25.12.12

Rheinland-Pfalz

König Kurt strahlt schon lange nicht mehr

Im Januar übergibt Kurt Beck als dienstältester Ministerpräsident sein Amt. Er steht für einen Typus Politiker, der heute selten ist. Der SPD-Landesvater ist aber dünnhäutiger, als es oft scheint.

Von Hannelore Crolly
Foto: picture alliance / Fredrik von E

Der scheidende Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, Kurt Beck (SPD): Das Thema Gesundheit ist Privatsache
Der scheidende Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, Kurt Beck (SPD): Das Thema eigene Gesundheit erklärt er zur Privatsache

Ein glücklicher Dezember war das nicht. Keine friedliche und schon gar nicht fröhliche Vorweihnachtszeit. Stattdessen ein Abschied nach dem anderen, immer wieder letzte Male.

Der letzte Empfang der Pfadfinder mit dem Friedenslicht aus Bethlehem. Das letzte Weihnachtsessen für die Journalisten im Land. Der Rücktritt als Parteichef, der Abschiedsapplaus im Bundesrat, die letzte Visite bei vielen SPD-Ortsvereinen. In Kaiserslautern, beim Schlachtfest im "Hotel Alcatraz", sangen ihm die Genossen "My Beck" statt Sinatras "My Way". Dann machten sie sich am Büfett über die Blutwurst her.

Kurt Beck muss sich fühlen, als legte der Hochgeschwindigkeitszug, in dessen Führerstand er jahrzehntelang durch die Welt der Politik raste, mitten im Nichts eine Vollbremsung hin. Er hat zwar selbst den Halteknopf gedrückt.

Doch nun, da unweigerlich der Ausstieg naht, wird der Homo Politicus die Vorstellung schwer ertragen, dass er bald tatsächlich draußen steht. Und den anderen hinterherschauen muss, wie sie zu neuen, spannenden Zielen davoneilen.

Beck genehmigt sich weiter sein Bierchen

Die Seelenqual ist ihm anzumerken, wenn sie ihm auch längst nicht so klar ins Gesicht geschrieben steht wie damals nach der Schmach vom Schwielowsee. Als Kurt Beck im September 2008 nach 29 Monaten den Bettel als SPD-Vorsitzender hinwarf, brach eine alte Hautkrankheit aus. Intrigen, Spott und Feindseligkeit aus den eigenen Reihen gingen ihm sprichwörtlich an die Nerven. Der stabil gebaute Pfälzer ist dünnhäutiger, als viele meinen.

Nun, in seinen letzten Zügen als Regent von Rheinland-Pfalz, erscheint der 63-Jährige zwar erschöpft, aber gut in Form. Die Funktionsstörung der Bauchspeicheldrüse, die ihn zum Rücktritt bewegt, zeigt keine sichtbaren Spuren. Abends an der Hotelbar genehmigt sich Beck weiterhin sein Bierchen.

Auch sein Gedächtnis ist auf Zack. Stante pede zitiert der Mann mit Pfälzer Singsang in der Stimme ellenlange Textpassagen von Insterburg & Co. Dabei löste sich die Blödelband schon 1979 auf.

"Keine Berufskrankheit, erblich bedingt"

Ohnehin will Beck das leidige Thema Gesundheit klein halten: Privatsache. Es sei an der Zeit, sich mal ausführlich um "die Sache" zu kümmern, sagt er lediglich über seine Bauchspeicheldrüse. Und dass die Fehlfunktion "keine Berufskrankheit, sondern erblich bedingt" sei, nichts Dramatisches, schließlich habe er damit 18 Jahre "ganz ordentlich durchgestanden".

Er sei arbeitsfähig, schiebt Beck vorsichtshalber nach, auf dass niemand an seiner Einsatzfähigkeit im ZDF-Verwaltungsrat zweifelt, den er vorerst weiterführen will.

Auch die Leitung der Friedrich-Ebert-Stiftung übernimmt er pflichtbewusst kommissarisch. Er ist Stellvertreter des überraschend gestorbenen Vorsitzenden Peter Struck.

Kürzlicher Eklat: "Einfach das Maul halten"

Und doch: Wenn Beck angestrengt lächelnd, bemüht aufrecht neben dem mächtigen Weihnachtsbaum der Mainzer Staatskanzlei steht und seinem Vor-Vorgänger Bernhard Vogel zum Geburtstag gratuliert, kommt ein Begriff in den Sinn: Contenance.

Der Polit-Pensionär in spe reißt sich zusammen, macht gute Miene, gibt sich oft ausdrücklich aufgeräumt.

Die Zeiten jedoch, da dem Urgestein aus der Pfalz die Lebensfreude aus allen Poren quoll und seine quietschvergnügt gute Laune das Umfeld schon fast anstrengte, scheinen vorbei. Jüngst verlor Beck auf der Straße die Nerven und raunzte einen Mann an ("Einfach mal das Maul halten"). König Kurt strahlt schon lange nicht mehr.

Letztlich war sein Einfluss begrenzt

Wenn Kurt Beck am Abend des 16. Januar nicht länger Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz sein wird, sei eine Ära zu Ende. Das wurde so oft geschrieben und gesagt in den letzten Wochen, dass man geneigt ist, es als Plattitüde abzutun. Kurt Beck ist nicht Willy Brandt, nicht Helmut Kohl.

Natürlich hat der dienstälteste Landesvater Deutschland mitgeprägt. Im Bundesrat war Beck zudem ein gewiefter Koordinator, ein "wandelnder Vermittlungsausschuss", wie sich selbst manche politischen Gegner erinnern.

Wolfgang Böhmer (CDU), Ex-Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, ringt es heute noch Respekt ab, wie Beck im Frühjahr 2011 mit Horst Seehofer die festgefahrenen Verhandlungen für die Reform der Hartz-IV-Regelsätze wieder flottbekam. Aber letztlich war Becks Einfluss doch begrenzt.

Herrschaft währte fast zwei Jahrzehnte

Unbestritten ist: Der Mann, der immer wieder treu an der Mosel urlaubt, wo er viele Jahre mit Leihhund Balou, dem Collie seines Hoteliers, Gassi ging, hat den Sozialdemokraten regelrecht ein Land erobert.

1994 erbte der gelernte Funkmechaniker, der erst an der Abendschule mittlere Reife machte, von Rudolf Scharping den Thron. Scharping war zwei Jahre zuvor Ministerpräsident geworden, nachdem sich die CDU heillos zerstritten hatte.

Dass Beck Rheinland-Pfalz fast zwei Jahrzehnte lang regieren würde, über lange Strecken sogar in Alleinherrschaft, war damals nicht abzusehen. Das Reben- und Rübenland, Heimat von Helmut Kohl, ist katholisch, ländlich, in seinem tiefsten Innersten konservativ geprägt.

Nachfolgerin Dreyer hat gute Chancen

Allerdings ist die Bilanz selbst ohne Blick auf den Nürburgring-Flop keineswegs nur glänzend. Die Arbeitslosenquote ist zwar niedrig, das Hochschulsystem gut ausgebaut.

Und auf manch alter US-Militärfläche florieren heute kleine Gewerbe. Doch zur Förderung des strukturschwachen Landes hat Beck über 30 Milliarden Euro an Schulden angehäuft. Die Schuldenbremse einzuhalten wird schwierig. Die Opposition geißelt zudem nicht zu Unrecht, dass die SPD viele Posten mit ihren Leuten besetzte. "System Beck" nennt CDU-Chefin Julia Klöckner das aufgebracht.

Und doch ist Kurt Becks Rücktritt ein Einschnitt. Seine Nachfolge ist zwar klug geregelt. Die charmante, charismatische Sozialministerin Malu Dreyer hat gute Chancen, den zuletzt in Meinungsumfragen schwer abgerutschten Sozialdemokraten die Macht zu erhalten.

Ein Maurersohn tritt ab

Aber mit dem einzigen Nicht-Akademiker in der "großen Politik" verlässt ein Typus die Bühne, wie es ihn kaum mehr gibt. Beck, der Maurersohn, kam über die Gewerkschaftsarbeit zur Politik, war Bürgermeister seines Heimatortes Steinbach.

Vieles von dem, was er später vertrat, erlebte er am eigenen Leib. Wenn Beck die Rente mit 67 kritisierte, weil ein Dachdecker unmöglich so lange durchhalten könne, dann sprach er aus Erfahrung. Als nämlich beim Hausbau mit dem Vater das Geld für einen Kran fehlte, schleppten die beiden die Stahlträger selbst.

Das bescherte eine Schleimbeutelentzündung in der Schulter, die Beck bis heute ab und an plagt.

Beim Volk ist er "einer von uns"

Kurt Beck wird – oft mit spöttischem Ton – nachgesagt, er habe jede Hand in Rheinland-Pfalz mindestens einmal geschüttelt. Aber er ist nun einmal ein Politiker, der wie ein Bürgermeister tatsächlich am liebsten mit jedem Handwerker am Wegesrand fachsimpeln würde.

Vielen Bürgern in Rheinland-Pfalz wird er fehlen: Sie hielten ihn für "einen von uns", nicht von "denen da oben".

In Berlin mochte das Ausgleichende, behäbig Gravitätische seines Politikstils nie recht verfangen. Zwar ist Beck bei den Regierungschefs im Bundesrat heute durch die Bank angesehen. Aber Berlin hat ihn lange unterschätzt.

Gabriel ehrt Beck persönlich

Als "Räuber Hotzenplotz aus der Mainzer Provinz, der komische Anzüge trägt und komische Reden hält", beschrieb ihn das Magazin "Stern" 2008. Kurz danach gab er als SPD-Vorsitzender auf.

Mit umso größerer Genugtuung wird er es nach solchen Schmähungen empfunden haben, dass der heutige Parteivorsitzende Sigmar Gabriel vor ein paar Tagen eigens nach Mainz reiste, um seinen Kotau zu machen und Beck zu ehren.

Beim letzten SPD-Landesparteitag von Kurt Beck als Ministerpräsident nannte ihn Gabriel einen "ganz Großen der Sozialdemokratie" und bat um Entschuldigung. "Hätten manche früher auf den Kurt gehört, dann wäre uns bei dem einen oder anderen Thema einiges erspart geblieben."

Kurt Becks Scheitern in Berlin, sagte Gabriel, sei eine "Schande" gewesen – für die SPD. Nicht für Kurt Beck.

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