31.12.12

Prenzlauer Berg

Schwaben sollen "Schrippe" sagen - findet Thierse

Knuffig und politisch korrekt: So kannte man Bundestagsvize Wolfgang Thierse bisher. Nun lästert er über integrationsunwillige Schwaben.

Von Florian Kain
Foto: dpa
Thierse schimpft über Schwaben in Berlin
Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse wettert gegen die zugezogenen Schwaben in seinem Heimat-Stadtteil Prenzlauer Berg

Berliner Morgenpost: Herr Thierse, ist Ihnen überhaupt nach Silvesterfeiern zumute? Schließlich müssen Sie im neuen Jahr Abschied von der Politik nehmen.

Wolfgang Thierse: Ich gebe zu, mich befällt in diesen Tagen eine gewisse Melancholie. Es ist nicht leicht, nach 24 Jahren seine Arbeit als Parlamentarier einfach einzustellen. Aber ich wollte es ja so. Weil ich es besser finde, freiwillig zu gehen, als davongejagt zu werden. Wer dann 70 Jahre alt ist, der muss es schon rechtfertigen, wenn er immer noch weitermachen will. Man ist ja in einem Alter, in dem die anderen längst in Rente sind.

Berliner Morgenpost: Der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück ist gerade mal vier Jahre jünger als Sie.

Thierse: Immerhin! Unterschätzen Sie das nicht. Mit 65 habe ich auch noch kandidiert, ganz selbstverständlich.

Berliner Morgenpost: Wird Erfahrung in der Politik zu gering geschätzt? Die Minister werden ja auch immer jünger, finden Sie nicht?

Thierse: Wir erleben in dieser Gesellschaft einen Jugendlichkeitskult, der auf die Politik übergegriffen hat. Daran ändert auch die Kandidatur von Peer Steinbrück nichts. Man hört ja oft die Forderung, es müssten noch mehr junge Leute ins Parlament und in die Regierung. Diejenigen, die das einklagen, vergessen, dass auch Erfahrung etwas zählt.

Andererseits verändert sich das Wissen heute so rasant schnell, dass Berufserfahrungen wohl tatsächlich schneller veralten als früher. Und offensichtlich sind auch Lebenserfahrungen von diesem Verbrauchstempo moderner Zeiten angekränkelt. Ich sage trotzdem: Es würde der Politik guttun, wenn weiterhin alle Generationen im Bundestag vertreten sind.

Berliner Morgenpost: Sie hatten im Sommer angedeutet, dass Sie eigentlich ganz gerne noch mal angetreten wären in Ihrem Wahlkreis Pankow. Fühlen Sie sich von Ihrer Partei gut behandelt?

Thierse: Ich kann mich nicht beklagen. Ich habe in den vergangenen 24 Jahren doch sehr viel Glück gehabt. Wenn ich daran denke, wie ich im Januar 1990 in die neu gegründete SPD in der DDR eingetreten bin und fünf Monate später schon ihr Vorsitzender wurde. Ich musste keine lange Ochsentour machen, sondern wurde durch revolutionäre Umstände nach oben geschleudert. Da war ich dann sehr lange – und irgendwann muss es eben zu Ende sein. Mir war wichtig, dieses Ende selbst zu bestimmen und so zu verhindern, dass andere über mich verfügen. Das ist gelungen.

Berliner Morgenpost: Wie ist es aus Ihrer Sicht grundsätzlich um die Kultur des Miteinanders in großen Parteien wie der SPD bestellt?

Thierse: Meine Güte, in Krankenhäusern, Theatern oder Redaktionen herrschen doch nun auch nicht nur die reine Nächstenliebe oder Solidarität! Da gibt es genauso wie in den Parteien Konkurrenzkämpfe, Leute mit größerem und Leute mit kleinerem Ehrgeiz und dazu die entsprechenden Verhaltensunterschiede. Gerade die Volksparteien sind genauso, wie die Gesellschaft ist. Sie sind ihr Spiegelbild. Dabei sind die Regeln sogar strenger und gleichzeitig gerechter als anderswo.

Wer auch immer etwas werden will, muss erst mal von der Mehrheit der Mitglieder gewählt werden. Ich habe nicht den Eindruck, dass es in den Institutionen, die ich eben beispielhaft aufgeführt habe, gleichermaßen demokratisch zugeht.

Berliner Morgenpost: Warum nur gilt trotzdem gerade die Politik vielen Bürgern als Intrigantenstadl?

Thierse: Weil alles, was in der Politik stattfindet, automatisch öffentlich ist. Siege sind vor den Augen aller natürlich strahlender – und Niederlagen schmerzlicher. Das ist der große Unterschied zu den Intrigen, die anderswo gesponnen werden. Sie bleiben unsichtbar, können aber genauso gemein sein.

Berliner Morgenpost: Warum fällt es vielen Politikern so schwer, den richtigen Zeitpunkt für den Abschied zu finden?

Thierse: Es klingt banal, ist aber so: Weil die Erfahrung schön ist, wichtig zu sein und wahrgenommen zu werden. Die Droge der öffentlichen Aufmerksamkeit kann süchtig machen. Und wenn man von heute auf morgen aus diesem Leben in ein rein privates Leben als Nobody umsteigt, dann ist das mit Entzugserscheinungen verbunden.

Berliner Morgenpost: Sind auch Sie süchtig nach der Politik?

Thierse: Ich hoffe sehr, dass es bei mir nicht so schlimm kommt. Allerdings bin ich bereits jetzt neugierig, ob in einem Jahr noch irgendwer etwas von mir wissen will.

Berliner Morgenpost: Werden Sie Ihre Memoiren zu schreiben?

Thierse: Ich habe eine erhebliche Skepsis gegenüber Politikermemoiren. Die meisten, die ich gelesen habe, waren es eigentlich nicht wert. Bücher sind schwer zu ertragen, wenn die Eitelkeit aus jeder Zeile trieft.

Berliner Morgenpost: Sie könnten es ja besser machen.

Thierse: Es gibt genügend abschreckende Beispiele.

Berliner Morgenpost: Wenn Sie auf die letzten 23 Jahre zurückblicken – was war die Sternstunde?

Thierse: Das war, als im Juni 1991 im Bundestag die Entscheidung für Berlin und gegen Bonn als Hauptstadt fiel. Ich habe die Einbringungsrede für den Pro-Berlin-Antrag gehalten, darauf bin ich ein bisschen stolz. Wie wir am Schluss mit Berlin knapp gewannen, das werde ich nie vergessen. Man stelle sich nur vor, es wäre anders gekommen! Wie sähe Berlin heute aus, und wie unser Deutschland? Grauenhaft!

Berliner Morgenpost: Andererseits haben alle Ministerien noch Zweitsitze in Bonn.

Thierse: Das ist ein Anachronismus. Die Aufteilung erschien damals ja sinnvoll, aber wir sollten die gesetzliche Regelung überprüfen – und zwar im Lichte der Entwicklung beider Städte. Bonn geht es blendend. Es gibt keine wirtschaftlichen Gründe, dass dort weiter Teile der Regierung verbleiben. Ich stelle das in aller Nüchternheit, ohne Fanatismus und ohne Schaum vor den Mund fest. Es muss endlich erlaubt sein, darüber vernünftig zu reden. Die Bonn-Anhänger und NRW-Lobbyisten haben in der Vergangenheit jede derartige Diskussion als Anschlag auf den Frieden in Deutschland stilisiert.

Berliner Morgenpost: In der Parteispendenaffäre der CDU haben Sie sich als strenger Parlamentspräsident unbeliebt gemacht.

Thierse: Das war wirklich dramatisch damals. Ich hatte nach langen intensiven Beratungen mit Juristen unterschiedlichster Couleur der CDU eine schmerzliche Strafe auferlegt, gegen die diese Partei dann vor alle erreichbaren Gerichte gezogen ist. Und was war das Ergebnis? Sämtliche Instanzen – am Ende auch das Bundesverfassungsgericht – haben mir ein korrektes Handeln bescheinigt. Und doch gibt es immer noch Leute in der CDU, die mich deswegen hassen.

Damit muss ich nun leben, obwohl es meine Pflicht war, hier ohne Ansehen der Partei und der handelnden Personen nach dem Gesetz zu handeln. Es war wirklich eine schlimme Entgleisung, als Helmut Kohl mich deshalb als schlimmsten Parlamentspräsident seit Hermann Göring bezeichnete. Mir hat das sehr weh getan.

Berliner Morgenpost: Mussten Sie selbst es erst lernen, Demokrat zu sein?

Thierse: Gewiss. In der DDR war meine Demokratieerfahrung ja nur eine Sehnsucht, ein Wunschtraum. Der allerdings war so stark, dass ich bis zum heutigen Tage ein leises Gefühl des Glücks über die Befreiung spüre, die ich 1989 erlebte. Glück auch darüber, dass ich nicht wie das Kaninchen auf die Schlange schauen und warten musste, was über mich entschieden wird, sondern selber eingreifen konnte.

Es hat mich viele Jahre getragen, dass ich das Wort ergreifen durfte für Menschen, die keine Stimme hatten oder denen keiner zuhörte. Also viele Ostdeutsche.

Berliner Morgenpost: Sie galten dann schon bald als "Mundwerk des Ostens", ein Etikett, dass Sie nie wieder loswurden.

Thierse: Das wollte ich auch gar nicht. Ich habe das als Auftrag, ja sogar als Ehrentitel empfunden.

Berliner Morgenpost: Das Land hat sich in wenigen Jahrzehnten völlig verändert. Sind Sie zufrieden?

Thierse: Ich hätte mir gewünscht, dass die Chance größer gewesen wäre, dass West- und Ostdeutsche gleichberechtigt diesen Veränderungsprozess gestalten. Wer hat denn die Chefposten in der Wirtschaft, in der Kultur und überall sonst im Osten besetzt? Es sind allesamt Westdeutsche, und es gibt nur eine Ausnahme, nur einen Bereich, in dem es anders lief – die Politik.

Das ist das Große an der Demokratie, denn sie gab den Ostdeutschen die Chance, Leute ihresgleichen zu wählen, und niemand konnte es verhindern. Deswegen war ich auch ein bisschen stolz, als ich 1998 als erster Ostdeutscher in ein Verfassungsorgan dieser Republik gewählt worden bin, also zum Parlamentspräsidenten. Da war ich Avantgardist, sozusagen. Angela Merkel und Joachim Gauck sind mir erst gefolgt (lacht).

Berliner Morgenpost: Wie erklären Sie sich den Erfolg der beiden?

Thierse: Sie verkörperten in Krisensituationen etwas Neues, das ist der Punkt. Angela Merkel bekam ihre Chance wegen der CDU-Parteispendenaffäre. Erst dann fiel die Wahl auf jemanden wie sie, der unbelastet und ein bisschen anders war. Und auch Gauck erhielt erst eine Mehrheit, nachdem der Westdeutsche Wulff auf schmähliche Weise gescheitert war.

Berliner Morgenpost: Können Sie jetzt, da Ihr eigener Abschied näherrückt, Mitleid mit Gaucks Vorgänger Christian Wulff empfinden?

Thierse: Mitleid hatte ich schon vor einem Jahr mit ihm. Es erregt doch Mitgefühl, wenn man sieht, wie einer unter Druck so viele Fehler macht, sich so falsch verhält. Mich haben eher Entscheidungen befremdet, die er vorher getroffen hatte und die dann zum Gegenstand der Kritik wurden. Aber das betrifft Fragen des politisch-moralischen Geschmacks, um mich vornehm auszudrücken.

Berliner Morgenpost: Im Bundestag zieren einige Fraktionen sich noch, dem Bundesrat in Sachen NPD-Verbot zu folgen. Können Sie das gutheißen?

Thierse: Die Diskussion um das Pro und Contra eines NPD-Verbots ist peinigend und peinlich. Die zuständigen Länderinnenminister und Länderministerpräsidenten haben sich doch nach Prüfung aller Unterlagen dazu entschlossen, diesen Antrag erneut zu stellen.

Im neuen Jahr kann es nur noch darum gehen, dass der Bundesinnenminister und die Bundestagsabgeordneten ihrerseits das Material bewerten und Ja oder Nein sagen. Die gesamte Begleitmusik der öffentlichen Debatte ist schwer zu ertragen und führt nur dazu, dass man sich in der NPD über die Demokratie kaputtlacht.

Berliner Morgenpost: Angela Merkel ist mittlerweile länger im Amt als ihr Vorgänger Gerhard Schröder. Hätten Sie sich diesen Aufstieg damals vorstellen können?

Thierse: Selbstverständlich nicht. Wir alle, die wir 1989/1990 in die Politik kamen, konnten uns unsere eigene weitere Entwicklung nicht vorstellen. Wir sind gewissermaßen mit einer Mischung aus Naivität, Mut und Lust zum Engagement in die Politik gegangen, ohne zu wissen, was wird.

Berliner Morgenpost: Erkennen Sie Ihren Wahlkreis denn noch wieder?

Thierse: Wissen Sie, dass ich seit 40 Jahren ununterbrochen im Prenzlauer Berg wohne, inzwischen in der dritten Wohnung am Kollwitzplatz? Ich erinnere mich noch, wie der Platz in der DDR ausgesehen hat. 90 Prozent meiner Nachbarn – man stelle sich das vor – sind erst nach 1990 dorthingezogen.

Die freundliche Seite der Veränderung, dass sprichwörtlich alles schöner aussieht, hat mit der Verdrängung also eine schmerzliche Rückseite. Ich sage ironisch, ich muss als einer der letzten Eingeborenen dort wohl allmählich unter Artenschutz gestellt werden.

Berliner Morgenpost: Können Sie dem Nachbarschaftsmix mit den vielen Schwaben und Latte-Macchiato-Muttis etwas abgewinnen?

Thierse: Was sollte ich dagegen haben, dass im Prenzlauer Berg besonders viele Eltern mit Kindern wohnen? Es ist schön, dass das kein vergreistes Stadtquartier ist. Es sind andere Dinge, die das alltägliche Zusammenleben manchmal strapaziös machen.

Ich ärgere mich, wenn ich beim Bäcker erfahre, dass es keine Schrippen gibt, sondern Wecken. Da sage ich: In Berlin sagt man Schrippen, daran könnten sich selbst Schwaben gewöhnen. Genau das gleiche mit Pflaumendatschi. Was soll das? In Berlin heißt es Pflaumenkuchen. Da werde ich wirklich zum Verteidiger des berlinerischen Deutsch.

Ich wünsche mir, dass die Schwaben begreifen, dass sie jetzt in Berlin sind. Und nicht mehr in ihrer Kleinstadt mit Kehrwoche. Sie kommen hierher, weil alles so bunt und so abenteuerlich und so quirlig ist, aber wenn sie eine gewisse Zeit da waren, dann wollen sie es wieder so haben wie zu Hause. Das passt nicht zusammen.

Berliner Morgenpost: In Berlin scheitern die Verantwortlichen daran, den Großflughafen pünktlich fertigzubekommen, auch die Kosten für die Elbphilharmonie und Stuttgart 21 explodieren. Verhebt sich Deutschlands Politik an gigantomanischen Großprojekten?

Thierse: Ich lasse es nicht zu, dass immer nur mit dem Finger auf die Politik gezeigt wird. Beim Großflughafen sind es die Firmen Bosch und Siemens, die die Brandschutzanlage nicht zum Laufen kriegen. In Stuttgart ist die Deutsche Bahn verantwortlich. Und in Hamburg hat der größte deutsche Baukonzern Hochtief das Schlammassel verursacht. Die Politiker können Aufsicht führen, aber sie sind auf eine peinlich brutale Weise abhängig von den Informationen, die ihnen gegeben werden. Außerdem: Können Sie mir ein Beispiel eines großen Projektes nennen, das im Kostenrahmen geblieben ist?

Nur in Berlin gibt es jetzt diese riesige Aufregung. Ich schmunzele bis heute, wenn ich daran denke, wie der neue Plenarsaal in Bonn eröffnet wurde und in der ersten Sitzung plötzlich die Mikrofonanlage ausfiel. Schuld war aber nicht Rita Süßmuth als Parlamentspräsidentin. Nein, blamiert hatte sich die Weltfirma Siemens. Ich wünsche mir, dass die tatsächlich Verantwortlichen benannt und nicht Politiker als "Ersatzschuldige" an den Pranger gestellt werden.

Berliner Morgenpost: Wie wird Berlin Sie erleben, wenn Sie nicht mehr Bundestagsabgeordneter sind?

Thierse: Als Flaneur auf Spaziergängen durch die Straßen dieser Stadt, die ich in all ihrer Widersprüchlichkeit liebe

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