern umgeschult, die an den Küsten Siziliens nach Bootsflüchtlingen aus Nordafrika fahnden. Die Idee deutscher Naturfreunde, alle mangels Wald entbehrlichen Baumarbeiter zum Wiederaufforsten desselben zu verwenden, wird in Rom als freche Einmischung nordgermanischer Fichten-Nazis zurückgewiesen.

"Nie werden die deutschen Panzer unsere Kultur verstehen!", zürnt der wegen Korruption abgesetzte Gouverneur aus seiner Gefängniszelle in Palermo.

Werden alle ARD-Talkshows überleben?

Fast alle. Eine große Neuerung wird es geben: Unter dem Titel "Fünf gegen den Rest der Welt" reden sich jeden Dienstagabend ab 22.45 Uhr Jakob Augstein, Jürgen Todenhöfer, Peter Scholl-Latour, Heiner Geißler und Gregor Gysi gegenseitig in Grund und Boden.

"Die feste Besetzung garantiert einen hohen Wiedererkennungseffekt", freut sich ARD-Programmdirektor Volker Herres. Nach dem Prinzip von "The Good, the Bad and the Ugly" sollen die Rollen fein säuberlich verteilt werden. Jakob Augstein etwa wird die Helmut-Berger-Rolle übernehmen: Verblühende Salonschönheit, intellektuell verwirrt.

Herres: "Das ist ja gerade das Spannende." Sandra Maischberger übernimmt dafür eine monatliche Seniorenrunde bei "Eins plus" unter dem Titel "Die Hundertjährigen: Jetzt reden wir!" Eine Wild Card für die jüngere Generation 90 plus sorgt dafür, dass auch Helmut Schmidt mitmachen kann.

Was wird aus der deutsch-französischen Freundschaft?

Die bleibt bestehen – trotz François Hollande. Jedenfalls solange es französischen Käse gibt, Baguette, Foie Gras, Bordeaux, Dordogne und Côte d'Azur, Charles Aznavour und Gérard Depardieu. Der ist allerdings gerade nach Belgien gezogen, weil er die konfiskatorische "Reichensteuer" von 75 Prozent nicht bezahlen will.

Genauso wie Johnny Hallyday, Alain Delon, Zinédine Zidane und viele andere. Doch Präsident Hollande bereitet schon ein Antisteuerfluchtgesetz gegen erfolgreiche Prominente vor, die ihr Vaterland derart "erbärmlich" (Premierminister Jean-Marc Ayrault) verraten. Der Arbeitstitel erinnert an die Irrfahrt Ludwigs XVI. im revolutionären Juni 1791 : "Flucht nach Varennes". Am Ende wartete die Guillotine.

Wann erscheint das neue Gedicht von Günter Grass?

Am 30. Januar 2013, genau 80 Jahre nach Hitlers "Machtergreifung", die eigentlich eine Machtübergabe der anderen an ihn war. Nein, nichts mehr über Israel. Doch so viel sei verraten: Der gute Günter wird es wieder schaffen, ein kaschubisches Fischrezept in die rhapsodische Schilderung des Fackelzugs der SA durchs Brandenburger Tor zu schmuggeln. Das kann nur er!

© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Morgenpost-Autorin Franziska Birnbach machte sich mithilfe von Google Maps auf den Weg ins Berliner Verkehrschaos
24.05.13Neue Fahrradnavigation
Mit Google Maps wird Radtour in Berlin zum Stresstest

Google Maps bietet ab sofort auch in Deutschland Routen für Radfahrer. Die Morgenpost hat die Anwendung auf Berlins Straßen getestet und stieß dabei auf Straßen, die gar nicht existieren. mehr...


Schon 2012 lockte der „Summer Rave“ viele junge Berliner in die Hangars des stillgelegten Flughafens Tempelhof
24.05.13Terminvorschau
Das bringt der Tag in Berlin am Sonnabend

Berlin hat jeden Tag Neues zu bieten. Politische Termine, Demonstrationen, Prozesse, Theater, Konzerte. Hier finden Sie eine Auswahl der Berliner Morgenpost für Sonna, den 25. Mai. mehr...


Am Maxim Gorki Theater feiert am Samstag das Stück „Leben des Galilei“ Premiere. Pressesprecherin Claudia Nola rechnet damit, dass diese nicht ausverkauft sein wird
24.05.13Bühne
Champions-League-Finale bringt Berlins Theater in Bredouille

Berlins Theater sehen sich am Samstagabend einem kaum besiegbaren Konkurrenten ausgesetzt. Denn nicht nur potenzielle Zuschauer wollen das Champions League Finale sehen, sondern auch viele Darsteller. mehr...


„The Rock“: Wowereit zeigte nicht die geringsten Anzeichen dafür, dass ihn die Fragen vielleicht ermüdeten
24.05.13Hauptstadtflughafen
Wowereit lässt sich im BER-Ausschuss nicht fassen

Berlins Regierender Bürgermeister musste sich dem BER-Untersuchungsausschusses stellen. Dabei zeigte er sich gelassen - und hatte auf alles ein Antwort. Eine persönliche Verantwortung wies er zurück. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
title
Start-ups in Berlin

Gründerzeit: Die Serie und das Blog der Berliner Morgenpost.

Video Nachrichten mehr
Krawalle Wieder Ausschreitungen in Stockholm
Washington Brücke in USA eingestürzt
Grundsatzrede Obama will strengere Regeln für Drohnenangriffe
Queen of Soul Aretha Franklin braucht eine kleine Auszeit
Die Welt - Aktuelle News
  1. 1. KommentareChampions LeagueHer mit der German Fußlümmelei!
  2. 2. DebatteProduktkennzeichnungDer grüne Antizionismus hat eine lange Tradition
  3. 3. AuslandTerror in London"Unser Herz ist auseinandergerissen worden"
  4. 4. AuslandTapie-AffäreIWF-Chefin Lagarde entgeht Ermittlungsverfahren
  5. 5. WirtschaftJeroen DijsselbloemEuro-Gruppen-Chef ärgert wieder einmal Berlin
 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Finale in London

Das tippen die Berliner Fans von Bayern und BVB

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote