27.12.12

Protestantismus

"In Kirche herrscht noch eine Elitevergessenheit"

Lange war das Verhältnis zwischen evangelischer Kirche und Unternehmern schlecht. Heute engagieren sich viele – haben aber auch einiges auszusetzen. Etwa eine autoritäre Führungskultur.

Von Matthias Kamann
Foto: Amin Akhtar

Friedhelm Wachs hat nichts gegen linke Kirchentage. Das Hauptproblem sieht er in der Kirche selbst
Friedhelm Wachs hat nichts gegen linke Kirchentage. Das Hauptproblem sieht er in der Kirche selbst

Dass Kirchentage nach links tendieren, nein, darüber kann sich Friedhelm Wachs nicht aufregen: "Kirchentage sind auch Orte des Nachdenkens. Deshalb stört mich auf Kirchentagen nicht, wenn auch linke Töne angeschlagen werden", sagt der Unternehmer.

Der 49-Jährige, einer der führenden Verhandlungsexperten in Europa, tätig unter anderem im Verlagswesen und in der Unternehmensberatung, findet es in Ordnung, dass sich junge Leute auf Kirchentagen "kritisch mit den Gegebenheiten in der Welt auseinandersetzen".

Gewiss zwar, "einige Gleichheitsansprüche innerhalb der Kirche" sehe er "sehr skeptisch", sagt Wachs, "vor allem wenn manche Theologen dabei alle Hoffnungen auf den Staat richten". Aber "das Hauptproblem", das Wachs mit seiner Kirche hat, liege "nicht bei sozialistischen oder kollektivistischen Ideen". Sondern innerhalb der Kirche.

"Die moderne Führungskultur", so Wachs, sei "nur in den Spitzen der Kirchen" angekommen. Hingegen herrsche im Alltag der Kirche "oft ein Hierarchieverständnis, das auf dem Prinzip von Closed-Shop-Informationen" beruhe: "Abschottung statt Transparenz, Anordnung statt Überzeugung". Damit hinke die Kirche den Unternehmern hinterher, in denen sich "eine offene und partizipative Führungskultur als Ergebnis der Informationsgesellschaft" durchsetze. Davon, glaubt Wachs, werde die Kirche so lange nicht viel lernen, wie sie sich "sich ideologisch den kapitalistischen Unternehmen überlegen" fühle.

"Gelebte Gotteserfahrung findet kaum statt"

Wenig auszusetzen an politischen Botschaften der Kirche hat auch Jeffrey Seeck, 45, Inhaber und Geschäftsführer der seecon Ingenieure, einer Firma, die mit etwa 30 Mitarbeitern in Leipzig, Berlin und Dresden vor allem mit der Planung baulicher Infrastruktur, städtebau- und landschaftlicher Entwicklungen und nachhaltiger Energietechnologien befasst ist.

"Nur bedingt wichtig" sei ihm, sagt Seeck, "ob Kirchenoberhäupter oder Pfarrer sich eher positiv oder negativ über das Unternehmertum äußern". Was ihn "an der Kirche allenfalls stört", sei vielmehr, "dass alle doch um unsere wachsenden Schwierigkeiten mit leeren Gotteshäusern und schwindenden Mitgliederzahlen wissen, dass aber so etwas wie ein Plan für einen neuen Aufbruch seit Jahrzehnten kaum zu erkennen ist. Viele Gottesdienste bleiben unattraktiv, die gelebte Gotteserfahrung, als spiritueller Schatz unseres Glaubens, findet kaum statt."

Unbequeme Kritiker

Es hat sich also viel geändert zwischen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und den Unternehmern. Diese fühlen sich nicht mehr hinausgedrängt, sondern aufgefordert hineinzugehen. Das tun sie auch – und ärgern sich dann über innerkirchliche Zustände. Über den Umgang der Kirche mit ihren Mitarbeitern, über Verkündigungsschwächen. Ebenso über die Unbeholfenheit mancher Kassenwarte, die leichte Beute unseriöser Anlageberater wurden. Unter der Hand kritisieren manche Unternehmer die intransparenten Verbandelungen, wie sie lange Zeit in der Diakonie herrschten. Unbequeme Kritiker hat sich die Kirche ins Haus geholt, als sie aufhörte, die Unternehmer auszugrenzen.

Deutlich wird der allgemeine Wandel am Arbeitskreis evangelischer Unternehmer (AEU). Heute verstehen sich dessen mittlerweile rund 630 Mitglieder als "engagierte Kirchenmitglieder und kooperative Gesprächspartner in allen Wirtschaftsfragen", wie AEU-Geschäftsführer Stephan Klinghardt sagt.

Doch gegründet wurde der AEU 1966 als eine Art Notgemeinschaft von Unternehmern, die sich aus der Kirche hinausgepredigt fühlten. Das jedoch wollten sich die AEU-Gründungsmitglieder nicht gefallen lassen, hielten dagegen, ließen sich aber nicht zur Sekte machen, sondern versuchten unter dem Motto "auftreten statt austreten" (Klinghardt), der sozialen Marktwirtschaft in der Kirche eine Stimme zu geben. Oft vergeblich.

"Wirklich gewandelt hat sich das Verhältnis zwischen Kirche und Unternehmern erst nach 1989", sagt Klinghardt, "als sich zum einen die Systemfrage erledigt hatte und zum andern deutlich wurde, dass die Kirche selbst wegen der engeren finanziellen Spielräume mehr wirtschaftlichen Fachverstand benötigt."

"Gegnerschaft wächst sich allmählich aus"

Allerdings hält sich in der Kirche immer noch eine Gruppe von Marktwirtschaftsgegnern. Das zeigte sich 2008 am Streit über die Unternehmerdenkschrift des Rates der EKD ("Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive"). Zwar war sie von erheblicher Skepsis gegenüber dem modernen Kapitalismus erfüllt. Doch dass die EKD darin überhaupt die "zentrale Bedeutung" des unternehmerischen Handelns "für Innovation, Wertschöpfung und gesamtgesellschaftlichen Wohlstand" hervorhob, trieb viele linke Christen auf die Palme.

In einem Aufruf mit dem Titel "Frieden mit dem Kapital?" behaupteten zahlreiche Theologen, dass die EKD in dem Text "die sozioökonomische Realität in grotesker Weise beschönigt" und deshalb "diese Denkschrift zu widerrufen" habe.

Die Gegnerschaft aber, so Klinghardt, "wächst sich allmählich aus". Um christliches Engagement, nicht um Grabenkämpfe gehe es den AEU-Mitgliedern, zu denen einige Eigentümer-Unternehmer gehören, recht viele Manager oberer Leitungsebenen, ebenso kleinere Mittelständler sowie kaufmännische Vorstände größerer Trägereinrichtungen in der Diakonie. Ungefähr die Hälfte der AEU-Mitglieder versieht ehrenamtlich ein kirchliches Amt.

"Elitevergessenheit"

Doch in solchen Ämtern wundern sie sich, wie es in der Kirche zugeht. Deutlich spürt dies Marlehn Thieme, 55, Direktorin der Deutschen Bank und Mitglied im Rat der EKD: Die Kirche habe sich im Dialog mit den Unternehmern "ganz neu zu fragen, wie sie mit ihren eigenen Mitarbeitern umgeht". Zugleich müsse man in der Kirche überlegen, was denn sie den Christenmenschen in der wirtschaftlichen Elite zu bieten hat: "Nach wie vor schwer", so Thieme, tue sich die Kirche damit, auf sehr gebildete und weltläufige Menschen zuzugehen, es gebe "eine Elitevergessenheit auch in Bezug auf Führungseliten in der Wirtschaft".

Bestätigt wird dies von Altbischof Wolfgang Huber, dem früheren EKD-Ratsvorsitzenden. Es sei "für die Führungskräfte wichtig, sich von der Kirche ernst genommen zu fühlen", sagt Huber und nennt Beispiele: "Sie freuen sich über persönliche Ansprache, über gute Kirchenmusik und gehaltvolle Gottesdienste. Und wenn Unternehmer, was viele ja tun, sich ehrenamtlich engagieren, dann möchten sie faire Teilhabe an Verantwortung erleben, statt dass sie belehrt werden."

Vorrang des Vertrauens vor dem Kapital

Natürlich gibt es auch umgekehrt Forderungen der Kirche. Huber: "Zentrales Kriterium der evangelischen Sozialethik beim Blick auf das Unternehmertum ist, dass Gewinnerzielung nicht Selbstzweck ist." Güter und Dienstleistungen müssten "den Menschen nützlich" sein, Arbeitsplätze müssten dabei "dauerhaft gesichert" werden. "Es geht um den Vorrang des Vertrauens vor dem Kapital: Unternehmen müssen vertrauenswürdig agieren", sodass sich die Gesellschaft "darauf verlassen" könne, "dass Kampagnen zur Nachhaltigkeit oder zu Corporate Social Responsibility ernst gemeint sind und mehr sind als Marketing-Maßnahmen".

Marlehn Thieme wiederum stellt fest, dass die Kirche gerade wegen des vertrauensvolleren Dialogs mit den Unternehmern "umso mehr fragt, wie es denn aussieht mit den Arbeitsbedingungen und ökologischen Standards in vielen Ländern der Welt". Hierfür indes ließen sich die Unternehmer heute "leichter sensibilisieren", weil sie mittlerweile bereit seien, "sich den Erfahrungsberichten zum Beispiel kirchlicher Entwicklungsorganisationen zu stellen".

Umgekehrt aber werde manchmal die Kirche von der Wirtschaftselite auf Probleme erst aufmerksam gemacht. "So haben", sagt Thieme, "bei der Arbeit an der Unternehmerdenkschrift einige Führungskräfte darauf hingewiesen, dass bestimmte Entwicklungen an den Finanzmärkten Gefahren bergen und gestoppt werden müssten."

Erfolg mit christlichen Prinzipien

Indes ist bei evangelischen Unternehmern die Bereitschaft zu spüren, von sich aus christliche Prinzipien zu verwirklichen. Er orientiere sich, sagt Friedhelm Wachs, "am Führungsbild des dienenden Jesus Christus. Er diente der Welt, er wusch seinen Jüngern die Füße." Deshalb habe "innerhalb der Firma im Zweifel die Weiterentwicklung der Mitarbeiter und nicht die des eigenen Portemonnaies Vorrang". Dies sorge "für nachhaltigen Erfolg".

Gewiss würden christliche Prinzipien "nicht nur von Christen angewendet", sie würden aber "als ethisches Agieren sowohl von den eigenen Mitarbeitern als auch von Geschäftspartnern und Kunden geschätzt". Es gehe "in einer eher standpunktlosen Gesellschaft um einen Standpunkt, und mein Standpunkt ist: Ich bin Christ. Einen solchen klaren Standpunkt schätzen die Mitarbeiter."

Das erleichtert Mitarbeitern, wie Jeffrey Seeck erzählt, ihren eigenen Standpunkt darzulegen und klarzumachen, dass auch sie "ihrem Gewissen folgen, dass sie also bestimmte Entscheidungen kritisieren können und wir gemeinsam eine Justierung meiner Entscheidung zum Vorteil unserer Unternehmung vornehmen".

Seeck hat den Eindruck, dass dies eine Firma attraktiv macht: "Wirklich gute und kluge Mitarbeiter anderer Unternehmen" kämen von sich aus auf die Firma zu und würden "sich erkundigen, ob sie bei uns mitwirken können". Wenn die Mitmenschen wissen, so Seeck, "dass eine Firma Gut und Böse zu unterscheiden vermag, fühlen sie sich davon angezogen".

Führungskräfte finden wenige Ansprechpartner

Und wenn es nicht funktioniert? Der Glaube ist ja weder Voraussetzung noch Garant des Erfolgs. Er ist aber eine Stütze, sagt Marlehn Thieme: "Christlich geprägte Menschen in der Wirtschaft vertrauen darauf, dass sie nicht verloren sind, wenn etwas nicht gelingt." In dieser Haltung lasse sich einerseits manches leichter wagen, andererseits habe "man es nicht nötig, zum Scheitern verurteilte Vorhaben nur deshalb weiter zu betreiben, weil man sich keine Niederlage leisten könnte".

Gleichwohl: Auch Führungskräfte kennen die Erfahrung fehlenden Trostes, sie geraten in Situationen, in denen sie "arm und schwach" sind, wie Stephan Klinghardt sagt. In solcher Lage fänden sie nur wenige Ansprechpartner. Denn schon wegen der zeitlichen Beanspruchung hätten "nur wenige einen intensiveren Kontakt zu ihren jeweiligen Kirchengemeinden, und innerhalb des Unternehmens kann man, je weiter oben man steht, umso weniger offen über Selbstzweifel sprechen".

Daher biete der AEU "geschützte Räume" an, in denen sich Führungskräfte über Selbstzweifel und Scheitern austauschen könnten. Klinghardt "Es geht da um ein elementares Problem jedes Christen: Egal, wie ich es mache – ich werde schuldig. Wie gehe ich damit um?"

Quelle: DWTV
03.08.12 1:51 min.
Die Bedeutung von Kirche und Religion lässt in Deutschland immer weiter nach. Das zeigen auch die Statistiken - nur noch 59 % sind Kirchenmitglieder. Viele Menschen sind dennoch gläubig.
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