31.12.12

Fiktive Merkel-Rede

"Wir haben Deutschland durchsozialdemokratisiert"

Das Wahljahr steht vor der Tür, und die Parteien schicken ihre Kandidaten ins Rennen. Wir wissen nicht, wer gewinnt – wohl aber, wie Merkel ihre Anhänger einstimmt. Eine streng fiktive Rede.

Von Henryk M. Broder
Foto: dpa

Wie wird Angela Merkels Bewerbungsrede für ihre Wiederwahl aussehen? „Welt“-Autor Henryk M. Broder hat eine Idee
Wie wird Angela Merkels Bewerbungsrede für ihre Wiederwahl aussehen? "Welt"-Autor Henryk M. Broder hat eine Idee

Meine Damen und Herren,

liebe Freunde und Förderer der CDU,

ich danke Ihnen, dass Sie meiner Einladung gefolgt sind, und heiße Sie in meinem Haus herzlich willkommen. Mein Mann lässt ebenfalls herzlich grüßen, er kann an unserem Treffen nicht teilnehmen, da er einiges in der Universität erledigen muss, das er nicht ins neue Jahr mitnehmen möchte.

Wie ich schon in meiner Einladung angedeutet habe, sind wir hier heute eine informelle Runde. Bei der Auswahl der Teilnehmer spielten Amt und Würden keine Rolle. Die Parteizugehörigkeit auch nicht. Worauf es mir ankam, war, Menschen an einem Tisch zu versammeln, die für ihre eigenwilligen und originellen Gedanken bekannt sind. Deswegen möchte ich ganz besonders herzlich Richard David Precht willkommen heißen, der einen Vortrag über die Ästhetik des Verzichts an der Universität von Svolvær, der Hauptstadt der Lofoten, abgesagt hat, um bei uns sein zu können. Dafür unser aller Dank, lieber Herr Precht!

Nach sieben Jahren im Amt habe ich manchmal das Verlangen, die Fenster zu meinem Arbeitszimmer ganz weit aufzumachen, um frischen Wind reinzulassen. Natürlich habe ich qualifizierte Berater, auf deren Sachverstand ich mich verlassen kann. Aber die sind, ebenso wie ich, Teil eines Systems kommunizierender Röhren, das in sich geschlossen ist. Es ist nicht einfach, sich außerhalb dieses Systems zu stellen, eine kritische Außenansicht zu entwickeln. Aber genau darauf kommt es an.

Griechen leben in einer prekären Situation

Wie Sie wissen, habe ich vor Kurzem Griechenland besucht. Dabei kam es auch zu Reaktionen, die man als unerfreulich bezeichnen könnte. Ich habe dafür vollstes Verständnis, ich nehme es nicht übel.

Die Griechen leben in einer prekären Situation, die sich nur ertragen lässt, wenn man andere für das eigene Versagen verantwortlich machen kann. Das ist bei der SPD auch nicht anders. Ich habe aber auch einiges erlebt, das mich tief berührt hat.

Beim Besuch der Akropolis kamen mir zwei junge Griechen entgegen, die offenbar in Deutschland studiert oder gearbeitet haben, und fragten mich in perfektem Deutsch, ob sie für mich ein Lied singen dürften.

Wir hatten es ein wenig eilig, aber diese beiden jungen Griechen waren so reizend, dass wir uns einfach die Zeit nehmen mussten, ihnen zuzuhören. Anschließend haben sie mir den Text des Liedes überreicht. Ich möchte es Ihnen nicht vorenthalten.

Wir sitzen hier am Mittelmeer

Und haben keine Mittel mehr

Oh Angela, hab doch Erbarmen

Mit uns, den Griechen, Deinen Armen

Die Sonne brennt, der Wein schmeckt bitter

Wir essen nur noch arme Ritter

Der Rettungsschirm ist uns zu klein

Die Kassen leer, die Herzen rein

Erst die Türken, dann Europa

Das haut doch um den stärksten Opa

Oh Angela, hab doch Erbarmen

Mit uns, den Griechen, Deinen Armen

Das sind Momente, meine Damen und Herren, in denen es einem bewusst wird, was es bedeutet, Politiker zu sein. Es bedeutet, für andere da zu sein, Verantwortung zu übernehmen, die nicht am Gartenzaun des eigenen Anwesens haltmacht. Es bedeutet, in größeren Zusammenhängen zu denken und zu handeln. Es bedeutet, gelegentlich einen Schritt zurückzutreten und sich zu fragen: Wer bin ich? Was mache ich? Was will ich? Vor allem aber bedeutet es, sich ständig neuen Situationen anzupassen.

Lassen Sie mich das an einigen konkreten Beispielen erklären.

Mein Fachgebiet ist die Physik

Ich werde oft dafür kritisiert, dass ich das Wort "alternativlos" gebrauche, zum Beispiel im Zusammenhang mit der Energiewende oder in Verbindung mit den Maßnahmen zur Rettung des Euro. Meine Damen und Herren, ich bin Wissenschaftlerin, mein Fachgebiet ist die Physik, natürlich weiß ich, dass man eine These oder Hypothese nicht als "alternativlos" bezeichnen kann, ehe man sie nicht verifiziert oder falsifiziert hat. Tertium non datur.

Aber stellen Sie sich nur mal vor, ich würde mich in die Öffentlichkeit stellen und fragen: Welche Alternativen haben wir zur Energiewende? Welche Alternativen haben wir zur EU und zum Euro?

Es würde mir nicht nur als Entschlussschwäche angelastet werden, es wäre eine!

Nach der Atomkatastrophe von Fukushima hatten wir nur ein ganz kleines Zeitfenster, um die Energiewende einzuleiten. Natürlich war nicht alles zu Ende gedacht und durchgerechnet, aber auch bei der Mondlandung gab es ein Restrisiko. Wo wären wir heute, wenn man jedes Restrisiko ausschließen wollte, bevor man etwas Neues ausprobiert? Wir würden immer noch mit der Postkutsche reisen und Nachrichten mit reitenden Boten verschicken. Oder mit Brieftauben.

Wir haben nicht nur die Grünen deklassiert

Mit der Energiewende haben wir es geschafft, in kürzester Zeit die Grünen auf ihrem eigenen Gelände zu schlagen. Erst waren sie überrascht, dann sind sie hinterhergerannt, und jetzt behaupten sie, die Energiewende wäre eigentlich ihr Werk gewesen, wir hätten nur den Schalter umgelegt. Aber in den Augen der Wähler sind wir jetzt die Öko-Partei, denn am Ende zählen nicht die Worte, sondern die Taten.

Natürlich gibt es hier und da noch Schwierigkeiten. Viele Windräder drehen sich schon, ohne dass der Strom, den sie erzeugen, die potenziellen Verbraucher erreichen kann, weil die Stromtrassen erst gebaut werden müssen. Ja, das ist bedauerlich, aber stellen Sie sich nur einmal vor, Carl Benz und Gottlieb Daimler hätten mit der Erfindung des Automobils gewartet, bis es ein ausgebautes Straßennetz in Deutschland gegeben hätte! Manchmal muss man ein Pferd vom Schwanz her aufzäumen.

Wir haben aber nicht nur die Grünen beim Heimspiel deklassiert, wir haben auch der SPD gezeigt, wo der Bebel den Most holt, indem wir das Land flächendeckend durchsozialdemokratisiert haben, wie es die SPD niemals geschafft hätte. Unser Verhältnis zu den Gewerkschaften ist hervorragend. In keinem europäischen Land, die Schweiz ausgenommen, wird so wenig gestreikt wie bei uns.

Die Wähler werden es honorieren

Während die SPD immer wieder die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns fordert, haben wir ihn in vielen Branchen bereits durchgesetzt.

Wir helfen den alleinerziehenden Müttern, den Rentnern, den Schwachen und Bedürftigen. Wir kümmern uns um die Familien, und wir haben inzwischen auch eine positive Haltung zu einigen gesellschaftlichen Randgruppen entwickelt, die wir vor Kurzem nicht wahrnehmen wollten, zum Beispiel Menschen, die in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften leben. Ihnen hat die SPD die gesetzliche Gleichstellung versprochen, wir werden sie einführen. Das ist, wieder einmal, der Unterschied zwischen Worten und Taten.

Die Wähler wissen das, und sie werden es honorieren. Jetzt sind wir das Original, und die anderen versuchen vergeblich, uns zu kopieren.

Ich will Ihnen etwas anvertrauen, das Sie bitte für sich behalten mögen. Ich lasse mir jeden Morgen die neuesten Umfrageergebnisse der SPD nach Hause faxen. Da schmeckt das Frühstücksei doppelt so gut!

Die CDU ist eine Partei der sozialen Gerechtigkeit

Die SPD kommt aus ihrem Umfragetief einfach nicht raus. Ich bedaure es ein wenig, weil es uns träge und selbstzufrieden macht; manche meinen, sie müssten sich nicht mehr anstrengen, wir hätten die nächsten Wahlen schon gewonnen. Aber es kommt nicht nur darauf an, dass man die Wahlen gewinnt, sondern auch, wie man sie gewinnt. Am besten mit einem ordentlichen Vorsprung, der einem eine solide Mehrheit der Sitze garantiert.

Ich möchte ungern die Erfahrung der Wahlen von 2002 mit umgekehrtem Vorzeichen wiederholen, als Union und SPD mit jeweils 38,5 Prozent der Stimmen Kopf an Kopf lagen und die SPD mit 6027 Stimmen am Ende die Nase vorn hatte. So etwas darf uns nicht passieren!

Dafür macht es zu viel Spaß, den Genossen von der SPD zuzuschauen, wie sie sich darum balgen, welcher Kandidat gegen uns verlieren soll. Mit der Wahl von Peer Steinbrück ist das letzte Wort noch nicht gesagt worden.

Die CDU ist nicht nur eine Partei der Mitte. Sie ist auch eine Partei der sozialen Gerechtigkeit, der ökologischen Vernunft und der ökonomischen Stabilität. Vergleichen Sie doch nur die Lage bei uns mit der bei einigen unserer Nachbarn. Sind die Franzosen weniger tüchtig, die Italiener weniger begabt, die Belgier weniger ehrgeizig? Nein, sie sind es nicht. Sie haben nur einen anderen Begriff von Politik. Oder vielleicht gar keinen Begriff von Politik, der über das reine Versorgungsdenken hinausgeht.

Kartoffelsuppe auf mecklenburgische Art

Ich weiß, dass unsere Politik der Rettungsschirme nicht von allen gutgeheißen wird. Ich kann es verstehen, dass ein Arbeiter bei BASF sich fragt, warum er den Griechen helfen soll, einen Weg aus ihrer selbst verschuldeten Misere zu finden. Die Antwort auf diese Frage ist ganz einfach: Wenn das Haus Ihres Nachbarn vom Einsturz bedroht ist, dann müssen Sie ihm helfen, es zu stützen, damit Ihr Haus nicht ebenfalls destabilisiert wird.

Das kostet einiges, ist aber immer noch billiger als ein Totalschaden an zwei Häusern mit anschließendem Wiederaufbau.

Ich sehe es einigen von Ihnen an: Sie wollen wissen, ob wir an der Koalition mit der FDP festhalten werden. Nun, das hängt in erster Linie von der FDP ab, ob sie über die Fünfprozenthürde kommt oder nicht. Ich persönlich würde es ihr wünschen, schon weil ich mit einigen FDP-Politikern befreundet bin. Darüber hinaus kann ich nur sagen, dass Sachfragen entscheidend sind, und da haben sich in der letzten Zeit einige interessante Perspektiven aufgetan, sogar bei den Grünen.

Das war es, was ich Ihnen in aller Kürze gerne sagen wollte. Lassen Sie sich nun die Kartoffelsuppe auf mecklenburgische Art schmecken, und danach werden wir ganz bestimmt eine lebhafte Diskussion haben. Guten Appetit!

Lesen Sie auf welt.de auch die fiktive Bewerbungsrede für die Kanzlerschaft 2013 von Peer Steinbrück.

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