31.12.12

Fiktive Steinbrück-Rede

"Wir Sozis haben gelernt, mit Anstand zu verlieren"

Peer Steinbrück kandidiert für das Amt des Bundeskanzlers. Sein Einstieg als SPD-Kandidat war holprig. Wie könnte seine Bewerbungsrede im kommenden Jahr aussehen? Ein Gedanken-Experiment.

Von Henryk M. Broder
Foto: dpa

Wie wird Peer Steinbrück im Wahlkampf 2013 um seine Partei werben? Eine fiktive von Steinbrück-Rede von „Welt“-Autor Henryk
Wie wird Peer Steinbrück im Wahlkampf 2013 um seine Partei werben? Eine fiktive Steinbrück-Rede von "Welt"-Autor Henryk

Meine lieben Freunde – und natürlich auch Freundinnen!

Wir Sozialdemokraten blicken auf eine lange und stolze Geschichte zurück, die vor 150 Jahren mit der Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins durch Ferdinand Lassalle ihren Anfang nahm. Und einmal mehr steht die sozialdemokratische Bewegung vor einer schicksalhaften Entscheidung.

Sollen wir versuchen, die Regierung zu übernehmen, oder sollen wir das machen, was wir am besten können: Opposition?

Wir hatten in unserer langen und stolzen Geschichte sieben sozialdemokratische Kanzler. Der spätere Reichspräsident Friedrich Ebert wurde im Zuge der Novemberrevolution 1918 zum Reichskanzler ernannt, blieb aber nur wenige Wochen im Amt. Ihm folgte Philipp Scheidemann, der vier Monate als "Reichsministerpräsident" an der Spitze einer Übergangsregierung stand.

Gustav Bauer brachte es auf immerhin neun Monate, Hermann Müller auf insgesamt zwei Jahre in zwei Perioden, was für die Weimarer Republik sehr beachtlich war.

Mit Spott und Steinen beworfen

Im ruhigeren Fahrwasser der Bonner Republik gab Willy Brandt fast fünf Jahre den Kurs an, Helmut Schmidt stand acht Jahre auf der Kommandobrücke. Gerhard Schröder wählte sich nach sieben Jahren selbst ab. Das heißt: In den 150 Jahren unseres Bestehens wurde unser Land nur etwa 24 Jahre von Sozialdemokraten regiert.

Dennoch haben wir in schwerster Zeit Mitverantwortung getragen und sind dafür mit Spott und Steinen beworfen worden. Unsere Leistungen für den Wiederaufbau von Staat und Wirtschaft werden vor der Geschichte bestehen. Wir haben gleiches Recht für alle und ein soziales Arbeitsrecht geschaffen.

Wir haben geholfen, ein Deutschland zu schaffen, in dem auch Männern aus der Arbeiterklasse der Weg zur Führung des Staates offensteht. Wir waren manchmal wehrlos, aber niemals ehrlos.

Wenn ich nun für das Amt des Bundeskanzlers kandidiere, dann geschieht das in vollem Bewusstsein um die Bedeutung unserer Partei in der Geschichte. Wir müssen den Menschen eine Alternative bieten, wohl wissend, dass es zu Angela Merkel – um es in ihren eigenen Worten zu sagen – derzeit ebenso wenig eine Alternative gibt wie zu Joachim Löw als Trainer unserer Nationalmannschaft.

"Mehr Teer mit Peer"

Das ist kein Zweckpessimismus, das ist Einsicht in die Realitäten, eine der großen sozialdemokratischen Tugenden, die uns schon oft davor bewahrt hat, Dummheiten zu begehen.

Ich trete also für die SPD an, obwohl ich weiß, welche Parolen jetzt schon hinter meinem Rücken verbreitet werden. "Mehr Teer mit Peer" zum Beispiel. Damit muss ich fertig werden. Denn wenn wir Sozialdemokraten eines gelernt haben, dann dies: Mit Anstand zu verlieren.

Genossinnen und Genossen: Auf in den Kampf!

Lesen Sie auf welt.de auch die fiktive Bewerbungsrede für die Kanzlerschaft 2013 von Angela Merkel.

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