31.12.12

Fiktive Trittin-Rede

"Mit grüner Ökonomie aus Gülle Geld machen"

Jürgen Trittin wird sich als Spitzenkandidat der Grünen mit Angela Merkel duellieren. Für seine entscheidende Wahlkampfrede im Jahr 2013 haben wir ihm einige Worte in den Mund gelegt.

Foto: picture alliance / Sven Simon

„Vechta ist überall! Und Gülle gibt es mehr als genug!“ – das könnte Jürgen Trittin im kommenden Wahlkampf sagen, wenn „Welt“-Autor Henryk M. Broder die Rede des Spitzenkandidaten schreiben würde
"Vechta ist überall! Und Gülle gibt es mehr als genug!" – das könnte Jürgen Trittin im kommenden Wahlkampf sagen, wenn "Welt"-Autor Henryk M. Broder die Rede des Spitzenkandidaten schreiben würde

Liebe Freundinnen und Freunde,

am 11. März 2011 begann nach einem Erdbeben vor der japanischen Küste die Katastrophe von Fukushima. Wir haben damals die Ereignisse einerseits aus sicherer Entfernung, andererseits mit dem Gefühl verfolgt, unmittelbar dabei zu sein. Nicht wegen der Berichterstattung, sondern weil wir alle in der Nähe von Atomkraftwerken leben: Brokdorf und Philippsburg, Grundremmingen und Neckarwestheim, Emsland und Grafenrheinfeld.

Auch wenn einige AKW wie Krümmel, Unterweser und Isar 1 inzwischen abgeschaltet wurden – die Erinnerung an die Gefahr bleibt, wie nach einem Flug, der mit einer Notlandung endete.

Zwei Monate nach der Katastrophe von Fukushima verkündete die Bundeskanzlerin das Atommoratorium. Einige ältere AKW wurden abgeschaltet, die Restlaufzeit der anderen radikal gekürzt.

Mit Häme und Spott überschüttet

Was die Kanzlerin als ihre Entscheidung, als Konsequenz einer veränderten Lage präsentierte, hatte natürlich eine Vorgeschichte. Und die hatten wir, die Grünen, geschrieben! Wir waren es, die immer wieder die Gefahren der Atomkraft thematisierten, wofür wir mit Häme und Spott überschüttet wurden – gerade und vor allem von der CDU.

Zu erleben, wie die auf einen Zug aufspringt, den wir auf die Reise geschickt haben, ja, das war schon ein erhebendes Gefühl. Und wäre es zu dem GAU nicht in Fukushima, sondern im französischen Fessenheim oder tschechischen Temelin gekommen, also um die Ecke, dann wären wir schon viel weiter. Was wir seitdem erleben, ist eine zunehmende Akzeptanz unserer Positionen, auch in Milieus, die mit uns bis gestern nichts zu tun haben wollten.

Ich war vor Kurzem als Festredner auf dem Stoppelmarkt eingeladen, einem der ältesten Jahrmärkte Deutschlands. Er findet jeden Sommer in Vechta statt, einer Gegend, die so schwarz ist, dass dort sogar die Kohlenhändler nachts Schatten werfen.

Aus Gülle Strom erzeugen

Ich war der erste Grüne, der dort die Festrede halten durfte. Das ist etwa so, als würde der Vatikan die Predigt zur Ostermesse von einem bekannten Freidenker halten lassen. Deswegen fing ich mit den Worten an: "Über 700 Jahre, seit 1298, war der Stoppelmarkt redetechnisch grünenfrei. Das ist vorbei! Eine schwarze Zeit ist zu Ende!"

Der Beifall, der mir entgegenschlug, war von einer Herzlichkeit, den ich mir auf manchen grünen Parteitagen wünschen würde. Und als ich darauf hinwies, dass es das grüne Erneuerbare-Energien-Gesetz war, das es den Bauern ermöglichte, aus Gülle Strom zu erzeugen, also mithilfe eines Gesetzes grüner Ökonomie aus Scheiße Geld zu machen, da tobte das Festzelt vor Begeisterung.

Da müssen wir einsetzen und weitermachen! Vechta ist überall! Und Gülle gibt es mehr als genug!

Lesen Sie auf welt.de auch die fiktiven Bewerbungsreden für die Kanzlerschaft 2013 von Peer Steinbrück und Angela Merkel.

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