30.12.12

Helmut Metzner

Das Comeback das geächteten FDP-Maulwurfs

Lange gehörte er zur Führungsriege der FDP, Ende 2010 flog Helmut Metzner durch Wikileaks als Informant der US-Botschaft auf. Nun nähert er sich wieder dem politischen Establishment.

Von Karsten Kammholz
Foto: Jakob Hoff

Als blau-gelber Plüschhase gab er einst das Maskottchen seiner Partei, nun kehrt der geschasste FDP-Maulwurf zurück
Helmut Metzner, 44: der einstige Büroleiter von Guido Westerwelle stolperte über eine Wikileaks-Veröffentlichung

Dem Treffen am Brandenburger Tor hat Helmut Metzner zugestimmt. Er wartet aber nicht auf der Seite des Pariser Platzes. Dort steht die US-Botschaft, und sich vor diesem Gebäude aufzuhalten könnte noch immer merkwürdig wirken.

Metzner will nicht unvorsichtig sein. Also steht er auf der anderen Seite, auf dem Platz des 18. März. Er trägt gelbe Handschuhe und einen gelben Schal zum dunklen Mantel. Er ist fürchterlich gut drauf, reißt Witze, lacht, meist über sich selbst, und er strahlt. "Optimismus!", ruft er. Das soll im kommenden Jahr sein Lebensgefühl sein.

2011 war das Jahr, in dem seine Karriere einen großen Knick bekam. 2012 wurde gut. Gut heißt, dass er sich wieder dem Leben nähern würde, das er einst hatte. Metzner ist jetzt 44 Jahre alt.

Arbeitsverhältnis "einvernehmlich" beendet

Im Dezember 2010 war Metzner als "Maulwurf" aufgeflogen, der jahrelang die US-Botschaft mit Informationen aus der FDP und auch aus den Koalitionsverhandlungen mit der Union versorgt hatte. Herausgekommen war die Sache erst, als vertrauliche Dokumente des US-Außenministeriums von der Internetplattform Wikileaks veröffentlicht wurden.

Metzner, Büroleiter des damaligen FDP-Chefs Guido Westerwelle, wurde vom Thomas-Dehler-Haus erst mal beurlaubt. Doch der Druck, auch innerhalb der Partei, stieg. Wenige Tage später wurde das Arbeitsverhältnis "einvernehmlich" beendet, so die offizielle Sprachregelung. Der Rest war Stillschweigen. Es gilt bis heute.

Das Treffen am Brandenburger Tor ist das zweite mit Metzner. Das erste hatte ein paar Tage zuvor stattgefunden, in einem Berliner Café und in nicht so gelöster Stimmung. Wie soll man auch mit ihm entspannt und ausführlich über die Geschehnisse von einst sprechen, wenn er ständig an seine mit der FDP vereinbarte Verschwiegenheit denken muss?

"Das Thomas-Dehler-Haus achtet sehr darauf, wie ernst ich meine vertraglichen Verpflichtungen nehme", sagt er. Sätze wie diesen darf man drucken, andere besser nicht.

Maskottchen beim Christopher Street Day

Für Metzner ist die Begegnung eine Gratwanderung. Wenn er zu viel ausplaudert, kann ihm die Partei, für die er viele Jahre lang in führender Position arbeitete, noch Ärger bereiten. Ob er angespannt ist, lässt sich schwer erahnen. Sein Auftreten wirkt eigenwillig, das kennt man von ihm.

In seinem Blog muntermachermetzner.de nannte er sich Mr. Helmut oder veröffentlichte Fotos von sich, auf denen er mit einer Drehorgel Wahlkampf machte. Als blau-gelber Plüschhase gab er 2001 das Maskottchen des FDP-Wagens beim Christopher Street Day in Berlin.

Jetzt sitzt Metzner seit zwei Stunden kerzengerade auf seinem Stuhl. Mit seinen gegelten, streng anliegenden Haaren und dem dunkelblauen Anzug mit Fliege und Einstecktuch sieht er aus, als müsse er gleich zum Abi-Ball. Aber er hat Zeit. Die Fische zu Hause in seinem 30-Liter-Aquarium hat er schon gefüttert. Auf dem Ergometer war er auch schon.

Rückkehr ins politische Establishment

Für Metzner steckt hinter dem Treffen auch ein dienstliches Anliegen. Beruflich geht es mit ihm wieder aufwärts. Er macht jetzt die Medienarbeit für den stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden Martin Lindner. Er hat noch mehr Kunden, alle aus dem Dunstkreis der FDP, die er politisch berät oder für die er Texte schreibt.

Es helfe, Kunden in Krisen zu beraten, wenn man selbst eine Krise überstanden habe, sagt er. Metzner ist wieder im Geschäft mit den Liberalen. Seine Kontakte, auch von damals, haben ihm geholfen. Allmählich kehrt er zurück ins politische Establishment.

Da trifft es sich gut, wenn man rückblickend doch noch einiges berichtigen kann. Zu viel Unwahres, Halbgares, Ehrabschneidendes ist offenbar noch im Netz zu finden.

Metzners erste Botschaft: Er war nie ein Maulwurf (die Bezeichnung findet er "grotesk lächerlich"), sondern ein x-beliebiger Vertreter der FDP, der nur bereits veröffentlichte Dokumente an Mitarbeiter der amerikanischen Botschaft übergab.

"Es gab mal ein Handshake, das war's"

Die nächste Botschaft: Nie habe er mit Botschafter Philip Murphy persönlich gesprochen. "Es gab mal ein Handshake, das war's." Die Gespräche hätten mit Mitarbeitern der politischen Abteilung der Botschaft in öffentlichen Restaurants stattgefunden. Und überhaupt: Nicht alles, was damals zitiert worden sei, mache er sich zu eigen.

"Ich habe nie ein schlechtes Wort über meinen Arbeitgeber verloren. Da ist viel in die Sache hineingeheimnisst worden", beteuert Metzner. Zur Konspiration fehle ihm jede Veranlagung.

Man nimmt es ihm ab. Freimütig erzählt er nämlich auch, wie er damals, bevor er Westerwelles Büroleiter wurde, als Chef der Abteilung Strategie und Kampagnen selbst mit der Botschaft von Nordkorea Gespräche führte. Dass die internationale Kontaktpflege für ihn eher nebenbei lief, dass nicht er auf die Botschaften zuging, sondern sie auf ihn.

Zur FDP durfte er nicht mehr zurück

Auch will er klarstellen, dass es nie ein Ermittlungsverfahren gegen ihn gegeben hat. Nur zur FDP durfte er nicht mehr zurück. Damit ist das eigentliche Unglück Metzners beschrieben.

Inzwischen kann er relativ gelassen von den Wochen berichten, in denen alles, was er beruflich aufgebaut hatte, schlagartig in sich zusammenfiel.

Gefragt nach seinen Gefühlen von damals, weiß er nicht recht, wie er antworten soll. Sein erster Versuch ist ein Witz: "Ich habe keine Freudenfeuer gezündet. Die einzige Rakete, die abgeschossen wurde, war ich selber." Darüber lacht er. Dann der zweite Versuch, ein ernster. "Es gab eine Form der gesellschaftlichen Ächtung." Er sei nicht mehr eingeladen worden. "Es war quasi der Entzug der Zulassung zum politischen Parkett."

Nachricht seines Zeitungsausträgers

Am 8. Dezember 2010, dem Tag der Trennung von der FDP, war Metzner der "Tagesschau" um 20 Uhr eine Meldung wert. Sein stabiles persönliches Umfeld habe ihm in dieser Phase geholfen. Aber: "Das dauert, bis man über so was hinwegkommt." Man lerne in so einer Zeit seine wahren Freunde kennen.

Als einer, der es gut mit ihm meinte, entpuppte sich sein Postbote. Der begrüßt ihn seitdem mit seinem Namen. Als die Affäre auf dem Höhepunkt war, fand Metzner auf seiner Zeitung eine Nachricht seines Zeitungsausträgers. Er hatte sie auf die erste Seite gekritzelt. "Tut mir sehr leid, was mit Ihnen passiert ist."

Andere schnitten ihn und tun es noch immer. Metzner nimmt es mit Trotz: "Meine politische Nähe zur FDP ist unvermindert. Die persönliche Nähe zu einzelnen Persönlichkeiten ist geringer."

"Es gibt keine offene Rechnung"

Er könnte jetzt Rache nehmen an all denen, die ihn damals fallen ließen, verletzten und kränkten. Prominente Namen wären sicher dabei. Aber Metzner will nicht. "Es gibt keine offene Rechnung." Er sagt, er sei bekannt dafür, dass er seine Rechnungen zeitnah begleiche. "Mein Vater war kaufmännischer Angestellter. Das habe ich bei ihm gelernt."

Metzner ist FDP-Mitglied geblieben. Am 1. April 2013 wird er 25 Jahre der Partei angehören, wofür man ihn im Bezirksverband Berlin-Charlottenburg öffentlich ehren wird. Er sei nicht wegen Einzelpersonen in die FDP eingetreten. Er werde auch nicht wegen Einzelpersonen austreten, sagt er.

Als die Angelegenheit um die Weitergabe der Interna juristisch ad acta gelegt war, habe er Westerwelle noch einen Brief geschrieben. Eine Antwort bekam er nicht.

Seine Rehabilitation sei abgeschlossen

"Ein bisschen" vermisst er die Arbeit im Thomas-Dehler-Haus, gibt er zu. Nicht wegen der Aufgabe an sich, eher, weil ihm die Arbeit zu Hause schwerfällt. "Ich stamme aus einer Großfamilie. Ich habe acht Geschwister. Meine Arbeitsabläufe sind produktiver, wenn es um mich herum wuselt."

Die Fische in seiner Wohnung machen keine Geräusche. "Die Motivation, die früher auf mich einwirkte, muss jetzt aus mir selbst kommen." Er hat sich eine "Ordnungstherapie" verschrieben, damit sein Tagesablauf strukturiert ist. Fische füttern, auf dem Ergometer strampeln, dann arbeiten. Eine Botschaft ist ihm noch wichtig: Seine Rehabilitation sei abgeschlossen. Das sollten auch seine einstigen Wegbegleiteter wissen.

Nur vor der US-Botschaft auf eine Verabredung zu warten, das kann er nicht, so weit ist er noch nicht.

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