23.12.12

Westjordanland

Nach dem Gaza-Krieg meiden Touristen Bethlehem

Bethlehem im Westjordanland lebt vom Tourismus, aber nach dem jüngsten Gaza-Krieg trauen sich viele Besucher nicht mehr hierher. Ein Ortsbesuch in der wichtigsten Stadt des Christentums.

Foto: AFP

Die Geburtskirche in Bethlehem: der Ort, an dem Jesus Christus geboren sein soll
Die Geburtskirche in Bethlehem: der Ort, an dem Jesus Christus geboren sein soll

Zayn al-Bandak und sein Angestellter Roman al-Khateeb sitzen auf Holzhockern und spielen Backgammon. Außer dem Geräusch der Würfel, die gegen die Holzkiste stoßen, ist es völlig still in ihrem Souvenirshop in Bethlehem.

Eigentlich sollten sich hier jetzt Touristen drängeln, geschnitzte Holzkreuze, Madonnen und Jesusbildchen kaufen. Aber wenige Tage vor Weihnachten ist der Laden wie leergefegt. Keine Spur von Konsumfreude oder festlicher Atmosphäre.

"Früher haben wir gedacht, Backgammon ist was für alte Leute", sagt Roman. "Jetzt spielen wir selber. Es gibt ja ohnehin nichts zu tun."

"Wir wussten, was kommen würde"

Im Jahr 2010 hatten die beiden den Laden in Bethlehems zentraler Manger-Staße übernommen. Wenn es gut läuft, kommen hier die meisten Touristen vorbei, manchmal ganze Busladungen voller Nigerianer oder Japaner.

In den vergangenen Jahren war das der Fall, deshalb hatten sie extra den Laden gewechselt, eine größere Fläche gemietet. Jetzt liegen Holzschnitzereien, Postkarten und Schlüsselanhänger mit palästinensischer Fahne wie Blei in den Regalen.

"Wir wussten, was kommen würde", sagt al-Khateeb. Der Gaza-Krieg im November hat der wichtigsten Stadt des Christentums, in der viele Bewohner vom Tourismus leben, einen empfindlichen Schlag versetzt.

Kaum jemand braucht ein Taxi

Schon vor vier Jahren nach dem ersten Gaza-Krieg sei es genauso gewesen, sagt al-Bandak. Das sieht Mohammed al-Isleeni ähnlich. Der 30-Jährige ist Taxifahrer in Bethlehem und verdient derzeit 50 Prozent weniger als im vergangenen Jahr.

"Nach dem Gaza-Krieg sind meine Umsätze eingebrochen. Bis vor zwei Monaten habe ich manchmal bis zu 8000 Schekel (1600 Euro) im Monat verdient, jetzt ist gerade einmal halb so viel."

An Taxiunternehmen herrscht in der heiligen Stadt kein Mangel. Jeder, der europäisch aussieht, wird verzweifelt angehupt. Doch es seien einfach zu wenige Besucher in der Stadt, die überhaupt ein Taxi bräuchten, sagt al-Isleeni.

40 Prozent der Buchungen storniert

Offizielle Zahlen des palästinensischen Hotelverbandes stützen diesen Eindruck. Nach Angaben von Verbandschef Elias al-Arja wurden bereits im November auf dem Höhepunkt der blutigen Auseinandersetzung zwischen Israel und der Hamas 40 Prozent aller Buchungen für Aufenthalte im Westjordanland storniert.

Als wichtigste Stadt für den palästinensischen Fremdenverkehr ist Bethlehem davon besonders betroffen. Zwischen 13 und 15 Prozent trägt der Tourismus zum palästinensischen Bruttoinlandsprodukt bei.

Sogar auf Bethlehems zentralem Manger-Platz neben der Geburtskirche wirkt die Atmosphäre wenig weihnachtlich. Zwar dient den wenigen Touristen ein riesiger geschmückter Weihnachtsbaum als Fotomotiv, aber ansonsten gibt es kaum Weihnachtsdekoration, sogar die Beleuchtung erscheint spärlich im Vergleich zu deutschen Innenstädten.

Fünf Angestellte, fünf Gäste

Palästinensische Jugendliche sitzen in der wärmenden Sonne auf Bänken und rauchen Wasserpfeife. Ab und zu lassen sich ein paar afrikanische Touristen vor der Tanne fotografieren. Kaum zu glauben, dass dieser Platz an Heiligabend voll sein soll, Restaurants und Cafés dann brummen, wie das in den vergangenen Jahren oftmals der Fall war.

"Wir hoffen immer noch", sagt George Kanan, der direkt am Platz das Restaurant "Square" führt. Auch für ihn ist jetzt Hochsaison, deshalb bemühen sich an diesem Tag fünf Angestellte um ebenso viele Gäste. Ironie der Geschichte: Die Bewirteten sind Fernsehjournalisten – auf der Suche nach Bethlehems Weihnachtsstimmung.

"Jeder redet über die mangelnde Sicherheit, und deshalb kommen die Leute nicht", klagt Kanan. Trotzdem bleibt er optimistisch: Für Heiligabend hält er 13 zusätzliche Saisonkräfte auf Abruf.

Viele Betlehemer sind Christen

Auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes ist die Stimmung gedrückt. Violet, die ihren Nachnamen nirgendwo lesen möchte, arbeitet dort in einem kleinen Buch- und Souvenirshop. "Gefühlt habe ich dieses Jahr 50 Prozent weniger verdient", sagt sie.

Die nackten Zahlen sind nicht ganz so dramatisch, dokumentieren aber einen realen Verlust: 75.000 Schekel Umsatz, umgerechnet 15.000 Euro, hat der Laden im vergangenen Jahr gemacht, bis zum 18. Dezember dieses Jahres waren es nicht einmal 60.000 Schekel, also 12.000 Euro. "Das ist die Realität", sagt Violet. "Letztes Jahr an diesem Tag um diese Zeit war der Laden voll."

Wie so viele Bethlehemer hofft sie auf die Feiertage. Von den etwa 30.000 Einwohnern werden dann viele arbeiten – in der Hoffnung, mit Tagestouristen noch einmal Kasse zu machen. Den Bethlehemern selbst bleibt an jenem Abend keine Zeit zum Feiern – obwohl sie das gern würden. Viele von ihnen sind Christen.

Offiziell hört sich alles anders an

Fragt man jedoch bei offizieller Seite nach, hört sich das alles ganz anders an. "2012 ist ein Rekordjahr", sagt Ali Abu Sour vom palästinensischen Tourismusministerium. "Im Vergleich zu 2011 haben wir fast 20 Prozent mehr Touristen und 25 Prozent mehr Übernachtungen. Insgesamt reisen dieses Jahr 2,25 Millionen Besucher ins Westjordanland, letztes Jahr waren es nur 1,8 Millionen. Schön wäre es, wenn Israel die Grenzen öffnen würde und wir freien Verkehr in beide Richtungen hätten. Davon würden auch die Israelis profitieren."

Was Sour nicht sagt, erklärt später Bethlehems Bürgermeisterin Vera Baboun, die diese Zahlen kennt. "Das sind natürlich nur Hochrechnungen für 2012."

Im Klartext: Der jüngste Gaza-Krieg ist in diese Kalkulation gar nicht eingerechnet. Wie sehr er dem Tourismus tatsächlich geschadet hat, lässt sich in Zahlen nicht messen.

Oft nur Kurztrips ins Westjordanland

Die 56-jährige Christin Baboun ist erst seit wenigen Wochen Oberhaupt der Stadt – als zweite Frau überhaupt im gesamten Westjordanland. "Das Problem sind die fehlenden Touristen in den Straßen. Viele bleiben nicht einmal einen ganzen Tag."

Verantwortlich dafür sind ihrer Ansicht nach auch israelische Reiseveranstalter, die mit ihren Gästen oft nur Kurztrips ins Westjordanland unternehmen – offiziell wegen Sicherheitsbedenken. "Für die Nachhaltigkeit unseres Tourismus hier ist das schlecht."

Trotzdem bleibt sie zuversichtlich: "An Heiligabend sind die Hotels der Stadt ausgebucht."

"Fremdenführer erzählen, dass wir gefährlich sind"

Souvenirshop-Betreiber Michael Musleh wird wütend, wenn man ihn auf die offiziellen Stellen der Stadt anspricht. "Was machen die da im Tourismusministerium, ihren Hintern breitsitzen?"

Der 63-Jährige verkauft seit 1966 aus Olivenholz geschnitzte Krippen und Kreuze in der Melgrotto-Straße. Er hat sogar eine eigene Firma, die die Devotionalien herstellt. Doch das Geschäft läuft nicht mehr. "2009 und 2010 war es ganz gut, aber momentan läuft es schlecht."

Er hat dafür noch eine andere Erklärung als den Gaza-Krieg: "Die meisten Touristen kommen in Gruppen und werden nur in ganz bestimmte Läden geführt, die dafür extra zahlen. Die Fremdenführer erzählen, dass wir Palästinenser gefährlich sind und sie sich besser von uns fernhalten sollen."

Alle Hoffnung ruhigt auf Heiligabend

Das betätigt auch Peter Giacaman, der in fünfter Generation einen Souvenirshop auf dem Manger-Platz führt. "Das schmutzige Geschäft mit den Touristengruppen macht uns vieles kaputt", schimpft er.

Auch sein gut sortierter Souvenirshop ist völlig verwaist. Er verdient derzeit nur etwa 600 Dollar im Monat. "Hätten meine Eltern nicht ein Haus für mich gebaut, ich könnte davon nicht mehr leben."

All seine Hoffnung gilt jetzt Heiligabend: "Das soll unser bester Tag werden."

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